an Lehrern mangelt. Ich weiß, daß die Negierung meine Schrift nicht ohne weiteres zu den Akten legen wird. Und wenn sie meine Bitte uirftf erfüllt, dann geh ich ab. Ich werte meine Menschenwürde höher als festes Gehalt und Alterspension. Und deshalb ziehe ich dieses Schreiben nicht zurück!"
Doktor Schrill rang vergeblich nach Atem, uni Moritz Gassel in die Rede 511 fallen. Doch der hatte kraft seiner unerschütterlichen Ruhe die Oberhand und ließ sich nicht unterbrechen. Hundertmal hatte er in beit letzten Tagen diese Dinge durchdacht und hielt mit nichts zurück.
„Ihnen bleibt der Ruhm," fuhr er mit erhobener Stimme fort, „mir meinen Beruf gri'mdlich verleidet zu haben. Dies muß die Königliche Regierung erfahren. Denn ich kämpfe nicht nur für mich, sondern auch für meine Kollegen. Wß'.nn Sie den Mut besitzen, das Schreiben zu unterschlagen, ich habe mir eine Abschrift gemacht, die ich in diesem Falle direkt einsenden werde."
Jetzt siegte bei Doktor Schrill wieder die gute Erziehung, er machde auf der Stelle kehrt und verschwand auf Sulitsch zu.
Vierzehn Tage wartete Moritz Gassel auf Antwort, daun erschien eines Morgens gegen zehn Uhr der alte, weißhaarige Schulrat aus Breslau, den er von seiner Prüfung her kannte.
Er setzte sich hinter das Katheder und putzte sich die Brille, die von der Kälte angelaufen war.
„Fahren Sie ruhig fort in Ihrem Unterricht!" sprach er freundlich zu Moritz Gassel und wandte sich dann an die Kmder. „Ich w>erde etwas zuhören, tut so, als säße ich nicht hier!"
Und Moritz Gassel unterrichtete, vermittelte neuen Stoff, wiederholte, lobte und schalt und kümmerte sich nicht mit einem Gedanken um den Schulrat. Die Kinder fühlten schnell me freie Sicherheit ihres Lehrers, der gelassen seine eigenen Wege ging, und folgten ihm aufinerksam und lebhaft. Zwei Stunden dauerte das, während der Schulrat steif und stumm auf dem Stuhle saß und kaum die Augen bewegte.
Schlag zwölf Uhr entließ Moritz Gassel die Kinder, und der Schulrat hatte nichts dagegen.
Dann ließ er sich den Garten zeigen, betrachtete die Anlagen mit viel Verständnis und machte endlich an der Stelle halt, wo Moritz Gassel den Zaun des alten Schulgartens entfernt hatte.
„Ich würde Ihnen raten," sprach er ruhig, „diesen Zaun wieder an seine Stelle zu setzen. Es ist dies eine reine Formalität. Machen Sie eine Tür hinein, bamit Sie bequem Au Ihrer neuen Anlage gelangen können."
Moritz Gassel versprach es und zeigte dann dem Schulrat auf sein Verlangen die Bienenvölker, die sich schon zu regeln begannen. Denn es war schon Mitte März.
„Ich kann es verstehen!" sprach er, als sie wieder rm Schulzimmer waren. „Daß Sie sich gegen Ihre Versetzung strauben, aber es wird Ihnen nichts helfen. Die Entscheidung laßt sich unter keiner Bedingung rückgängig
cm Ä!™ uruß ich mein Amt niederlegen!" erwidertc Moritz Gassel fest.
. .„"^fen Sie sich wohl!" mahnte der Schulrat. „Ick n < .v^bn. gern bekennen, daß sich mein Urteil über I'hrc Lehrtätigkeit Nicht mit den Protokollen deckt, die bei Ihrer Akten lregem Nehmen Sie meinen väterlichen Rat an unt Jiefien Sic Ihre Schrift zurück. Noch ist es Zeit, Versucher Sre noch einmal Ihr Gluck beim Examen, Es wird Zhner schon gelingen." 0 '
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„Ich kann nicht!" preßte er heraus.
"Gehen Sie nach Kletzine!" fuhr der Schulrat fort ,,Ich werde dafür sorgen, datz Sic nicht lange dort bleiben Ich werde versuchen, Sie nach Ablauf eines Jahres wieder uach Britzkawe zurückversetzen zu lassen. Aber ziehn Sic Ihr Schreiben zurück!"
Moritz Gassel gab noch iniiner keine Antwort.
"N will jetzt nicht weiter in Sie dringen. Ueberleaer Sie sich diese Angelegenheit genau. Denken Sie an Ihn Zukunft. Der Staat lebt nach anderen Grundsätzen als bei Eiuzelmensch. Der Beamte muß von seiner Judividualitäi manches, ;a vieles aufgeben. Dafür aber tauscht er das ein k anderer Stand in solchem Maße aufzuweisen hat
das Bewußtsein, der Allgemeinheit zu dienen. Bis morger
haben Sie Frist. Ich logiere in Sulitsch im Hotel Schwarzer Adler."
