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Gottfried Mittel.'

Bit seinem 100. Geburtstag (11 August 1915),

Von Peter Hamecher.

Wenn wir heutigen von Gottfried Kinkel reden, so fesselt uns der Roman seines Lebens stärker als sein Dichten. Ans seiner reichlich epigonenhaften Poesie ist auch daS Bild deS Mannes, dessen Name einst wie eine Fanfare des Sturmes durch Deutschland brauste, nicht zu gewinnen. Sein Dasein war eine Weile aufs höchste gesteigert; aber er blieb nur ein mittelmäßiger Bedichter konventionellerpoetischer" Motive. Nicht einmal oie­zermalmenden Hammerschlä^e dos außerordentlichsten Schicksals vcrinochten aus seinem Genius stärkere Funken herauszuschlagen. Ein Gedicht, wie das von den achtzehn Gewehrmäulern, daS er angesichts des drohenden Todes schrieb!, ist im Grunde emp- fmdungsarm in seiner wortreichen Rhetorik. Seine Lyrik ist überhaupt belanglos. Feinere Reize bieten allenfalls die kleinen! Versepen:Otto der Schütz", hübsch, zierlich, bürgerlich-romantisch; ein freundliches Gewächs aus der Trompeter-Amaranth-Welt; Der Grobschmied von Antwerpen", eine Künstlernovelle, farben­satter, malerischer, auch in der Darstellung der Leidenschaft stärker, und das andere Produkt seiner Beschäftigung mit der Kunst­geschichte, das griechische IdyllTanagra", das wertvoll ist um ein paar bekenntnisreicher Worte willen, in denen der Alternde Abrechnung hält ^zwischen den beiden Mächten, die sein Leben waren: dem Politischen Kampfe und der Kunst.

Aber da ssteht es ist der 18. März 1848, und das Patent des Königs Hur beschleunigten Einberufung der Landstände ist eben eingctroffen i auf dem Söller des Bonner Rathauses ein Mann und schwenkt die schwarzrotgoldne Fahne. Und mit seiner Glockenstimme grüßt er die Morgenstunde der neuen deutschen Einheit, die ihm die Bereitschaft Friedrich Wilhelms IV., die Kaiserkrone anzunehmen, leuchtend Heraufzufuhren scheint. Dieser Fahnenschwinger, dieser Bürgerfähnrich ist Professor der Kunst- aeschichte und Dichter von Ruf. Am 11. August 1815 in einem Pfarrhaus'« zu Oberkassel bei Bonn geboren, war er Theologe geworden und hatte an der Universität die Gottesweisheit gelehrt. ^Lber bic enge orthodoxe Einschnürung seiner Jugendzeit hatte den Geist der Oppositton in ihm erweckt, und unter dem Einstuß des kritischen Radikalismus der Jungdeutschen war er von der reckst gläubigen Richtung immer stärker nach links abgedrängt wor­den, bis er sich schließlich, um den Anfeindungen der Orthodoxie, zu entgehen, genötigt sah, sein theologisches Lehramt, das er mit Freiheit ausübte, gegen eine andere Fakultät zu vertauschen.

Doch ihn erwarteten bald neue, heftigere Kämpfe. Die poli­tische Leidenschaft war in ihm wach geworden, und als das Sturm­jahr 1848 kam, riß ihn der Strom der Begebenheiten unaufhalt­sam mit sich fort. Er gründete den demokratischen Wahlverein, gründete Arbeiterbildungs-Lehrvereiue, enttvarf das Wahlpro­gramm seiner Partei und kämpfte in der Zeitung, in Volksver­sammlungen, in der preußischen Kammer für die Sache, die ihm die deutsche Zukunft war; focht für die deutsche Republik, für die Koalition des Volkes gegen die Koalition der Fürsten. Anfangs in seinen Forderungen gemäßigt, wurde er durch die Entwicklung der Dinge immer schroffer, maßloser, unbedingter. Seine allmäh­liche Wandlung läßt der Satz durchscheinen:Wir wollen die Ein­heit, wir wollen ein Volk sein, unter einer Verfassung, unter gleichen Grundrechten, mit ein und derselben Volksvertretung und Regierung, und dadurch wollen wir einig werden nach innen, stark nach außen. Hinter uns Und unseren Wünschen haben die Fürsten die Brücke abgebrochen, unter ihrer Leitung kommen wir nicht zur .Einheit Nur vor uns liegt das Land, liegt Ret­tung, und sie heißt Republik. Wir werden nicht mehr gefragt, was wir wollen oder wünschen; nur um ein Müssen handelt es sich, und dieses Müssen lautet: Untergeben oder durchhalten, Knute oder Freiheitsmütze, Bürgerkrieg oder Einheit." Und am 26. April 1849 gibt er in der letzten Sitzung der 2. preußischen Kammer die Parole von der sozialen demokratischen Partei der Zukunft aus.

Es ist leicht, die Denkfehler des Jdealpolitikers Kinkel, seinen Mangel an realpolitischem Sinn, der ihn bei seinen schwärmeri­schen Intuitionen das Fehlen sachlicher Grundlagen übersehen ließ, nachzuweisen. Leicht ist cs auch, von den Gesichtspunkten anderer Zeilen her sein Handeln als Don Ouixotehaft abzutun. Aber seine Haltung hat Größe, und hinter alt seinem Tun steht die große treue Liebe zum deutschen Wesen. Und nur aus dieser Liebe heraus wurde dieser beivnndernswerte deutsche .Charakter zum Um­stürzler.

