Han von Werth.
Roman aus dem Dreißigjährigen Kriege von Franz Herwig.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Am Abend zog das Kornett vor dem Zelt des Feld- kavlans auf. Gewichtig thronte in ihrer Mitte das Weinfaß. Jan hatte den Zeltvorhang zurückschlagen lassen und sah zufrieden aus die Zechenden. Die saßen am Boden. Von Lagerfeuern, die Jan nicht sah, sprühte zuweilen ein Schauer Funken über ihre spiegelnden Eisenhelme. Ganz fern am dunklen Horizont schwankte eine matte Röte hin und her, die zuweilen sich groß über den ganzen Himmel rockte: irgendwo in der Festung brannte es. Zuweilen brach im Kornett ein dröhnendes langanhaltendes Gelächter los; wenn es schwieg, klang von ferne der Gesang müder Soldaten, die von beu Schanzen heim kehrten. Ab und zu trat einer von Jans Kameraden ins Zelt, er erschien Jan riesengroß gegen den brandbeschiedenen Himmel, und hielt ihm den Becher hin. Jan nippte. Joso Maria saß schweigend am Bett.
Da sagte Jan:
„Gs ist nichts schöneres auf der Welt, als Soldat zu fein. Mitten im L^ben ist er, wo's am heißesten wirbelt und dicht am Tode. Lebe, Soldat, sagt der Tod, du weißt nicht, wann ich komme. Und er erlebt die Nacht wie nie ein Bürger. Der freie Wind weht mutig um seine Stirn. Und cs ist, als rvenn er die Stimme der Erde hörte, er und sonst keiner. Er berennt Städte und reitet übers Land. Er setzt durch Flüsse und klimmt über Berge. Das Leben ist ihm jeden Tag neu und immer macht er am Becher des Lebens die Nagelprobe, denn ihm über die Schulter greift wohl schon der Knochenmann nach dem Becher. Gerad so schmeckt er gut."
Es war ein seltsam Wundern in ihm. Aber Jos6 Maria spottete:
„Der nachdenkliche oder philosophische Soldat, oder Bellona in der Toga des Weisheitsfreundes. — Mir wär's anders wohlcr. Wo sind meine Bücher, Jan, wo die schönen Abende, die ich mit geistreichen Leuten im Gespräch znbrtngeu tvolltc, wo die königlichen Essen, zu denen man mich ein- geladen hätte? Wenn ich nicht diese dumme Liebe zu dir hätte, wär ich in Mus Jahren Domherr. Im übrigen irrst dn. Sprich deine Weisheit den Kameraden vor und sie lachen und sagen: Prosit Jan. Dummer Jan, der du deine Kameraden tiefsinnig findest!"
(Jan schwieg verletzt. Aber lauge nachher sagte er leise und zuversichtlich: „Ich habe doch recht, Jos6 Maria. Sie emvfmden alle so wie ich. Sie wären sonst nicht dem Kalbfell gefolgt. Sie wissen'? nur nicht und machen kein Gerede darum."
Der Abbe aber schien zu schlafen, denn er antwortete nicht mehr.
Eines Tages starb Oberst Sturmius an seinen Wunden. Als Jan am nächsten Mittag die Trompeten hörte, die die Sturmius-Dragoner zur Totensolge riesen, litt es ihn nicht mehr im Bett. Er stand auf und legte die Montur an. Und als der Leichenzug durch die Lagergasse kam, trat er ins Glied, ohne Helm zwar und mit verbundenem Kopf, aber der war hochaufgerichtet.
„Torr — Torrr — Torrrr," wirbelten dumpf die sechzehn Trommeln. „Torrr— rorrr — rorrr."
Und langsam, mit festem Schritt, schweigsam wie Kar- thanser, aber die Augen fest gradaus, marschierten die Dragoner hinter der Bahre ihres Obersten.
„Torrr — Torrr — Torrr," wirbelten die Trommeln, und mit leisem Rauschen schlugen die Reitersähnlein gegen den Schaft, wenn ein Seewind kam.
Eine halbe Stunde über die grüne Ebene bis zu dem Dorf Middeldam, dort auf dem kleinen Friedhof wurde der Oberst begraben. Die Musketen donnerten dreimal, jedesmal wie ein gewaltiger Schlag, die Fähnlein sanken in den Staub, und dann ging's frisch ins Lager zurück.
Der Generalissimus. Herr Spinola, ließ sie vorbei. Als er Jan sah, drohte er ihnl mit dem Handschuh.
„Bist du wieder auf den Beinen? Dachte schon, ich sollte dein Pferd erben."
„Pipen und Flöten, aber nicht mein Pferd!" ries Jan fröhlich und Spinola lachte, denn er verstand Spaß.
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Hinter der Front der Spanier nach Breda zu streiften Trupps holländischer Bauern. Sie störten die Zufuhr und singen hier und da Wachen ab. Das dritte Kornett erhielt Befehl, Ordnung zu schassen. Jan ritt mit, jauchzend vor Lebensfreude, auf seinem Rappen, der unter ihm tanzte. Aber es gefiel ihm wenig, daß er und seine Kameraden mehr Henker als Soldaten sein mußten. Rings im Land hingen die Bauern am Baum wieKrammetsvögel. Da erhielt Jan die Erlaubnis, mit drei Kameraden neben dem .Haupttrupp als .Kundschafter einher zu reiten.
Die Festung Breda war in bedrohlicher Nähe. Jan ritt mit seinen vier Pferden so ruhig aus der großen Landstraße von Hertogenbvsch nach Breda hin, als wüßte er eine ganze Armee hinter sich. So zog er eines Tages in das stattliche Dorf Koewarden ein, gab vor der Kirche ein paar Musketen- schüfst ab und ließ die ersten besten Bauern greifen. Darauf schwur er unter gräßlichen Flüchen und ließ sein Pferd sich bäumen, daß er alle Einwohner aufhäugeu, das Dorf aber an allen vier Ecken anstecken werde, wenn nicht fünfhundert Gulden Lösegeld in einer halben Stunde vollwichtig vor ihm anfgezählt würden. Die Bauern, die glauben mochten, daß die ganze Armee Svinolas heran sei, beeilten sich die fünfhundert Gulden zu schaffen. Jan band die Beutel zierlich an seinen Sattelknovs und ritt davon.


