Nr. 80
Zweiter Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Beilage«: „Hietzener Zamfilendlätter" und „Nreirblatt für den Nreir Gietze«".
Postscheckkonto: Frankfurt am Main Nr. 11686 . Sankoerkehr: Gewerbedank Liehen.
167. Jahrgang
er
General-Anzeiger Gherheßrn
Mittwoch, 4 . April M?
Zwillingsrunddruck und Verlag:
Br ü hl'sche Universnäls-Buch-u.St>:i>rdrncteret.
R. Lange, Gießen.
Lchristleltmig, EcschäftrstrFe und Druckerei:
Schulst^ape?. ' es> äs melleu.Verlag:«^OA»b1, Schristieilung: 112.
Anschrift für Zt .htracyrichtenrAnzeigerGie:en.
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HeWcher Laudesveiein für Uriegerheimstatten.
Durch die Auchach Seiner Königlichen Hoheit des Grossi Herzogs bei der jfc'm des Negierungsjubiläums wurde der weiteren Oefferttlichkeit eine Ta.tia.che bekannt, die wohl allerseits mit Freride rrnd Genntiung aufgenommen wird: auf Anregung des Landesherrn sollen auch im Großh erzogtmn Hessen die Bestrebungen °ilr Tal werden, die unseren zurückkehrendmr Kriegern Heimstätten auf dem Boden schassen sollen, für dessen Schutz und Freiheit sie in treuem, zähem, opferbereitem Anshalten Leib imb Leben eingesetzt haben. Am 11. März wurde im „Fürstensaal" zu Dormstadt in einer aus allen Teilen des Landes imb der Bevölkerung sehr zahlreich besuchen Versanrmlirng die Gründung eines „Hessischn Landes Vereins für Kriegerheimstütten" beschlossen. D>eu besonderen Schutz des Vereins hat Seine Königliche Hoheit der Großherzvg übernommen. Zur Mitgliedsckiaft — bei einem Jahres- beitrag von mindestens 1 Mark für Einzelpersonen und von mindestens 10 Bäark für Körperschften und Vereine — sind alle Freunde der schonen Sache ausgefordert. Tie Ziele, welche der neue Verein verfolgt, kennzeichnet ^in, Aufruf des vorbereitenden Ausschusses in folgenden Worten:
„Eine große Aufgabe harrt noch ihrer Lösung für die Zeit nach .dem. Kriege. Sie bedarf schon jetzt eingehender Vorarbeit. Die siegreich heimkehrenden Soldaten werden am Ende des Krieges ffu ihren Familien zurückkehren: viele von ihnen haben während des Krieges erst neu Familien gegründet. Ernst und schwer wird für manchen dann die Sorge sein, wo lind wie er mit seiner Familie Unterkommen soll. Tie wenigsten nennen ein Heim ihr eigen, das ihnen gesichrte Unterkunft bieten könnte. Weitaus der größte Teil der Heimkehrenden wird auf die Schfftmg neuer Wohngelegenheit, auf das Wohnen in Miete angerviesen sein und damit an vielen Orten l>ei dem ?)eangel an geeignet Mahnungen in große Verlegenheit kommen. — In unserem.Lande l>aben gemeinnützige Wohmrngsvereine und sozial denkende Private in den fetzten Jahrzehnten viel für Wohnimgsfürsorge getan. Angesichts des gewaltigen Mehrbedarfs an Meinwohmingen aber, der sich zweifellos am Ende des .Krieges sühllrar machen wird, erscheint es notwendig, die Aufgabe der Beschaffung neuer Wohnungen mit neuen Kräften zu fördern. ö<o, wie dies der in Berlin gebildete Hauptaus'chuß für Kriegerheimstätten allgemein für das ganze Reich sckwn in Angriff genommen hat, erschaut es auch für Hessen notwendig, alle Bestreu bungen gemeiimütziger Wohnimgsfürsorge itirmnclrr gerade dir die Beschaffung von Wohnungen für heimkehrende Krieger in ein gemeinsames Bett zu leiten, sie zusammenzufassen, sie durch Wort und Tat zu fördern und damit eine „.Kriegerheimstättenbewegung" ins Leben zu rufen, die in die weitesten Volkskreise hineingetragen iverden soll. Dabei soll auch die