Nr. 106 Swetter B?aft Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Dienstag, r. Mai 19X8
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 7. Mai 1918.
** Amtliche Person alnachrichten. Bestätigt wurde am 1. MM der von dem Herrn GraKen Au SolMs-9tödekheim in Afferchttm ans die erledigte -weite LchrerMle an der Volksschule zu Assentzttm im Kreise Friedberg Präsentierte Leihrer Philipp Sdäottner daselbst für diese Stelle.
Am 23. v. Mts. wurde der Banklmchhatter bei der Landes- Hypothekenbank Justus Fischer zu Darmstadt vom 1. Rdai 1918 an bis Kur Wiederherstellimg sturer Gesundheit in den Ruhestand versetzt.
** Jungwehr: Mitttvvch abend 8Vr Uhr Antreten in der Obervealschule.
** Rotes Kreuz,. Bon der Verband- und Kranken-Er frLßhungssbelle des Roten Kreuzes am Bahnhof Gießen wurden im Monat April 1918 an 1269 durchreisende Soldaten und Verwundete Erfrischungen verabreicht, die Scrnitätswache führte 965 Transporte aus und hat in 225 sonstigen Füllen Hilfe geleistet.
**Oefsentliche Bücherhalle. Im April wurden 1780 Bunde ausgeliehen. Davon kamen auf: Erzählende Literatur 1050, Ztttschttften 206, Jügendscbriften 172, Litera turgesrlmhte 13, Gedichte und Dramen 27. Länder- und Völkerkunde 43, Kulturaeschiichte 19, Geschichte und Biographien 83, Kunstgeschichte 10, Na tntvusseu schuft und Technologie 76, Heer- und Seewesen 6, Haus -und Landwirtschaft 5, Gestnidheitslehrc 2, Religion und Philosophie 40, Staats- Wissenschaft 11, Sprachwissenschaft Fremdsprachliches 15 Bwnde Nach auswärts kamen 4 t Bäjndo.
** R ü ck f ü h r u n g von Leichen. Um den Wünschen von Angehörigen der auf dem westlichen Kriegsschauplatz Gefallenen zu entsprechen, hat es sich nach einer Mitteilung des Kriegs ministes riurns wider Erwarten ermöglichen lassen, die verhmrgte Sperre aufzuheben und Rückführungen von Leichen — soweit es die Be- tttebslage und KampsverhalMisst erlauben — widerruflich bis zum 31. Mai 1918 zu gestatten. Falls die in letzter Zeit aus militärischen oder Verkehrs technischen Gründen abgelehnten Gesuche aufrecht erhalten werden, sind sie unverzüglich bei dem Stellver-, tretenden Generalkommando erneut einzureichen.
** Erzeugerrichtpreise für Gurken und Kür - bisse. Die- Revcktsstelle für Gemüse und Obst hat im „Reichs- anzttaer" Nr. 102 nunmehr auch Erzeugerrickstpreise für Gurken und .Kürbisse bekannt aemacht, die als Grundlage für die von den ottlickion Prttskommijsionen aufzustellcnden Höchstpreise dienen. Sie geben den Anbauern Anhalt spuntte für die voraussichtlich zu erwartenden Höchstpreise. Tie Höchstpreise selbst iverden kurz vor der Ernte bestimmt und bekannt gemacht, damit das voranssickstliche Ernteergebnis berücksichitigt werden kann.
