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28.9.1916 Zweites Blatt
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Kr. 228 Zweites Natt

Erscheint fifCty mit Ausnahme des Sonntags.

tbb. Jahrgang

DieGiehener ZamiNenbt-tter" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das ..Urelsvlatt für den Kreis Gietzen" zweimal wöchentlich. Dier«nd«irtjchaf11icheu Sett« fragen" erscheinen monatlich zweimal.

General-Anzeiger für Vberhejjen

Donnerstag, 28. September Mb

Rotationsdruck und Berlaq der 23 r ü h l'sche» Nniverfttäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schrilt!ettunq,GeschäitSstelle «.Druckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle tt.Verlag:s-^51,Schrift« leitung: Adresse für Drahtnachrichten^

Anzeiger Gießen.

m

ReichrLagsbeginn.

Berlin, 28. Septbr.

Der Reichstag tritt heute, Donnerstag, zu seinen Be­ratungen wieder zusammen. Auf der Tagesordnung steht mrr ein Punkt: der Prüfungsbericht des Rechnungshofes über die Schutzgebietsrechnung von 1910. Bliebe es nur bei diesem Gegenstand, so würde den Verhandlungen der Stoff sehr rasch ausgegangen sein. Ebenso mager sieht sich, von außen betrachtet, das Programm der ganzen Herbsttagung an. Es enthält an Gesetzesvorlagen nur den Entwurf über die Verlängerung der Legislaturperiode, die am 12. Januar 1917 ihr natürliches Ende finden würde. Die Vorlage geht bekanntlich dahin, die Lebensdauer des Reichstags um ein Jahr zu verlängern. Sie wird vermutlich ebensowenig wie der erste Punkt der Tagesordnung zu langen Auseinander­setzungen sichren. Das einzige, was an der Vorlage über die Verlängerung der Legislaturperiode vielleicht noch um­stritten ist, beschränkt sich aus die Frage, ob eine Verlänge­rung auf bestimmte Zeit oder auf Kriegsdauer vorzuziehen sei. Darüber wird man sich, wenn überhaupt Aäeinnngs- verschiedenheiten im Reichstag bestehen, sicher leicht einigen.

Das Programm der Herbsttagung ist aber nicht so mager, wie es aussieht. Es erhält eine sehr wichtige Füllung durch die Regierungsdenkschrift über die wirtschaftlichen Maßnahmen des Bundesrates. Daß sich mit der Aussprache örber diese Denkschrift eine ganz respektable Anzahl von Äitzungstagen verbringen ließe, ist zweifellos. Die Haupt­sache bleibt dabei, daß die Aussprache gute Früchte trägt. Schon um ein Echo der Votksstimmung zu sein, wird der Reichstag an dem Wirtschaftsthema nicht stumm und kritik­los vorübergehen können. Er trifft damit auch auf das Verständnis der Regierungsseite. Denn Herr v. Batocki, auf dessen Konto die Ernährungsmaßnahmen gebucht sind, hat wiederholt die Berechtigung der Kritik anerkannt. Wenn rächt alle Zeichen trügen, wird es daran diesmal nicht fehlen, nachdem derLebensmitteldiktator" bei seinen: letzten Auftreten im Reichstag als Neuling im Amte noch mit zarten Händen angefaßt worden war. In den kommenden Tagen wird .Herr v. Batocki die zarte Hand wahrscheinlich etwas vermissen, und es wird dann genügend Gelegenheit geboten sein, auf die einzelnen Fragen unserer Lebens­mittelpolitik zurückzukommen. Als Leitgedanken darf man den unvermeidlichen Auseinandersetzungen wünschen, daß sie eine Verschärfung des Gegensatzes zwischen Erzeuger und Verbraucher vermeiden.

Die deutschen Genossenschaften und die Kriegsanleihen.

Daß in den deutschen Genossenschaften sich ein großer luib wichtiger .Teil des deutschen Wirtschaftslebens abspiÄt, ist be­kannt und ist durch ihre Beteilig:mg an den Kriegsanleihen von neuen: erwiesen. Die Geno-ssenschafben haben zu den vier Kriegs- ailleihen rund 2,5 Milliarden Mark aufgebracht. Hierzu waren die Genossenschaften dank ihrer inneren Stärke in der Lage. Am

1. Januar 1914 betrug das eigene.Vermögen von rund 27 000 Geiwssenschafteu 772,3 Millionen Mark, die ftentden Gelder be­liefen sich auf 5 346,2 Millionen Mark. Am 1. Januar 1915 be­trugen diese Zahlen 841 Millionen bzw. 5 570,2 Millionen Mark. Eine Statistik für den 1. Januar 1916 liegt für sämtliche Ge­nosse:: schafteu noch nicht vor, nur das Ergebnis der dem Ml- gemeinen deutschen Genossenschaftsverbande angeschlossenen Ge­nossenschafte:: ist bekannt. Nach dem Jahrbuch des Allgemeinen

deutschen Genossenschaftsverbandes für das Jahr 1915, das sich zurzeit in: Truck befindet und in einigen Wochen erscheint, ergibt sich für die Genossenschaften des Allgemeinen Verbandes folgendes Bild:

Geschäfts- Gut- haben

~V=J miß. Mk

Reserven

Mill. Mk.

fremde i Gelder '

Mill. Mk.

davon: l"rz- friliige Gelder

davon: laug- srislige (Gelder

1.1.1914

1508 j 262,6

121.2

1433,8 i

321,3

822,5

1.1.191b

1458 254,9

125,9

1435,9 1

403.3

827.5

1.1.1916

1531 [ 250

131,6

1513 ;

552,4

788

Das eigene Vernüigen (Geschäftsguthaben und Reserven) hat sich hiernach etwa aus der gleichen Höhe gehalten: 361 Millionen in 1916 gegen 384 Millionen Mark in 1914. (Line wesentliche Steigerung haben die Reserven erfahren, während die Geschästs- gukhaben zurückgingen. Ter Rückgang erklärt sich aus verstärktem Ausscheiden der Mitglieder in der Kriegszeit. Man wird nicht fehlgehen, wem: man annimmt, daß ein Teil der Geschäfts­guthabe:: durch Ausscheiden von solchen Mitgliedern flüssig ge­macht wurde, die ohne bei der Genossenschaft verschuldet zu sein, den Betrag für die gesteigerten Kosten der Lebenshaltung be­nötigten. Verschuldete Mitglieder können nicht aus scheiden, da andernfalls das Kapital zur Rückzahlung fällig lvird. Daß es mftrberkapitalkräftige waren, die ausschieden, geht daraus hervor, daß der Prozentsatz der ausscheidenden Mitglieder 19.14 5,72 v. H. und 1915 5,17 v. H. betrug, lvährend der Prozentsatz der aus­zuzahlenden Guthaben 1914 nur 4,87 v. 5). und 1915 nur 4,69 v. H. ausmachte. Das Geschäftsguthaben der Aüsschcidenden blieb also hinter dem Durchschnitt zurück.

Besonders interessant ist die Bewegung der fremden Gelder. Trotz der großen Beträge, bic von den Genossenschaften des Allgemeinen Verbandes für die Kriegsanleihe aufgebracht wurden, haben die fremden Gelder eine beträchtliche Zunahme erfahren. Bei den Genossenschaften des Allgemeinen Verbandes wurden gezeichnet für die

1. Anl. 80 Mill., davon eigene Zeichnungen der Genossensch. 14,8

2. 265 46,9

3. ,, 354 ,, ,, ,, ,, ,, 42,3

4. ,, 30o ,, t f ff ff ff t, 38,6

insges.1004 Millionen 142,6

Sehr charakteristisch ist die Verteilung der Zunahme der fremden Gelder in Ansehung der _ Kündigst::gssristen. Tie Zu­nahme der Gelder entfällt ausschließlich auf die kurzfristigen Gelder; die Gelder mit Kündigungsfrist über drei Monate sind dagegen zurückgegangen. Diese Erscheinung ist ein Ausdruck dafür, daß cs sich bei den neuen fremden Geldern nur zum Teil um Ersparnisse, zum größeren Teil dagegen wohl um müßig liegende Betriebs­mittel handelt. Das würde noch stärker hervortreten, wenn auch der Rest des Gesamtbetrags der fremden Gelder, der in obiger Tabelle nicht enthalten ist, aber in der Hauptsache ebenfalls aus kurzfristigen Geldern besteht, z. B. Schulden bei Banken, mit­berücksichtigt wird.

Tie starke Beteiligung der Genossenschaften an den Kriegs­anleihen mit eigenen Mitteln (142,6 Millionen') kommt in: Wert- papierbestand zum Ausdruck. Dieser betrug am 1. Januar 1914 rund 97 Millionen Mark 'und stieg bis 1. Januar 1915 aus 130 Millionen, bis 1. Januar 1916 auf 209 Millionen Mark.