Ansiedelung von Kriegern und ihrer Familien in sogenannten Wirtsckaftsheimstätten, das heißt in kleinen gärtnerischen und landwirtfchafüichen Betrieben, auf alle Weise ge- TdrbcTt werden. Rege Werbearbeit für den Gedanken der Schaffung von Vrieoerheimstätten, Förderung und Zusammenfassung aller in gleicher Richtung bereits bestehenden Bestrebungen durch Wort und Tat, lwr allem auch dicrch Berfügbarmachen von Geldmittel, um Bauplätze zu beschaffen nnd in Stadt und Land Kriegerheimstätten zu bauen — ba§ sollen in großen Zugen die Aufgaben sein, denen der .hessische Landesverein für Kriegerheimstätten" dienen will. Gewiß wird nicht jedem Kriegsteilnehmer bei seiner Rückkehr in die Heimat ein eigenes Heim zur Verfügung gestellt werden können. Durch Förderimg aller dahingehenden Bestrebungen will der Verein «Ser an seinem Teil dazu Mitwirken. etwas von der.Dankesschuld der Heimat denjenigen gegenüber abtzutragen. die mit ihrem Leib unS Haws unb Hof geschützt und damit einen Anspruch auf tzas Land ertovrben haben, von dem ihre ehernen Mauern alle feindlichen Angriffe abgehalten haben."
Wie sehr dieser Aufruf überall freudigen Widerhall gefunden hat, Zeigen die in überaus großer Anzahl vorliegenden Anmeldungen von Mitgliedern sonLe bedeutende Zuwendungen, die dein schöner? Zweck bereits gewidmet worden sind. Sckivn haben mehr als 1400 Personen, Vereine und Körperschaften angezeigt, daß sie dem Vereine beitreten wollen. In hochherziger Wjeise hat Seine Königliche Hoheit der Großherzog eine Summe von 50 000 Mark gespendet, um hessischen Ktiegsbefchädigten und Hinterbliebenen im Sltriege Gefallener die Enterbung von Kriegerheimstätten zu erleichtern.
Ein Betrag von 100600 Mark wurde dem Landesherrn von den hessischen Handelskammern, sowie mittlerweile weiter 320 000 Mark ans den Kreisen der Großindustrie für die Zwecke des Hessischn Landesvereins für^ Kriegerheimstütten zur Verfügung gestellt. Folgen, wie zu hoffen ist, diesen Freunden und Förderern des Vereins neue tat- und opferfreudige Helfer in größerer Anzahl, so wird es gewiß gelingen, in gemeinsamer Arbeit mit allen gleichgerichteten Bestrebungen in unserer hessischen Heimat ein Werk zu schfsen, das viel Gutes bringt und reichen Segen in sich trägt. Mögen ihm warmherzige Freunde in allen Teilen des Landes nicht fehlen!
Aus Stcrdt und Lcsrrd.
Gieße!,. 4. Avril 1917.
** Amtli che P e r s 0 na ln a chr i chte n. Der Großherzog hat zmn 1. April den Oberlehrern: Ludwig Barth an der Ober- realschule zu Gießen, Gerhard Beisinger an der Oberreak- schule zu Worms, Friedrich Feickert an der Realschule und dem Progymnafium zu Dieburg, Dr. Wilhelm Gun des an dem Landgraf-Ludwigs-Gyrmtasium zu Gießen, Hugo Hahn an der Realschule Schotten, Tr. Otto Keller an der Realschule zu Oppenheim, Jakob Müller an der Realschule zu Laugen, Di'. Otto M ü n ch an der Liebigs-Oberrealscl-nle zu Darmstadt, Tr. Wilhelm Schmidt ansdem Lndwig-GeorgS-Gymnasium zu Darmstadt. Hcr-nnanu Wämser an der Goetheschule (Uiealschnle) zu Nen-Jsenburg, Hans W f 11 an dem Wolfgang - Ernst- Gy mnas mm zu Büdingen, —den Elzarakter als Professor erteilt. — U ebertragen wurde: am 28. März denn Schulamtsasviranten Narziß Rern aus Elberfeld die Lelwerstelle an der Volksschule zu Hof-Spor ken- heim (Gemeinde Nieder-Jugclheim) Kreis Bingen, am 29. März der Schulamtsaspiranrin Anna Zilch aus Heppenheim a. d. B. eine Lehrerinstelle an der Volksschule zu Heppenheim a. d. B.