** Schwarz-Weiß-Licht spiele, Seltersweg 81. Bon heute ab gel-anch der dlnsklärimgsfilm „'siegende Sonne" zur Aufführung. (Siehe Anzeige.) lieber das eindrucksvolle Fllmwcrk schreibt z, B. die ,,München-Augsburger Abendzeitung" u. a.: .Inszeniert von Tr. med. Maschke, ist mit er Mitwirkung des deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose der von Robert Heymann gelieferte Text zu einem bekehrenden Film' verarbeitet worden.' Während der Zuschauer der dramatischen. Entwicklung voll Spmruung folgt, prägen sich chm in ergreifendes Weise die ersichtlichen 'Merkmale der l^ermttickischerr Bolkskrcmikheit, der Duberkuuose, ein. Er lernt die großen Besieger dieser Krankl>eit: Luft, Licht inrd Sowi" und zweckmäßige Eruährimg in der Praxis kennen. Der Segen dcs^S-matottums wird jedem Beschauer fühlbar, der die Scharen twn Tuberkulose-.'Pranken vom zartesten .Kindesalter an gefangen bis zur Reist des Lebens in ihrer allmählichen Genesung beobachten kann. Wohl selten wird die Propaganda für eine edle Sache so wirkungsvoll durchgcfühtt worden sein, mic gerade lster in diesem Film, bei dem Wissenschaft, Belehrung uird Unterhaltung in engster Berbindimg miteinander stehen." Starfenburg und Rtzeinhessen.
. I. Darmstadt, 7. Mai. Ein „Postkuriosum" ist hier zu verzeichnen Dieser Tage erhielt ein diesiger Einwohner einen Ge- burtstaqsglückwnnich aus einer Postkarte, die nach dem Aufgabe- ftetnpcl im Januar 1 9 1 0 hier aus geneben war. Sie hat also im reinen Ortsverkehr fast 8Vs Jahre gebraucht, bis sie ihr Ziel erreichte. Das „Kurioseste" aber war, daß die Post auch noch Strafporto erhvd, ivell die Karte ungenügend ftankiert war. Jnznnschen ist bekanntlich das Porto erhöht worden.
Dassen-Nassau. ~
Fran kfurt a. M., 6. Mai. Geheimer Justizvat Dr. tzumser, eine der bekanntesten Persönlichkeiten Frankfurts, ist Sonntag früh im Alter von 82 Jahren gestorben. Humstr, der der natwnalliberalen Partei angehörrc, präsidierte fast 30 Jahre der Stadtverordneten Versammlung. Seit längeren Jahren war er auch Vorsitzender des Nassauischen.Kvmmunatlandtages.
mr. Frankfurt a. M., 6. Mai. Regierimgspräsidvnt Dr. ^«Meister, Wiesbaden, besichtigte Freitag nachnntdag die vollständig zerstörte Umsormerstation aus dem Schillerplatz und sagte die Unterstützung der Regierung bei dem schleimigen Wiederaufbau zu. Jnzlmschen ist es dem Elektrizitätswerk gelungen, durch pwvisorischen Eiubmi neuer Schaltimgen von den 36 Straßenbahnlinien der Stadt nahezu 20 in Betrieb zu setzen. Der Betrieb kann aber nur mühsam auftechterhalten werden und in absehbarer Zeit
ist an einen anstrichenden Strahenbahnverlehr in Frankfurt nicht zu denken?
Utf — Hessen-Nassau.
mr. Frankfurt a. M., 6. Mai. Augenblicklich schweben Borberatungen über die Errichtung eines städtischen Trinkerheims in Vellindung der Anstalt für Jtte und Epileptische. Bor allem gilt es die. Frage zu lösen, ob das Heim in Fvankfurl oder auswärts inrtergebrachl iverden soll.
^Frankfurt a. M., 7. Mai. Die durch die Explosion im Lotraßenbahnbetriebe hervor gerufenen Störungen sind bereits wieder so weit behoben, daß 60 Prozent aller Straßenbahwvagen! wieder in Betrieb genommen werden konnten. Infolgedessen kommen auch die von der Eisenbahndirektion eingelegten Sonderzüge nach den Vororten vom Dienstag ab wieder in Fortfall.
