Nr. 2*6
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Erstes Blatt
(OS. Jahrgang
Samstog, 19. Oktober,M3
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Erneute Vurchbruchsversuche der Feindes gescheitert.
wochenriiSblick.
Früher hatte Wilson von einem Rechtsfrieden gesprochen, bei dem es weder Sieger noch Besiegte geben dürfe. Leute ist er anderen Sinnes. In den letzten Jahren deutscher Siege hatten unsere Freunde eines Verständigungsfricdens das Ziel einer Menschheitsversühnung mit der Festigkeit und Freudigkeit eines religiösen Glaubens verfolgt; sie fühlten ihre Gewissen beruhigt und gehoben in der Nolle großmütiger Geber und Nact>geber. Und jetzt sehen wir alle ein, daß das Ende des Weltkrieges anscheinend dennoch den Weg nicht frei gibt zum erlösenden, immerdar gesicherten Frieden. Worte und Taten unserer Gegner scheinen wie von harter Todfeindschaft eingegcben zu sein. Wir sollten es wünschen, daß die neue deutsche Note, die heute oder morgen nach Washington abgehen soll, mehr ist als eine teils zustimmende, teils zurückn„isende kurze Antwort — daß sie vielmehr tief in den Wortschatz des amerikanischen Völkervcrsöhnungs- philosophen hineingreist und seinem Handeln, das er jetzt vor uns an den Tag legt, mit dem Spiegel seiner eigenen Gedanken nachspürt. Um unseren „Militarismus" niedriger zu hängen und uns als unverbesserliche Eroberungspolitikec hinzustellcn, sagte er in einer seiner Reden: ,Mir haben sie mit den Russen verhairdeln sehen" . . . Nun, wir dürfen heute wohl sagen, daß wir mit den Russen doch in etwas anderer Weise verhandelt haben als Herr Wilson mit uns. Die russische Front lag vor der unsrigen viel widerstandsloser als unsere Front im Westen vor den Angreifern der Entente; aber wir haben beim Abschluß des Waffenstillstandes die „Garantien" bei weitem nicht so hoch gespannt, wie es Wilson unter dem Druck seiner Soldateska tut. In Wahrheit will man uns nicht nur als Besiegle, sondern auch als Ge- dcmütigte behandeln. Wilson ging nicht nur auf reine „gemischte Kommission" ein, wie sie unsere Regierung vor- geschlagen hatte, sondern er verwies uns, indem er plötzlich tzanz den Ton und die Methode seiner ersten Antwort wechselte, <rrf die militärischen Befehlshaber unter Fvchs Führung. die beim Waffenstillstand und der von uns angebotenen Räumung unter allen Umständen ihre militärische Ueber- legenheit sicherzustellen Halden. Die Räumung der besetzten Gebiete genügt also nicht; wahrscheinlich soll Fochs Hand beim „Waffenstillstand" auch schon in deutsches Besitztum hineingreifen. Im übrigen, so setzte der Präsident beleidigend hinzu, könne von Waffenstillstand überhaupt nicht gut die Rede sein, solange nur noch Schisse grausam versenkten und beim Rückzug im Westen barbarische Verwüstungen hinterließen. Diese Beschimpfungen und Verleumdungen werden hoffentlich festen Tones zurückgewiesen werden. Sodann wäre es tröstlich und erfreulich, wenn fürs nächste gar nicht mehr so dringlich von einer Waffenruhe die Rede zu sein brauchte. Graf Burian hatte sich vor einigen Wochen damit begnügt, von Wilson zu wünschen, daß er in Beratung über Bedingungen des Friedens eintreten möge. Dabei sollten wir einstweilen bleiben; Herr Wilson, mag die Anwendung seiner Punkte in den Einzelheiten näher mit uns erörtern. Freilich verlangt er auch hierfür zunächst noch eine Garantie, nämlich die Vernichtung jeder willkürlichen Macht (oder „deren Herabminderung zu tatsächlichem Unvermögen"), die den Frieden der Welt stören kann. Das zielte wohl auf den Kaiser, der in der Tat in der heutigen Zeit es nur als eine willkommene Entbürdung angesehen haben wird, daß am Dienstag der Bundesrat eine Verfassungsänderung beschlossen hat, wonach die volle Mitwirkung der Volksvertretung bei den Entscheidungen über Krieg und Frieden sichergestellt wurde. Damit ist Wilsons Voraussetzung erfüllt, ohne daß man sagen kann, das sei ihm zu Liebe geschehen. Bei der tiefen Umpflügung unserer Regierungsverhältnisse war es keinen Augenblick zweifelhaft, daß gerade auch in diesem Punkte das Alte, das sich überlebt hat, fallen würde.