** Auszeichnung. Dem Wagenführer Heinrich N a u, in einem In sau terie- Re gi m'en t. wirvde das Eiserne Kreuz 2. Kl. verliehen. Er ist bereits im Besitz der Hessischen Tapferkeilsmedaille seit März 1916.
** Kriegsanleihezeichnung. Von Schülerinnen der Stadt Mädchen schule sind bis jetzt bereits weit über 1100 M k. zur s-ech steil , Kriegsau lei he gezeichnet worden. Gewiß ein scksiiues Ergebnis angesichts des Umstandes, daß die Kriegs sparmarken erst drei Tage vor F-erienbegiun aus- gegeben werden konnten. Ihr Großen, tut's den Kleinen nach!
** Sammlung von Nahrungsmitteln. Vom Großh. .Kreisamt wird uns mitgeteilt: Wie uns bekannt geworden ist, bemühen sich in anerkennenswerter Weise Geistliche, Lehrer ^lnb sonstige geeignete Persönlichkeiten, die Landbevölkerung über den Ernst der Lage aufzuklären, doch scheint bet manchen Jpermt insofern ein Irrtum unterlaufen zu sein, als sie sich bemühen, Sammlungen von Nahrungsmitteln auf dem Lande zu veranstalten Darum handelt es sich nicht, sondern darum, daß die Landwirte die ihnen von der Behörde angeforderten Nahrungsmittel restlos und gutwillig abliesern; eine nie kontrollierte Sammlung von Nahrungsmitteln würde hirrgegeu die behördlichen Maßnahmen uiw die Kontrolle der «£- lieferuug empfindlich stören und erschweren.
Zeichnet die sechste Urietzranieihe!
Landkreis Gießen.
** Dlbach, 3. April. Der Reservist Heinrich Schäfer in einem Jnfanterie-NegimeM, dem vor einigen Monaten die Hessische TapserkeitSmedaille verliehen Ivurde, ist zum Gefreiten befördert worden.
** Annerod, 3. April. Dem Musketier Ludsrüg Becker von hier wurde die Hessisck)e Tapferkeitsmedaille verliehen.
-l- Großen-Linden, 4. April. 9Raurer und Bergmcrnn Ludtvia Rinke-r, ein SMrr des Sck-äfers Friedrich Rinker, ist im Westen mit der Hessischen Tapserkeitsmedaille ausgezeichnet
worden. Rinker rückte im Herbst 1914 ans als Artillerist und kämpfte in Rußland, Serbien., Mazedonien und Frankreich.
** Leihgestern, 4. April. Ewenadier Willi V e l t e n, welcher in einem Garde-Juf.-Regt, steht, wnrue die Hessische Dapserkcitsmedallle viertiehen.
/X W a tz e n b 0 r n , 4. April. Lehrer Theodor Sommer- lad von hier, vor dem .Kriege in Nidda tätig, ist zum. UnteroffizieS (und Offizicrsaspiranten befördert tvorden. Gegenwärtig nimmt er an einem Offiziersausbildungskursus teil.
Kreis Vüdiugen.