Das Erfreuliche ist, daß der Betrag der fremden Gelder, trotz der enormen Aufwendungen für die Kriegsanleihen sie be­tragen annähernd 3 4 des Bestandes der fremden Gelder eine Zunahme erfahren hat. Die 4. Anleihe ist freilich erst nach dem 1. Januar 1916 aufgelegt, ihr Einfluß kommt daher in obiger Tabelle sowie in dem Wertpavierbestand von: 1. Januar 1916 noch nicht zum Ausdruck. Doch dürfte sich das (Gesamtbild den bisherigen Ergebnissen entsprechend weiter entwickelt haben. Aus

(Mo Greiner

Es ist «ein besonders schwerer Verlust, den die deutsche Kunst durch den Hingang Otto Greiners erleidet. Die deutsche Kunst: das. muß in diesem Falle besonders betont werden. Denn von Greiner gilt in weitestem und schönstem Sinne das Dichterwort: Cr war unser." Er gehörte zu den wenigen nwdernen Künstlern, deren Schaffen sich von jedem Tropfen fremdländischer Einwirkung freizuhalten vermocht hatte. Paris lag vom Wege seines Lebens und seiner Entwicklung fernab; deutsche Meister, Menzel und Klinger, sind es neben der Natur gewesen, an denen er sich ge­schult hat. Deutsch war der ausgeprägt zeichnerische Charakter seiner Begabung er war ein Reis von Dürers Stamm. Deutsch war seine Phantasie, ernst und spielend, reich und gebändigt zu­gleich. Deutsch war endlich sein Verhältnis zur Natur, der er in einer wahrhaft leidenschaftlichen Verehrung nachging und der gegenüber er auch jene Liebe zum kleinen und kleinsten bewährte, die sich'wohl nur im deutschen Kunstschaffen findet. Was er war und konnte, hat sich Greiner in hartem Lebenskämpfe redlich er­arbeitet. Denn er ist aus schwierigen, kleinen Verhältnissen hervor- gegangen. Zu Leipzig an: 16. Dezember 1869 geboren, hatte er sich durch eine freudlose, von Sorge und Kummer vielfach über­schattete Jugend durchzuringen. Die Mutter fteüich schien für die Eigenart des Kindes ein natürliches Gefühl zu besitzen, aber sie starb zeitig, der Vater mußte seines Berufes wegen Leipzig ver­lassen, und der Knabe hatte, der Fürsorge von Verwandten über­lassen, einen bitteren Kamps ums Dasein zu sichren. Indes schon früh seine Phantasie mit besonderer Vorliebe sich zu den lichten Höhen einer heiteren Fabelwelt emporschwang, hielt ihn die Wirk­lichkeit im Banne grauer Alltäglichkeit und drückender Dürftigkeit. Ein Glück war es, daß matt den jungen Menschen auf die Lithogra­phie tat, das entsprach seinen Wünschen und öffnete ihin eine Lauf­bahn, die ihm später den Hebergang zum Künstlertume erleichterte. Me handwerkliche Ausbildung, die Greiner in der Werkstatt des Steinzeichners erhalten hat, ist für sein ganzes späteres Wirten entscheidend geworden, dem eine gediegene handwerkliche Grundlage und eine gut handwerkerliche Gewissenhaftigkeit immer ihr Gepräge ausgedrückt hat.

Nachdem Greiner ein paar Jahre in der Lithographemverkstatt tätig gewesen ivar, wurde man denn doch aus seine Begabung auf­merksam. Alexander Liezenmeyer in München bot im einen Platz in seiner Schule an und der Buchhändler Kroner gewährte ihm die Mittel zur Uebersiedelung. So bezog Greiner die Akademie und es begannen damit Jahre ernstesten künstlerischen Ringens. Damals war es, wo er in seinen Zweifeln sich auch an Menzel wandte, dessen ungeheures Können und unerschütterliche Auftichtigkeit ihm vorbildlich waren. Der Meister gab dem Lehrling auch wirklich seine:: guten Rat; er bestärkte ihn, wie Julius Pogel m'itgetellt hat, darin seinen Weg ruhig weiter zu gehen:Das täglich Um­gebende ist am beiten, am gründlichsten zu studieren. Die alte Kunst ist ja mich auf keinem arideren Wege zum Flor gekommen." Es war vor allem das Gebiet der Steinzeichnung, auf dem Greiner sich betätigte und sich eine künstlerische Stellung erwarb. Aber zur vollen Sicherheit gelangte er doch erst, als es ihm 1892 ver­gönnt war, nach Italien zu ziehen und er in Rom die Bekannt­schaft von Klinger machte. Greiner ist nicht im wörtlichen Sinne Klingers Schüler gewesen und doch muß man Klinger seinen