Es ist klar, daß unsere Regierung besorgt sein muß, die Verhandlungen mit Wilson nicht vorzeitig zum Scheitern zu bringen. Er mag uns endlich die konkreten Forderungen für den Frieden vorlcgen, damit wir wissen, woran wir sind. Die dahingehende Frage unserer Negierung müßte mit festen Vorbehalten, ja auch einer eindringlichen Warnung begleitet sein, denn der schroffe Ton des Präsidenten läßt Unmögliches befürchten. Er soll fühlen, daß wir jetzt wohl besondere politische Gründe haben, mit ihm Verhandlungen zu suchen, aber daß wir keineswegs mit Knechtsgebärde vor ihm stehen. Es wäre wohl angebracht, daß in der neuen deutschen Note gleichfalls einige Sätze sich sinden, die mit den geharnischten Worten beginnen: „Es muß Klarheit bestehen" . . .
Mit Oesterreich-Ungarn will Wilson gesondert verhandeln. Es heißt indessen heute, eine besondere Note werde erst nach Eingang der deutschen Antwort von Washington nach Wien gesandt werden. In dieser Zwischenzeit hat die Habs-^ burger Monarchie mit großer Hast eine Art Toilette füH den Verhandlungssaal gemacht. Wir dürfen es wenden und drehen wie wir wollen, es bleibt nun einmal dabei; Der Präsident der Vereinigten Staaten ordnet die Wirkungen des vierjährigen Krieges in sein „System" ein. Wenn man fragt; wer hat mehr vollbracht; der Krieg oder der Herrscher im Weißen Hause? — so ist es keine Frage, daß der göttliche Mars den stärkeren Arm besessen hat. Er hat viele Farben der Entente eindorren lassen; Das Uebciggebliebene soll der Malkunst des Washingtoner Staatsrechtsprofessors dienen. Da kann dem Bau Europas noch manche Willkür drohen! Wir Deutsche, deren Stellung innerhalb Europas immer noch ziemlich vorherrschend geblieben ist, weil von unseren Schlägen alte Feinde arg zusammengesunken sind, müssen uns gefallen lassen, daß der fremde Mann in Amerika uns aus nur einer übrig gebliebenen Musterkarte die Tae°
peten heraussucht, mit denen wir unser neues Heim ausstaffieren werden. Es war keine große Wahl, und wir können ihm die etwas eitle Freude lassen. Aber wie dick die Mauern sind, innerhalb deren wir uns einrichten, darüber soll er nicht so ohne weiteres das Machtwort aussprechen. Wir wollen unser Selbstbcstimmungsrccht ausüben, auch wenn die Waffen niedergelegt werden, auch die Preise uns nicht einfach diktieren lassen. Es ist recht unbehaglich, daß Wilson in solcher Art alle Friedenskonjunkturen beherrscht. Wie einem Modeprinzen gehen ihm einige der österreichisch-ungarischen Nationalitäten entgegen. Die Tschechen wollen ihr Reich von ihm gebildet haben, weil sie glauben, daß er ihre Farbe ganz besonders liebt. Auch die anderen außerdeutschen Staaten, denen Selbständigkeit zngesagt worden ist, haben größeren Appetit, als ihn Kaiser Karl befriedigen kann, und Ungarn, das auf der Basis der Personalunion vom alten Reich sich losgemacht hat, wird auch noch bor schwere Fragen, z. B. die kroatische, gestellt loerden. Es läßt sich heute schrvcr beurteilen, ob der österreichische Staatenbund von dem schwachen Kitt zusammengehalten werden kann, der im Wiener Tiegel zurückgeblieben ist. Man kann wohl eher von einent Zerfall, als einem Neuaufbau sprechen.
(WTB.) Großes Hauptquartier, 18. Oklobrr. (Amtlich.)
W e st l i ch e r Kriegsschauplatz.
In den letzten Tagen haben wir Teile von Flandern und Nordfrankreich mit den Städten: Ostende, Tourcoing, Roubaix. Lille und Douai geräumt und rückwärtige Linien bezogen. Zwischen Brügge und der Lys stteß der Feind gestern mehrfach mit stärkeren Kräften nach. Er wurde abgewiesen. Englische Kompagnien, die nördlich von Korjrik übe^ die Lys vordrangen. wurden im Gegenangriff wieder zurückgeworfen. Oestlich von Lille und Douai besteht nur lose Gefcchtsfühlung mit dem Feinde.