ch B ü d i n g e n , 4. April. Nach dem soeben herauSgegebeuertz Jahresbericht des Großh. Wolfgmrg-Ernst-Gymnasiums zu^Biiäw- gen unterrichteten im Schuljahr 1916/17 dort außer dem Di.rkcor 8 ordentliche Lel/rer, 1 Lei/vamtsreserendar und 3 Hilfslehrer; 3 Lclwer stehen im Felde. Tie Schülerzahl betrug 160. Hieroon beslauden die 1. Kriegsreiseprüsung 10 Oberprimaner und die 2. Kriegsreifeprüsung 5, während sich der orderttlichen Rcisv- prüsung noch 3 Schäle-c und 1 Schülcrin nrit Erfolg unterzogen.. Zum Heeresdienst sind in, Lause des Schuljahres ein berufen oder als Falmenjimker eingetretcn 21 Schüler. 120 Schüler stammen von auswärts, 77 von ilMen benutzten täglich die Ei eabahn zur Fahrt hiech r. Viele von ihnen benützten i.n vergangen.u strengen Winter die Erlaubnis der Leitrmg oer hiesigen Bolkskück-e und nahmen cm dem von dieser gelieferten, ebenso kräftigen, als reicl>- lichen und bäligen Essen teil. ,
h. Nidda, 3. April. Gestern fand hier im Gambrinussaale eine V e r t r a n e n s m ä n n e r ve r^s a m m ln g statt, toolxi Regierungsrat Dr. Michel von der landwirtschaftlichTn Genoss,^- schastsbank in Tarmstadt einen .Vortrag über die 6. .Kriegsanleihs hielt. Geh. Regierungsrat Bo eckmann ron Büdingen eröfsnete die Versammlung. Tann beantwortete Tr. Atichel in zwcistündigenr Vortrag miss eingeh'nbste die Fragen: „Was geschieht, iveim die 6. Kriegsanleilx' nicht gezeichnet wird? Warum sollen die Landwirte zeichnen? Welche Sichethät bietet die Kriegsanleihe? Besteht die Möglichkeit, die Lasten der Anleihen auch später zu tragen? Warum ist ier^ Umlauf des Bargeldes gewach'en. und welck)e Pflichten erivachsen uns daraus? Zum Schluffe erklärte der Vortragende noch den Unterschied zwischen Anteilscheinen und Schatz- m,Weisungen und Reicboschuldbuchr'nträgen. Rei ch-r Bei fall folgte den Llussülwimgen. Hieran' sprachm noch b'.eh. Reoierungsrat Boeckmann, Reichst,gsabg. Dr Werner ,nrd Landtagsabg. Ir. Weber über die allgemeine Lage der Lebensmittelv-rr'orgmig, 'Ihre Ausführungen gaben zu einer längerra, sehr anregenden Aussprache Veranlassung, wobei zahlreiche Bedenken und Wünsche besonders wegen der Zuweisung und Belassung des Getreides vor- gebracht wurden. Div.'ch alle Ber^andlungen aber zog sich der Grundgedanke: Wir müssen und wollen durchhalte-n bis zum erwünschten Frieden!
Kreis Lauterbach.
** Lauterba ch, 3/April. Durch Lehrer und Schüler d« Großh. Realschule wurde — ohne die selbständigen Zeichnungen —, der Betrag von 3700 Mk. in Kriegssparkarten gesammelt und cm die Bezirkssparkasse geführt, die den Betrag in Kriegsanlell?e an- legt. — Eine hiesige Firma zeickmete zu GeschenkMecken für ihre Arbeiter den Betrag von 690 Mk. in KnegSsparkarten.
Starkenburg und Nhcinhessen.
Bluttat eines.Kriegsgesimgennr.
^ Biblis, 3. April Ern bei dem Lrrdwirl Kart GI-aleV beschäfllgter russischer Knrgsgesange;:er überfiel b^n-rr M ergr», kassee die Frau Glaser wch brache ihr mehoeve Messerstiche t» die Brust bei, wovon emk*.' die Lunge durchbohrten. Dann vers,:chee der Soldat sich selbst uinzubringen, indem er sich etwa zehnmal mit seinem Messer in die Brust stach Auf das Hilsegestchri der Kinder fjcrIpcigccilte Nachbarn brachben der Frau, die sehr schver verletzt ist, die erste Hilfe. Der Unmensch wurde von der Wachmaunschrft sestgenoiüinen und in das zuständige Gefangenenlager zurückgs- brach.
Kreis Wetzlar.
rn. We tz l a r, 3. April. Fünf Millionen Mark wird die 5ßreis- sparkasfe auf die 6. Kriegsrucleihe zeichkan. An den bisherigerrl 5 Kriegsanleihen hat sich die Kreissparkasse mit IIV 2 Millionan! Mark beteiligt.
Jnng-StUUng.
-Zu seinem 100. Todestage, 2. AprÄ.