.— Frankfurt a. M., 7. Mai. Baurat Hermann Ritter ist im Älter von 68 Jahren in Bern gestorben. Von ihm stammen bitte hervorragende Frankfutter Bauten, so die Frankfurter Bank, Diskonto-Gesellschaft, Providentia. Als Hofarchitekt der Kaiserin Friedrich schuf er auch Schloß Friedrichshos bei Crouberg. Am bekanntesten ist Ritter, der lange Jahre Direktor der Baugesellschaft PH. Holzmann war, durch die Erbaurmg der Repräsentationsbartten der Bagdadbahn geworden.
= Wies baden, 6. Mai. Der neue HettNann der Ukraine- Skoropadski, der in der heutigen "Sitzung des Hauptcms-- schusses des Reichstages von berufener Seite als ein überzeugter Deutschenfreund geschildert wurde, ist weder ein Russe noch ein Ukrainer, sondern ein Wiesbadener Kind. Seine Mntter schenkte ihm in Wiesbaden während eines Kuraufenthaltes vor 44 Jahren das Leben. Skocopadski selbst I>ot oft mit seiner Gattin in deutschen Kurorten geweilt, zilletzt noch vor fünf Jahren in Friedrichroda. Während er sttbst nur gebrochen deutsch spricht, ist seine Gattin, die deutsche Erzieherinnen hatte, des Teutsckien völlig mächtig.
j$ericbt*faai.
I^Da rmstadt, 7. Mai. (Strvskammer.) Bon der Wttch- und Schließgesellschaft in -Offenbach wurden zwei (fß'wohnhetts- einbrrcher, der 41jährige Maschinist Edmund Remhold^Schm id 1 hrnld der 39jährige Gelegenheitsarbeiter Georg Heinrich Zimmer bei der Vorbereitung eines Eiirbruchz beobachtet und dann von der Polizei feslgenonrmen. Die Haussuchung urrd das Geständnis eines -Stiefbruders dos Z., des 27jährigen Karl Heinrich Fin-, kernagel. förderte eine lange Liste von Einbrüchen zutage darunter die Plünderung einer Billa, deren Besitzerin verreist war. Hier wurden Neider, Wäsche und Lebensmittel für 10000 Mark erbeutet. Sonst wurden in der Regel .Hauskeller heim- aesucht und Wein, .Konserveir, Eier u. dgl. mitgenommen. Tie -L'achen wurden teils' verbranchit, teils veräußert. Wäsche und Kleider fand man zum Teil noch vor. Gs ist zweifelhaft, ob man allen Ernbriicheir der Bande auf die Spur gekllnnmen ist. Sch. und Z. erhielten je 8 Jahve Buchthaus' und 10 Jahre Ehrverlust, F., der von den anderen verlertet nnrrde mü> nur ein> paarmal dabei wax, kam nrit 1 Jalw 6 Mvnateir Gefängnis davon. Tie Ehefrmren der drei wurden wsgm Hehlerei ver- urtellt, urtd zwar erhielt Frau Z. 10 Monate, Frau Sch. 8 Rüo- nate und Frau F. 6 Rdonate Gefän-gnis. — Der 16 Jahre alte rückfällige Fabrikarbeiter Mb. Karl Speck von Oberst^nn wurdss nrit einem inzwrschm zürn Heer emgezogeiren Genossen am yellicht-en Tage ertappt, als sic niit einem Dietrich in Offen*, bach in ehre Wohnung >eingcdrungien waren und Stiefel stahlen. Dp. erhält 6 Monate Gefängnis und wurde in Zwangserziehung, untergebracht.
Syielplan der vereinigten ^ranfsntter 8ta»ttheater.
Opernhaus.
Mittwoch 8. Mai, 7y 2 : „Ter Zigeunerboron". Donnerstag 9.. 7: „Tie Gezeichneten". Freitag '10., 71/2: „Rigoletto". Samstag 11-, 7hr: „Höllisch Gold". Hierauf: „Das Mädchen von Elizondv" Sonntag 12., 7: „Die Gezeichneten". Montag 13., 7V2: Sonder- dorft. f. d. kriegsbeschäft. Llrbeitersch. (Kein Kartenverk.) „Die Fledermaus". Tieirstag 14., 6: „Die Wakküre". Mittwoch 15., 7Vs: „Tie Rose von Stambul".
