Jan von Werth.
Roman aus dem Dreißigjährigen Kriege von Franz Herwig.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Der Wachtmeister Schulte ritt einmal mit Jan zur Erkundung voraus. Als sie durch ein Wäldchen waren, sahen sie drei Reiter nicht weit, die gemächlich heran kamen. Da es drei waren, meinte der Wachtmeister, daß sie selbst in der Minderzahl seien und sich also verstecken müßten. Jan aber schwur, daß er auf seiner Isabelle nicht ewig zur Schande des Heeres in Brabant herumreiten könne.
„Der Käsefresser dort," sagte er, „scheint mir einen tüchtigen Rappen zu reiten. Ich werde ihn fragen, ob er ihn mir ablassen will."
Und sofort zwang er seine Isabelle mit Sporenhieben zu einem bockenden unwilligen Galopp, indem er die drei Reiter schon von weitem durch Winken her Hand begrüßte. Als er näher kam, wurde es ihm ein wenig bänglich, denn der Rappe (Herrgott — wie er die Füße setzte — wie ein junges Mädchen beim Tanz!) gehörte einem Offizier. Aber zurück konnte er nicht mehr.
„Mein Herr Kavalier," ries er, „ich bin närrisch versessen auf Euren Gaul. Tauscht ihn gegen meine Isabelle, die Euch sicher ebenso zusagt."
Sie waren dicht zusammen. Ihre Gäule beschnoberten sich.
„Bist du betrunken, Kerl?" rief der Offizier, aber er lächelte.
(Jan lächelte nun auch und setzte sich im Sattel zurecht.
„Nein, mein Herr Kavalier, ich bin der nüchternste und höflichste Mensch der Welt. Aber ich müßte unhöflich werden und Euch beit Gaul fortnehmen, wenn Ihr nicht gutwillig absteigt. Denn ich tvill eher mein Seelenheil drangeben als den Rappen."
„Verfluchter Papist," schrie der Holländer, „greift ihn, Burschen!"
„Zieh, Käsesresser," brüllte Jan und die Klingen tanzten einen entzückenden pas de denx miteinander und machten! dazu noch selber die hellste, klirrendste Musik. Leider lvar der Tanz nicht lang. Der Offizier schunmkte plötzlich im Sattel, und da die beiden holländischen Soldaten gesehen hatten, wie der Wachtmeister Schlüte herangaloppiert kam, hatten sie ihre Gäule herumgeworsen lind ritten davon, daß der Sand stob. Msv mußte Jan den Offizier in seine Arme nehmen und auf die Erde gleiten lassen.
,',Junge, Jan, Teufelskerl," keuchte der Wachtmeister und lachte.
Jan hob den Holländer schon aus seine Isabelle.
„Es lohnt schon, ibit mitzunehmen", sagte er. „Er hat
einen Stich unter der sechsten Rippe mtb nur drei Finge« breit hinein."
Der Offizier schlug die Augen auf und stöhnte.
„,Ja," sagte Ja.!? mitleidig. „Ihr dauert mich. Aber weshalb inußtet Ihr einen so guten friedlichen Handel auch mit dem Degen austragen wollen."
Und er schwang sich auf den Rappen.
Der General Spinola lvar bei der Vorhut. Er lag aus einen! niedrigen Bnueruwageu ans Polstern, denn eine alte Wunde am Schenkel hinderte ihn am Reiten. Er winkte den Wachtmeister heran. Der, .Hand am Helm, berichtete.
t,Hör du/' ries dann der Gei,eral Jan zu. „wenn ich reiten könnte, müßtest du mir den Gaul lassen. Aber lvenn bu einmal eine gute Kutsche findest, so verkauf sie mir."
„Exzellenz, Ordre!" sagte Jan und ritt zufrieden davon.
Vier Tage darauf tauchten die Türme von Bergen auf. Das Heer rückte in Schlachtlinie, denn die Holländer! schwärmten vor ihrer Front. Sie warfen ans kleinem Geschütz ein paar unschädliche Kugeln hinüber und zogen sich zurück, als die Kürassiere al'.ritten. Das Heer folate. Aber plötzlich begann die Stadt sich in Rai uh zu hüllen: Die großen Geschütze auf den Wällen brüllten ein donnerndes „Halt".
*
Die Spanier errichteten sechs Batterien, aus halbmondförmigen riesigen Erdwällen, bespickt mit Schanzkörben. Tie mattgläuzenden dunklen Bronzerohre der War- taunen schoben sich über die Walsbrüstung, unb am Tage des heiligen Georg nach einem feierlichen Gottesdienst krachte der erste Schuß gegen das Antoninstor. Und mm schwieg Tag und Nacht das Feuer nicht mehr. Der gelbe Pulver qualm zog in dicken Schwaden über das Felo; lvenn eine Bombe in der Stadt gezündet hatte, stand eine dunkelblaue Rauchwolke über den Dächern und wallte ini Seewind um die groote Kerk.
Da hatte nun Jan den Krieg. Er schien im Troß geboren 511 sein, so behaglich fühlte er sich inmitten dieses nie abbrechenden Kampfes. Er glaubte mehr zu leben als sonst. Die erregende Musik der Schlacht ließ alle [eine Empfindungen höher schlagen und lvenn bei einem der vielen Ausfälle die Sturmius Dragoner im Getümmel standen und das Krachen der Musketen sich in das Gebrüll der Kanonen lnischte, geschah es oft, daß er unartikulierte Schreie allsstieß oder sang, indessen sein Gesicht brannte und seine Augen flammten.
Am wildesten wurde der Kampf, wenn Moritz von Nassau an der Spitze seiner besten Regimenter ansrückte und Spinola in seinem Wägelchen herbeieilte, um sich mit dein gefürchteten Gegner zu messen. Es gab Tote in Massen. Das Handgemenge wurde so wild, daß man sich die Pistolen mitten ins Gesicht hielt und losbrannte, daß man sich mit Degeu- knaufen in die Zähne schlug, da in dem Gewühl die langen Klingen zwecklos lvurden. Solche Gefechte dauerten den ganzen Tag. Am Abend lösten die Kämpfenden sich ermattet