Goethe ist es gewesen, der Jung-Stilling zur Abfassung der Gesthicküc' seiner Jugendiahve veranlaßt und dann die Handschrift ohne Wissen des Verfassers z,cr Druckerei befördert hat. Als das Honvocrr dafür in Höhe von 115 Reichstalerrr bei Jnng-Stilling in Elberfeld esittvas, befand er sich gevade wieder einmal in der akleidriagendsten Verlegenl)eit, ,rnd er glaubte nich anders, als daß Gott ihm selber im letzten Llugenblicke diese rettende Summe ins Hans geschckt habe. Seit Goethe in seiner Straßburger Stw- dentenzeit Jung-Stlllrngs .Brkmrnsick-aft genrach hatte, • nahm er au dem merkwürdigen Manne lebhaften Anbell; aber darüber hinaus mußte seine Lebensgeschiche nur ihres eigenen Charakters lmd Wertes willen tiefen Eindruck auf ihn machen. Tenn dieses Buch — wenigstens in seinen ersten Teilen, die späteren Fortsetzungen stel-ei, weit tiefer — in der Tat ein irnverwesliches Werk, tu seiner Art ein Juwel unseres Schrifttums. Es ist Lebensbeschreibung, Volkslied, Märchen, Roman und Erbauungsbuch in einem, und die Schldemrngen bäuerlichen Lebens, die^ seinen Eingang bilden, eröffnen einen Blick in die sirnersden Schächte deutschen Volkstums. Den SclMuplatz dieser Säsildermgen bildet das anmatt ig gelegene nassauische, jetzt zu Westfalen gehörige Dorf Grund, Ivo die Jungs seit Jahrhunderten beständig hausten, ein tc^erktückstiges Bauerngeschlecht, erfüllt von einer lebendigen Frümnrigkeit pietisti- scher Färbung. Dort erblickte Heinrich Jung, der sich als Helden seiner Lebensgeschichbe den Namen Stilling beigelegt hatte, am 12. September 1740 das Licht der Wett. Er war ein aufgeweckter Knabe, bei dem der Urrterricht des Vaters so vortrefftich anschlug, daß der Ortspsarver, über seine Frühreife erstaunt, ihr in die Lateinschule brachte. Bon der Einsegninrg bis zum 30. Lebensjahre hat .sich Jirng-Stillings Erisberrz in wunderlickDer Werse rirrnrer wieder zwischen den beiden Polen des Schulmeisterberufes und des SchreLwhaivdwerkes hin und her bewegt Jener war sein Wunsch und Ideal, aber immer wieder vertrieben ihn Mißgunst. Mißverständnisse «oder Jrrtrigen ans dem Amte,, immer mirfche er zu Nadel End Schere zirrückkehren, und da arrs dem jungen Menschen doch nichts Rechtes werden zu ivolleir schien, so begarm der Vater mißmutig und hart gegen ihn zu werden. Ta entschloß der Jüugliwt sich zur Auswmrdeämg und gelangte in das Wlppertcll, wo er sich schon schließlich ganz davein geftrndan lxttbe, zeitlebens ein Sck)N.eider zu bleiben, als fick) ilM bei dem Glberfeldcr .Kaufmann noch einmal eine HailslelTrerstrlttrng bot und zrvgl>eich ganz nerve Möglichkeiten eröffnten.