Schau splelhaur.
Mittwoch 8. Mai, 7^: Zum 1. RLal. „Der Urfaust". Goethes Faust in urspritngl. Gestatt. Donnerstag 9., 7: „Der lebende Leichnam". Freitag 10., 7y 2 : „Ter Urfaust". Samstag 11., 7yz.- „Tic Austreilnmg". Sonntag 12., 31/2: Volksvorst., Ä. Pr. „Tau- ntulus". 7: „Ter lebende Leichnam". Montag 13., 71/2: „Cla- vigo". Dienstag 14., 71/2: „Der Urfaust". Mittwoch 15., l l / 2 : Neu emstud. „Jugend".
vermischte-.
* Saarbrücken, 6. Mai. Die Sttefmutter des vor einigen Jahren ermordeten .Kindes Erna .Kretschmar hat auf den: Sterbebett bekannt, daß sie selbst bas .Kind getötet und beiseite geschafft bat. Schon während des Prozesses gegen den Metzgcrssohn Jakob Maurer aus Heusweiler vor dem Schwurgericht tvar der Verdacht gegen die Stiefmutter ausgetaucht, mußte aber mmrgels schlüssiger Beweise fallen gelassen werden. Tiefe Tat hat auf eine sonst unbescholtene Familie furchtbares Leid gebracht. Vater und Mntter des Vtaurer starben aus Gram, und wie verlautet, soll auch der Verurteilte, der damals mit knapper Not der Todessttafe errtgin^ und zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, vor einiger Zeit im Gefängnis gestorben sein aus Gram über die chm tvidersahrene Schmach und iroch vor dem Tode seine Unschuld beteuernd.
Gietzene» Uonzertvereil«.
Gießen, den 7. Mai 1918.
Das gestrige Sonderkonzert zugunsten des Roten Kreuzes reihte sich in bezug auf ki'mstlerische Höhe des Gebotenen den Veranstaltungen des Winters würdig an. Vor allem hatten wir Gelegercheir. uns an Herrn Alfred Stephanis sonorem Baß zu erireuen, bei dem sich technische Meisterschaft lmd Mvolle Bortragskunst schön die Wage halten. Das Beste bot der Sänger wohl mit seinen Schubertliedern. Mit überlegener Ruhe, warmem Empfinden urrd schwrmgvoller Begeisterung vorgetragen, hmterließen sie einen vorzüglichen Eindruck und fanden lebhaftesten Beifall. — Ter Künstler sang dann weiterhin noch 3 lleinere Lieder, von deiion Hugo Wolfs reizender „Wufifant" und Schumanns gemütvolles „Lied eines Schmiedes" sehr wirksam zu Gehör karnen, während K. Sommers ziemlich wertloser „Odysseus" höchstens der En1sal1un.g der prächtigen Stimme ein dankbares Feld erössnete, im iibrigen es aber nur zu einem äußeren Erfolg bringen konnte, so daß nuin lieber ettvas anderes an seiner Stelle gehört hätte.