Und am 4. August 1849 steht dieser Mann als Hochverräter vor dem Kriegsgericht zu Rastatt. Der Traum von dm: deutschen Einheit, für den er gelebt, für den er gestritten, ist abgetan; ist zerschellt am Egoismus und an derTreulosigkeit" der Fürstend Das Volk will seinen Willen mit den Waffen erzwingen. Und Kinkel, trotzdem er die Gewalt verabscheut; trotzdem er die Verderb­lichkeit und Vergeblichkeit des Unterfangens erkennt, will das Volk, das aus ihn wie aus die Gewähr oer Freiheit schaut, nicht) im Stiche lassen. Am 29. Juni ist er im Gefecht bei Muggensturm verwundet und gefangen worden. Am 4. August steht er vor seinen Richtern und spricht zu ihnen, von denen er das Todesurteil er­

wartet fFür eine sinkende Sache kann ein Mann, der ihr treu: ist, nur Eins tun: er kann mit seiner Person, mit Leib und Leben für sie einstehen. Das habe ich getan. Sie können das, meine Herren, einen Entschluß der Verzweiflung nennen; daß es aber ein EntscUuß fei, der meine Ehre als Mann entwiirdigt nein! Das können Sie nicht sagen!" Und angesichts der Gewehrläufe, die er schon drohend auf sich gerichtet sah, bekennt er sich noch cm* mal laut zum Reichs gedanken, den yu vertreten damals, in den Tagen kleinstaatlichen Partikularismus, als «in Verbrechen gatt. Das Gericht aber erkannte, aus der Anarchie der Zustände die Er-' laubnis zu eignem Rechtsspruch hernehmend:Die Gesetze des preußischen Landrechts bestimmen zwar für denjenigen, die sich picht als Anführer am Kampfe beteiligt, nur 68 Jahre Gex fangenschaft. Weil aber der Angeklagte ein Mann von so hoher Bildung und besser als andere wußte, was er tat; weil fernep die Entschuldigung wegfällt, daß er bei dem Aufstand etwas für sich zu gewinnen meinte, darum erhöhen wir für ihn die Strafe auf lebenslängliche Festungshaft." Der Königmilderte" das Urteil, indem er statt Festung Zuchthaus fetzte, lieber ein Jahr mußte Kinkel hinter Kerkergittern Wolle spinnen, bis sein Freund und Schüler Karl Schurz einen Befreiungsplan entwarf, den er auch im November 1850 aus führte.

Der Traum von der goldenen Republik war zu Ende. Für Kinkel kamen in London, dahin er sich gewandt, Jahre eiserner Arbeit, Und der durch die Folge der Geschehnisse Ernüchterte Vehrte sich immer mehr von der Politik ab. 1866 erhielt er einen Ruf als Professor der Archäologie nach 'Zürich, wo er am 13. November 1882 starb. " ,

Nicht ohne Tragik ist Kinkels Haltung im Jahre 1870. Seine Augen hatten zu lange ins Traumland Utopia gestarrt und waren nicht wehr fähig, sich in der Wirklichkeit zurechtzu finden. So blieb der Vorkämpfer des neuen Deutschland, der doch einst vor seinen! Richtern ausgesprochen hatte, daß er die Einheit Deutschlands in jeder Form begrüßen werde, selbst wenn sie aus der Hand der Hohenzollern käme, bei dem großen Einigungswerke in zwie-r spältiger Stimmung beiseite stehen.

Zwei Momente sind es, die sich in die Seele einbrennen: jen« Gebärde voll schwärmerischer Schönheit, mit der er auf dem Bonner Rathanse die deutsche Flagge entfaltete, irnd seine heldisch ungebeugte Haltung vor den Richtern. In ihnen ist der ganze Mann. Gerne möchten wir aus seinen Gedichten den Hauch seines starken Lebens, das entflammende Pathos seiner öffentlichen Er­scheinung zu uns herüberschlagen fühlen. Doch da ist keine Brücke. Kinkel, der Dichter, und Kinkel, der Volksleld, haben nichts mit-, einander zu tun. ülnd wir wenden uns von dein Dichter ab, und klammern uns an die paar Uns überlieferten großen Augenblicks feines Lebens, um die prachtvoll« Gestalt des deutschen Kämpfers, der ein Volk fortriß, wenn auch auf Irrwegen, so doch mit dep Wahrheit als Ziel, nicht zu verlieren.

-s vüchertisch. - .

Islam und Weltkrieg. Von Richard Schäfer, Sekretär der Deutschen Orient - Mission. 3b S. Verlag von Krüger & Eo., Leipzig. Vorliegendes Schristchen ist ein in der Gegenwart geradezu notwendiges, weil es den zahlreichen Bedenken vieler deutscher Kreise begegnet, die gegen das Bündnis mit den Türken und die Türkenfrenndschaft überhaupt sind. Wer eS Qitf- merksam gelesen hat, wird anders denken und die religiöse und kulturelle Bedeutung der brennenden JSlamfrage in der heutigen Neugestaltung begreifen. _

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Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger NümnMt So lang noch stehn die Allgen offen.

Laßt frisch uns schaßen und fröhlich hoffen Und täuscht uns auch die Hoffnung oft.

Der Mensch ist glücklich, so lang er hofft.

tzchrlstleltung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univfrfftäls-Buch- und Steindruckerei, R. Lgnge, Gießen