Zwischen Le Chateau und der Oise ist die Schlacht von neuem entbrannt. Engländer, Franwsen und Amerikaner suchten wiederum unter Einsatz gewaltiger Kampfmittel unsere Front zu durchbrechen. Beiderseits von Le Chateau sind Angriffe des Feindes vor unseren Linien gescheitert. Oe etliche Einbruchstellen wurden im Gegenstoß wieder ge ändert. Zwischen Le Chateau und Aisonville drang der Feind an einzelnen Stellen in unsere Linien ein. Nach mechsetoollem Kampfe brachten wir den Feind vor unserer Artillerie, an der von Le Chateau nach Walftgny führenden Straße bei La Pallee—Dculätre und Mennevret. sowie nordöstlich von Aisonville zum Stehen. Wo der Feind darüber hinaus vordrang. warf ihn unser Gegenstoß wieder zurück. Aisonville und die südlich anschließenden Linien wurden gegen mehrfachen Ansturm des Feindes gehalten. Auch am Nachmittage sind vor ihnen erneute Angriffe gescheitert, ebenso blieben die gegen die Oise-Front, nördlich von Origmi gerichteten feindlichen Angriffe ohne Erfolg.
An der Aisne setzte der Gegner seine heftigen Angrifft östlich von Olizy fort. In hartem Kampfe wurde er angewiesen. Preußische Jäger führten westlich von Graudpre, Brandenburger und Sachsen auf dem Ostufer der Maas er, fvlgreiche Angriffsunlernehmungeu durch.
Der Erste Generalquartiermeister Ludendorff.
Staatssekretär des Reichsschatzamtes Graf RoederN über die Rriegsanleihe:
Mb Rrieg, ob Frieden, die Zeihnung der Brietzsanleihe bleibt in jedem Falle das wichtigste Gebot der Stunde.
ftiVtVLWl
Ter -lbeudberlcht.
Berlin. 18. Okt.. abends. (WTB. Amtlich.)
Zwischen Le Eateau und der Oise sind erneute D u r ch b r u ch s v e r s u ch e des Feindes gescheitert.
Auch in Flandern, nördlich der Lys und an der Aisne beiderseits voll Vouziers und westlich von Grand Prä wurden heftige feindliche Angriffe abgewiesen An der Maas ruhiger Tag.
*
Ter österreichisch.ungarische Tagesbericht.
Wien, 18. Oktober. (WTB.) Amtlich wird rcrlauibart:
I t a l i e n i s ch e r K r i e g s s ch a n p l a tz.
Westlich des Garda-Soes schlugen Abteilungen des Tiroler Landsturm-Bataillons Nr. 163 einen italienischen Vorstoß zurück. Auch sonst seblwftere Gefechtstätigkeit.
Albanischer Kriegsschauplatz.
In Albanien keine größeren Kampfhandlungen. An der westlichen und im Tale der südlichen Morawa scheiterten serbische Angriffe.
Der Chef des Generalstabs.
Erneute Beratungen in Berlin.
Berlin, 18. Okt. (Priv.-Tel.) Wie wir hören, findet heute abend 6 Uhr eine neuerliche Sitzung des sogenannten Kriegskabinetts statt, in der über die endgültige Fassung 0er deutschen Antwortnote Beschluß gefaßt werden soll. Die Absendung der Antwort dürfte vor Samstag nachmittag nicht zu erwarten sein.
Washington, 18. Okt. (Reuter.) Amtlich wird mitgeteilt, daß an Oesterreich keine Antwort ge'chickt werden wird, bis Deutschland endgültig auf die Note Wilsons vom Montag geantwortet hat.
Die nächste Sitzung des Reichstage
Berlin, 18. Okt. (WTB.) Die nächste Sitzung des Reichstags findet am Dienstag den 22. Oktober, nachniittags 2 Uhr, statt.
Der deutsche Rückzug in Belgien.
Berlin, 19. Okt. Nach einer Meldung desL.-A. ans Rotterdam sind der König und die Königin der Belgier nach Ostende gefahren und dort mit großem Julie! empfangen w.wden. Tie Stadt ist beflaggt. Eine große Anzahl von Fluyzeugen der Meierten ist auf dem Strande gelandet. Brügge ist von der aläurtm Truppen besetzt worden.