Unter diesen TKockselfallen nnd Schicksalen sehen wir Jung- SWirrgs Charäkter sich deutlich entsatteru Er war ein inniges und sinniges bTnriit, für Enrdrücke aus Nattrr und Leben sehr empfänglich, z7ir Sclrvärinevei geneigt und jähem Wechsel der Strmmum- gen unter-: ' sen. Sein ganzes Seelenleben stützte srtt, ans eine unerschütterlich.' Religiosität, die, wie bei seinen Vorfahren, pre- tisttsche Züge trug. Aber damit mischt sich doch als ein anderes Bauernerbe errr rmverkmmbaver praktisäZer Zug, eine Art Bauern- schbauhett, die sick) besonders in der Art äußert, wie er das Geistliche wrfs Wettlliche anwendet und damit verschmilzt.. Denn sein
Gott war ihm nicht nur her Gott seiner Seele, sondern auch der, der Jrmg-Stlllrngs härrsliche Verhälttrissc und Bedürfnisse arcss genaueste Ürmitt und oeMllierde, mrd es nie üitterließ, ihm, nx'irn er ihn hatte lange geiuig zappeln lassen, Geld oder Stellung oder ivas sonst not lat, zilzwveiscn. Goetl-e hat diesen wrnderliciZen Zug Jung-Stillings mit folgenden Worten gedennzeiämet: „Ter mm-- derliche Mensch glaubt eben, er brauche nur zu würfeln und unser .Herrgott müsse ilnn die Steine setzen." Auch die HallSlehrirstette im Flenderfchen Hause sah Jung-Stllling als eine ganz persönliche Fügung zu seinen Gunsten an. Er fand Incr incht nur Gelegenheit, seme Ausbildung vielsettig zu ^fördern, sondern wurde auch durch seinen Gönner zuerst aaff das Studium der Heilkunde hingewieserr, nachdem er mtt gewissen Iiezepten zur Heilung tum Amzenkrank- hetten, die er von einem ehemaligen kach.llischen Geistlichm über- kommen hatte, manckre Erfolge erzielt l)atte. So tat sick) denn oor dem vielgeprüften Manne eine neice Welt mrf, als er, ein Dreißigjähriger, 1770 nach Straßbuvg zog, um dort Medizin zu studieren Hier trat w zum ersten. Male mit den Vertretern des großen deutschen Geistesledens in Beziehung, er mochte die Bekanntschaft von .Goethe, von Herder, Leirz und ^anderen, die ihn in ihren Kreis zogen. Auch als er naä) Bc'endigung seiner Studien sich in Elberfeld als Arzt -niedargelasseir hatte, blieb ihm Goethes Freundschaft treu; es ist bekannt, wie er iljtn einmal in schalkhafter Der- rleidung besuckfte und sich daran jene denkwürdige Sitzung schloß, an der außer Goethe und Jnng-Stilling auch die Brüder Jacobi, Heinse, Lavatcr und andere tellnahnren und die Jung-Ällling gar zu lchbsch und anschaattich. geschildert hat
Indes ging es Ttcrt der ärztlichen Praxis recht kümnrerlich, und es war eine gwße Erlösung für Jimg-Stllling, als er einer: Rns als Proftsior der Kcrnrevalien, der Land- imb Forstwirtschaft, an die ?kbaoemie zu Kaiserslautern erhielt Seirre bäuerlichen Erfahrungen und seine Betätigung in dem Flendersck?en Geschäftsbetriebe kttmen ihm nun zustatten, und er hatte diese Professur nacheinander in Kaiserslmttern, Heidelberg imb Marburg mit anständigem Erfolge brkleidt. Jetzt wir sein Lebensschifflein endlich m bequemes Fahrwasser gelangt. Je. länger, desto mehr Mb er sich jedockr einem wett auSgebreiteten Briestoechfel und einer regen literarischen Tätigkett religiösen Inhaltes hin, die ich: zu einer der b.kanntesten Persönlichkeiten in Deutschland mack>te und il-nr eine Fülle von Beziehungen ettrtnig. Mein diese Seite .seiner Tätigkeit, die muh in ettrigen christlickien Ronrnnen ihren Niederschlag geftmden bat, ist nicht durchweg erfteillich. Echte Fröm- migkett miscbt sich^darin, wie bevetts angedeutet, mit einer gewissen weltlichen SckFmll-eit: Jung-Stillings Mnstik ist nelwl- [>aft, doch nicket rief, und oft verliert sich seine religiöse Sckpift- stelleroi .in weichliche Sentimentalität. Dennoch bleibt er eine durchaus merkroürdige und originelle Erscheinung. Mtt den Stürmern und Drängern nrachte er gehren die WcfklLnung Front, deren Verstandesplattl-ett .er die lebendige religiöse Empfindung eutgegenwarf. Dies nähert ihn Herder, an dessen großem Humani- tätsideale Jung-Stllling freilich keinen Teil hatte, und schließlich klingni sogar leise Vortöne der Romantik in seiner tastenden religiösen Mystik an. Vor allem lebte aber doch fct ihm die Seele eines Di-chterS; pur ein Dichter hat die Bllder imd (Gestalten