Jetzt stieß Moritz Gassel einen schweren Seufzer aus. Der Schulrat fühlte den Widerstand weichen und wagte noch einen letzten Vorstoß.
„Bedenken Sie, was folgt, wenn diese ärgerliche Sache ihren Lauf nimmt. Es gibt eine Untersuchung, bei der Sie nichts gewinnen können. Ich gebe ja zu, daß manches in, Ihrer Beschwerdeschrift nicht grundlos ist. Aber vieles ist übertrieben und schief gesehen. Wie wollen Sie Ihre Behauptungen beweisen? Man versaßt solche SchriftsUicke nur, wenn man jung ist, sehr jung, und die Entfernungen noch nicht abschätzen kann. Beharren Sie aber auf Ihrem Willen und legen Sie Ihr Amt nieder, so wird die Behörde Sie anhalteu müssen, ihr die Auslagen Ihrer Ausbildung hcrauszuzahlen. Sie wissen doch, daß Sie einen Revers unterschrieben haben, bevor man Sie ins Seminar ausgenommen hat?"
„Ich habe nichts!" sprach Moritz Gassel und seine Stimme klang rauh.
„Ein Grund mehr, Ihre Unbesonnenheit wieder gut zu machen!" meinte der Schulrat und reichte ihm zum Abschied die Hand.
Moritz Gassel sah der Droschke so lange nach, bis sie hinter dem Vorwerk verschwand, dann ging er zu August Knorreck, den er im Pferdestall traf, um sich nnt ihm zu beraten.
„L-ou rch s zuruckziehen?"
„Dass ist hier nicht die Frage!" erwiderte der Inspektor. „Hier handelt es sich darum, ob Sie sich weiter mit der Schulmeisterei abplagen wollen, oder ob Sie den ganzen Krempel über beit Haufen schmeißen wollen."
Moritz Gassel wußte nicht aus noch ein.
„Angenommen!" fuhr August Knorreck fort, „Sie quittieren den Dienst. Wchs gedenken Sie dann z(l tun?"
„Hm!" machte Moritz Gassel unsicher. „Ich werde an eine Privatschule gehen."
„Also wollen Sie doch bei der Schulmeisterei bleiben!" entschied der Inspektor. „Dann bleiben Sie doch lieber gleich im Staatsdienst. Ziehen Sie den Brief zurück, gehen Sie nach Kletzine, machen Sie Ihre Prüfung. Und in einem Jahre sind Sie wieder in Britzkawe. Ein Jahr ist bald herum. Und sollte dann die Sache irgendwo hängen bleiben, ich fahr wieder nach Breslau und sprech frei von der Leber weg. Darauf geb ich Ihnen mein Wort!"
Moritz Gassel schlug ein.
„Da will ich's doch zurückziehen!" sagte er schleppend, denn es wurde ihm sehr schwer. Run aber, wo er sich selbst besiegt hatte, war ihm plötzlich leicht zumute.
„Das eine will ich Ihnen noch sagen!" meinte August Knorreck und hielt die Hand fest. „Das mit der Privatschule ist e»ne Dummheit. Wenn Sie schon abschiiappen, dann ganz davon weg. Ein Mensch wie Sie, der braucht sich nicht weg- zuwersen. Sie sind ein geborener Landwirt. Und wenn Sie den Krempel über den Haufen geschmissen hätten, dann hält A zu Ihnen gesagt: Herr Gassel, bleiben Sie hier bei mir. Für Sie Hab ich immer Arbeit!"
^^^/in!" sagte Moritz Gassel und schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf. „Wer sich einmal mit der Schulmeisterei eingelassen hat, der taugt zu nichts anderem!"
^ ^ nach Hause, um an den Schulrat in
Sulitsch zu schreiben.
(Fortsetzung folgt.)
vw wuymienicq.
Novelle von R i ch a r d N i e ß (München).
protze Festplatz langweilte sich in dein grauen Halbdunkel des Verbstnachnnttags. Fremd und verloren lag er von nur wenigen Besuchern durchquert, inmitten der Geschäfüakeit arbeitsamer Stadtstraßen Mit peinlicher Wahrheitstreue ent- huilte dav letzte Licht dre lebensferne Unsolidität der bunten Emtagsbautcn und der exotischen Vergnügungsmaschinen, die die Erinnerung an kindliche Zaubergeräte wachriefen. Verächtlich fielen die Blicke des^ scheidenden Tages auf die zinnoberrot^ Schmmke zermürbter Schaustellergesichter und betonten die Starr- k ^cr"frorenen Lächelns, mit dem grotesk-putzige Ausrufer und Kassiererinnen die Vorübergehenden anzulocken versuchten.
Auf emmal aber kam mit dem kreischenden Tone zusammenschlagender Riesenvogelflügel das heilsame Licht, schrie auf in den Kugeln der elektrischen Bogenlanipen mrd verwcuidelte den