Fräulein Gertrud Geyers buch vom Wiesbadeiver Hos- Iheater sang im Weifet mit .Herrn Kämmersmrger Stephanf moderne Lieder von ibtax Reger und Joseph Marx. Jlw glocken- «mer, gickgeschulter, sehr schmiegsamer und doch auch der nötigen^ FAle nicht entbehrender -Doman, erwies sich m Technik und Aortrag den gestellten hohen Anfordecimgen durchaus gewachsen. Bon dm Liedern Rdai Mgers. eczietten das beliebte „Mariä Wrv gentied" und dtL' bedeutende „Der verliebte Jäger" wot^l ote stärkste Wirlui-.g: äußerst i'ckMwriqen „Rvien" wurden
großer Hingabe gesungmi, traten aber doch gegen die Mideren Mrück, da es hi^r an der rechven e^nheillicheii Grund-, Mimnung fehlt und »er Koniponist zu sehr den einzelnen Worten Ehgegangei, ist, also mehr in Straußscher Manier schreibt. — ©unc seltene und überaus schätzenswerte Gabe waren dann die 3 LnD>er von Joseph ^Narx, das sehr ohrenfällige „Japanischs Regeiitted , wie mrch das „Windräder" betitelte, in dem die wloristrsche BehaindluTig der Mavierbopleitung bis zu höchster Feiinieil entwickelt ist, ohne daß ievoch die Gesamlstimnrung da- durch beeinträchtigt würde, schließlich das die volle Eigenart des Koinporntteii schön erschließende, schtvungvolle ,,Der Ton". Mit deli Liedern von Joseph Marx erntete die Süngeriii mtt Recht besonders lebhaften Applaus. — Am Schluß ver«sti«ten<
sah beide stimmen züm Bortvag zweier Duette, von denen namentlich lhas aus der „Zauberftöte" Mspruch ans eine abgerundete Leistung erheben konnte.
Herrn Professor T r a u t m a nn war im Klavierpart diesmal bei Marx und Reger eine besonders schwierige Ausgabe erwachsen, der er sich jedoch mit gewohnter Meisterschaft entledigte,' so Verbals er zu seinem Telle dem gemrßreichen Abend zu einem schönen Enolg.
Das Publikum aber verlangte seine Zugabe, ob mit Recht oder Unrecht, tvollen wir rricht entscheiden; jedes Falls al>er liegt darin immer eine Elwung des ausübenden Künstlers, und die Fälle sind selten genug, tvv ihr nicht in der erwarteten Weise ent- sprochm wird. E>r. G. R.
*
Gorthrs „Urfaust".
= Frankfurt a. M„ 6. Mai. Ein literarisches Uwkum geht am Mittwoch zunr ersten Male über die Schauspielhausbübiie, Goethes „Urfaust". Lange bevor der Olympier das reichste deutsche Drama der Welt schenkte, hatte die -Sturmnattir des lungen Goethe sich schon an der diästerischen Formung der Faustgestatt versucht. Ms 26jähriger schrieb er im elterlichen Hause am Hirsch- graben die erste Fassung des Faust nieder, den „Urfaust". Ein dichterisches Erzeugnis, zwar behaftet mit den Fehlern der nach Schönheit und Gestaltungskraft ringenden Dichberseele, aber schon in allen seineii Teilen den Meister, das Genie, verratend. Mehr als 100 Jache war dieser Faust versichollenr, bis ihrr der Berliner Literaturhistoriker und Goethe forscher .Erich Dckynidt uw j.885 im Weimarer Olvethe-Archiv fand und 1888 darüber eine Sttidie veröffentlichte, die in der literarischen Wett gewaltiges Aiuftehen erregte. Dieser Urfaust war allerdings nicht von Goethes Hand geschriebeir: nur eiiie Abschrift der T-ichtung aus der F^>er der Weimarer Hofdame Frl. von Göchihausen lag vor. Em Zwerg zwar ist dieser Urfaust mit seinen knapp 400 Prosa- und rund 1450 Derszellen gegenüber den 4600 Versen des klassischen Faust, erster Teil. Der Urfaust atmet unverkennbar Frankfurter Luft. Viele seiner MlTdrücke sind der Frankfurter Machart entnommen; die ganze Dichtung jst gärender Wein, Sturm und Unrast, urwüchsige Kraft der Sprache, der die feingeschliffene Feilung des Meisters fehlt: trotzige Gewalt glüht aus den Versen, Unkenntnis der Manschenseele. Und doch spiegett sich in diesem Erzeugnis schon in baufeufc Formen der spätere ftafnfcfjje Faust. Wie stark ragt aus
** Umwandlung vvn Eilzügen in V-Züge. O-Züge sind bei den Reisenden im allgemeinen beliebter als Eilz-üge mit ihren Mteittvagen, deren Tiiren unmittelbar ins Freie führen. Zu der geplanten Neuregelung des Schnell zu g sv erke hr s gehört auch bekanntlich die Msicht, Eilzüge aus verhältnisniäßig kurze Berbttchnngen bis etwa 200 Kilometer zu beschränken, größere Entfernnnge^i aber mit O-Zügen zu bedienen. Wie die Beseitiguilg der ersten Klasse in Scl)n-ellzngen, so kommt auch diese Maßnahme im irenen Fährplan vom 15. Mai znrn Teil schon zur Durch- füchrnng. Es kann dies jetzt um so leichter geschehen, als die Fahrpreise für beide Zngarten z. Z. dieselben sind. Es werden zahlreich Ellzüge in O-Züge nmgeivandett.