seiner Jugend und seiner Jünglings fahre enttversen können, und mit ihnen lebt er in dauerndem Gedächtnisse fort
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Ein Fvrschungsin stitnt für Geschichte deS Krieges imd alle damtt in ZusammeNl-ang siebenden politischen, wirtschaftlick)en und kulttrvellen Fragen ist in Jena bearüudet worden. Als Grundstock wurden die Sammlungen des von Prof. Tr. v. Seidlitz ins Leben gerufenen Kriegsarttiws der llniversitäts- bibliothek Jena benutzt, die jetzt weiter ausgeomtt und vervollständigt werden sollen. Das Institut rviro durch einen Vorstand verwaltet, an dessen Spitze der Sttiatsminist-er Tr. jnr. Clemens v. Delbrück steht. Die wissenschaftliche Leittcng ist dem Historiker Pwf. Tr. Georg Mentz übertragen iwrden. Dem Vorstande steht ein Verwalrungsrat zur Seite. Ihm gehören auß»r Vertretern^ der Zivil- imb Mllitärbehörden, den 'Vorstehern wirtschaftlicher Körperschaften imd Verire:ern der Presse Angehörige aller Berufs- und Erwerbs stände an, insbesondere solche, die das Institut durch namlwfte materielle Unterstützung gefordert haben. Tie wissenschaftliche Arbeit kann, so schreibt inan uns dazu, naturgemäß erst später beginnen, einstweilen kann es irur die Aufgabe des Instituts sein, die vorhandenen unffangrecch.m Sammlungen in umfassender Weise anszirgestllttn, damit neben der cigeittlichcn Buckstiteratur, den KriegSzeiffchriften und Zeitungen des'In- nnd Auslandes mich die im Kriegs- mid HermatSgebit gedruckten Gelegenheitsschriften, sowie Feldbriese, Mlkmevanstfflägc. Krü'gs- zettnngen, Karten und sonstige bildliche und künstlerisch? Dar- l teil im gen an g-cher Stelle an der Hand möglichst übcrsickrlicher Verzeickmksse nebeneinander .benutzt werden können. Es gibt bis jetzt in Teittscküand keine Stelle, an der dieses Material vollständig vorläge oder bereits zu'gänglich nxrre. Auch die größten derartigen Sammlungen in Berlin. Leipzig und Rl ir v n können ernstwellen nur blllliotliekarisck-e Ziele verfolgen. In dem' Jenaer Jusritttt soll der Hptoriker, dem die mttitärischen Sammlungen imck, aus Jahre hrnaus verfck,lossen bleiben werden, eine Stätte freier <rorscknmg finden, an der alle historischen, militärischen^ wirtschaftlichen und kulttrvellen Probleme unserer großen ffett eingehend bearbeitet, aber amh bte niannigfcuhen Wechsellvirinmgen der geistigen und volitisckZ'n Itrörmrn.MN in den kriegs'i'mrntxm Ländern verglichen werden können. Aus allem Material susammen, soll sich effi geschlossenes Bild all der Fragen ergeben, die fite DeutsMand, die Verbündete'! und die Feinte, für das Heimat> gebiet, wie fiir die besetzten Gebiete von Wichtigkeit genx's'.m sind oder noch firn könnten. Namhafte Stiftungeu find dem Institute von Behörden und Körpersck-aften zur Duvsifillmmg seiner Ziele m Aussicht gestellt worden, um diese aber restlos erreichen zu können, richtet sich die Bitte auch an die ?lllgemeinlxit um tat* kräftige Mrkwirkmm bei der Sammlung aller ttriieisdruckiastoen. die für später in irgend einer Wrise wertrvll sein könnten. Er- wünscht sind vor allem die Drucksachen aus dem Felde und den besetzten ©el'ieten imd was jetzt schm aus dem 'Auslande m im£ gelangt; ferner alle Manuskriptdrucke und solch Literatur, di« nickst im Buckstxmdel er,'ehernt Zusendirngen iwrben an das ZiiegS-, avchiv der l lniversttätSbib liotl-ek Jena erbeten.