Letzte Nachrichten.
Dev neueste LZericht -er Heeresleitung.
(WTB.) Großes Hauptquartier, 7. Mai (Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
An den Kampffronten nmr die Artillcrietättgkeit in den Morgensttmden lebhaft. Tagsüber blieb sie meist gerinq.
Auf dem Nordufer der Lys scheiterten Vorstöße englischer Kompagnien. Zwischen Ancre und Somme setzte der Feind auf Braye zum nächtlichen Angriff an. beiderseits der Straße Corvie—Brape konnte er unsere vordere Linie erreichen, im übrigen brach der zweimalige Ansttrrm schon vor rmseren Posten verlustreich zusammen. Der Artilleriekamps hielt hier bis zum Tagesanbrrrch in großer Stärke an. Südlilli von Brimont sttcßen Sturmabteilungen über 'den Aisne-Kanat in die feindliche Stellung bei Courcy vor und brachten Gefangene zurück.
An der übrigen Front vereinzelte Vorfeldkämpfe
Osten.
In den Hafenanlagen von Marinpol wurden wir durch russische Schiffe beschossen.
Mazedonische Front.
Starke englische Mteilimgen griffen gestern abend bulgarische Stellungen südlich vom Doiran-See an. Sie wurden abgewiesen.
Asiatischer Kriegsschau platz.
Der Vorstoß euglischer Brigaden von Jericho ans über den Jordan nach Osten und Nordostcn ist zum Scheitern gebracht worden. Nach erbittertem, ftinftägisem Kampfe wurde der Feind in seine Ausgangsstellungen zunickgewor- fen. Teile deutscher Tnlppen haben sich hierbei an Seite ihrer türkischen KAmeraden hervorgetan. Die den Engländern abgenonnnene Beute ist erh'blich.
Der Erste Generalguartiermeister Ludendorff.
* * *
Die Behandlung der Irländer durch England.
Berlin, 6. Mcri, (WTB. Nichtnmtlich.) Wie die Eng-s länder die Irländer behandelrr und mit welch großen Strafen sie die geringsten Vergehen belegen, beweisen die vitten in Schottland zu Zwan gsarbeiten unter gebrachten Jr- lärrder. In London allein sind 13—14 000 Irländer, die wegen Betelligung an Unruhen in Irland zu zwei Jahren Arbeitsdienst vernrtellt wurden. Sie wettren bei Tage ztu mistrenaerr-' den Arbeiten herangezogen, cckends werden ihnen Handfesseln angelegt.
B e x l i n, 6. Mai. Die Ernennung des Feldmarschalls F r e n ch zum llnterkönig vmr Irland hat in England rrm so mehr überrascht. als es allgemein für wahrsckieinlich gehatten wurde, daß ein Politiker, der die Lage und Möglichkeiten Irlands genau kenich für dieseir Posten gewähtt werderr würde.
Schioeizer Blätter bringen Meldungen von neuen Unruhen in Irland. Obwohl der direkte Drahtverkehr zwischen England und Irland pvlttisch so gut wie gesperrt sei, wird doch die Berl>aftmrg von mehr als 200 politische Führern in Irland bekannt.
Dxr ftanzöfische Fliegerkapitän Mantsu vermißt.
Genf, 6. Mai. (WTB. Nick-tamtlich.) Üöach einer Meldung der Agence Havas meldet das „Echo de Paris", daß der Flieger- stlpitän M a n t s u von einem nächtlickMN Streistzuge nicht zur ück- geöehrt sei.
Die dkotlage der Znttmgen in Spanien.
Amsterdam, 6. dRai. (WTB. Nichtamtlich.)'Nach erirem hiesigen Blatte meldet Reuter arrs Ädadrid, daß die sparrische Regierung einen Gesetzentwurf eingebracht, in dem emgesehäi! wird, der Notlage der .Zeitungen durch die Gewährung von Anleihen abzuhelfen.
denr Urfaust die Gestalt Gretchens hervor als ein eigenstes Gebilde des Dichters, das von keiner späteren Umfornruirg übertroffen, eher gemildert ward. Gretcheu steht im Urfaust vor rms gls' die Mördern!, wie sie damals im zeitgenössischeir Drarna beliebt war, während der spätere Faust sie als das blonde schlickste Bürgermädchen mrs vor die Seele zanbett. Auch Faust und 9Rei)histvpheles sind in ihreri Hauptzügen ftr beiden Dichtungen die gleichen. Jim Urfaust fehlen der Prolog im Himmel, der Osterspaziergang, die Hexercküche, die Walpurgisnacht u. a. M. —
Diesem schlichten „Faust" entsprechend wird sich arlch die von Geheimrat Zeiß inszenierte Aufführrrng anschmiegeri. Man wird die große Form, in der man Faust sonst zrr sehen genwhut ist, vermissen. W'eder Stil rrioch Zeit, weder glänzende BühireiTechnik noch prunkender Szenenwechsel wirken diesmal auf das Auge. Wie der juibge Goethe uns 1775 seinen „zeitlosen" Faust gab, sv wird mau ihn sehen uwd sprechen hören. Nockx niemals zuvor wurde der Urfaust aus erirer Bühne gespielt. Es iorrd die erste Vvrstellnng aus dem Zyklus sein, den Geheimrat Zeiß unter denr Titel „Ter junge Goethe" gegenwärtig im Schauspielbause vorbereitet und in dem er der Frankfutter Gotthegemeikide eine Anzahl Dichtwerke aus des Dichters Werdezeit darbieten unrd. Aüs die Wirkung des „Urfaust" auf der Bühsre darf man gespannt seftt.
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Georg Ohnrt f.
Berlin, 6. Ndai. lPrch.-Tel.) Das „Berl. Tagebbll meldet mrs Genf: Ter Ronimrschriftsteller Gavrge Oh net ist im Aller von 70 Jahren in Paris gestorben.
Georg Ohnet rvar in Deutschland kellr lmbekannter Seine Romane, die er zum Teil dann selbst dramatisierte, erfteuten sich nn Ottginal und in der Uebersetzung großer Beliebtheit. — Ohnet wurde am 3. Aprll 1846 zu Patts geboren. Er studierte die Rechte wurde Wvokat und wandte sich dann aus Nttgung dem Journalismus zu. Zunächst war Ohntt als politischer Redakterrr an verschiedenen Zeitungen tätig, ging aber dann ganz zur Belletristik über. Hier lag sein ureigmttes Ysebiet, hier leistete er Beveut ndes und hier fand er auch Auerkeunrurg und Ewfolge. Schon sein erster Roman „Serge Panine" l>atte einen durchschlagenden Ettolg Dem ettien Werk reihten sich bald andere an, von denen „Der Hiitteu- bescher" in Deutschland wohl das bekannteste ist. Die besten seiner Romane sind ins Deutsche übettrageu Und in einer SammLwg outt 6 Bänden vereinigt.