Meister nennen. So verschieden die beibeit sächsischen Künstler auch von einander sind, so gehören sie doch lunstgeschichtlich zuscun- men. Von diesem Zeitpunkte hat sich Greiners Leben dauernd in aufsteigender Linie bewegt. Er kehrte zunächst nach Leipzig zurück, diente sein Militärjahr ab und siedelte später wieder nach Rom über, das ihm dann für lange Jahre zur zweiten Heimat geworden ist. Dort wurde er im Laufe der Zeit eines der gefeiertsten Häupter der deutschen Künstlerkolonie. Seine Lithographien hatten ihm längst Rang und Ruf eines Meisters erworben. Jedes Exlibris von seiner Hand war ein bis in die letzte Einzelheit aufs feinste durchgearbcitetes Meisterstück. SeinParisurteil", seine Ehren- und Gedenkurkunden es sei nur an das Schießdiplom für seine Kompagnie und das Kantateblatt für die Buch händlermesse er­innert wurden von allen Sammlungen und Sammlern eifrig begehrt. Inzwischen strebte Greiner einem neuen Ziele zu: er bereitete seinen Uebergang zur Monumentalmalerei vor. Als die Frucht vieljähriger Arbeit entstand sein jetzt im Leipziger Museum aufbewahrtes MeisterwerkOdysseus und die Sirenen", dem eine kleine^ Anzahl weiterer Malwerke, vor allem dieHexenschule" zur Seite getreten ist.

Dante, Homer und Faust sind Greiners Lieblingsbücher ge­wesen. Die großen Probleme der Menschheit und des Lebens bewegen.ihn; sie spiegeln sich in seinen Werken. Da tritt Prome­theus auf, da behandelt er vor allem immer wieder das uner­schöpfliche Thema von der Frau, ihrem Einflüsse und ihrer Macht. Auch sein Odysseus-Bild gehört ja in diesen Gedankenkreis. Künst­lerisch ift, wie bereits angedeutet, der echt handwerkliche Zug seines Schaffens für ihn kennzeichnend. Selbst für das kleinste Blatt fertigte er, ehe er an die Ausführung ging, eine Unzahl von Naturstudien an, durch die er sich aller Einzelheiten bemächtigte. Diese Naturltudicn gehören zu dem Meisterhaftesten, was Greiner geschaffen hat. Aus ihnen arbeitete er dann die vorher entworfene Komposition zusammen: es ist nicht zu leugnen, daß bei dieser Arbeitsweise seine Werke zuweilen jenen Zug der Leichtigkeit eiu- büßtcn, den man am Kunstwerke nur ungern vermißt. Dafür waren sie echt, lebensvoll, durchgearbeitet und reich; nie kokettierte Greiner mit demUngefähren", nie suchte er sich seiner Ausgabe zu entziehen oder sie sich zu erleichtern und das reiche Spiel der Naturformen hat kann: ein .Künstler seiner Generation so wahr und schön beobachtet und wiedcrgebcbcn, wie er. Man nennt ihn gern einenPhantasiekünstler", aber dieser Phantasiekünstler lebte und webte in der Natur, nährte sich von ihr und suchte gestaltend ihrer Elemente Herr zu werden.

*

Neuaufgesundene Theateraufsätze von Ibsen.

Ein ungewöhnlich wertvoller Jbsenfund ist H. E i t r e m ge­lungen, indem er eine Reihe längst verschollener Theateraufsätze entdeckte, die Ibsen im Herbst 1662 in der zu Christiania er­scheinenden ZeitungMorgenbladet" veröffentlicht hat, und die nun an derselben Stelle durch Neudruck der Literatur iviedergegeben) worden sind. Als sie damals, vor mehr als einem halben Jahr­hundert, in der Zeitung erschienen, da wurden sie von deren) Publikum gelesen, vielleicht auch ein w?n'i besprochen und bald auch wieder vergessen und doch mertt man den Aufsätzen, fallen sie gleich nur in den Bereich der Tagesliteratur, durchweg) cm, mit welchem Ernste pnd mit welcher Gewissenhaftigkeit sie

welchen Duellen sich die fremden Gelder im einzelnen immer wieder erneuern, ist noch nicht festgestellt. Zn verwundern ist an sich die Zunahme der fremden Gelder nicht. Wenn in Zwischen­räumen von je 6 Monaten rund 10 Milliarden in den Wirt­schaftskörper hineingepumpt werden, so müssen diese Summen natürlich wieder irgendwo in Sammelbecken, wo sie statistisch erfaßt werden, an die Oberfläck>e kommen. Welche Erwerbsschichten, namentlich ob und inwieweit Landwirtschaft, Handwerk, Arbeiter- schast an der Erneuerung der fremden Mittel beteiligt sind, das festzustellen, wäre außerordentlich wichtig. Zweifellos tvird die landwirtschaftliche Bevölkerung in erster Linie daran beteiligt sein. Rund 26 v. H. der Mftglieder der Genossenschaften des All­gemeinen Verbandes sind Landwirte, den nächst stärksten Prozent­satz stellen die selbständigen Handwerker mit rund 23 v. H. sowie selbständigen Kaufleute und Händler mit 10 v. H., sowie die Arbeiter (industrielle und landwirtschaftliche Arbeiter mit eben­falls 10 v. H. Daß die Landwirtschaft über reichliche flüssige Mittel verfügt, ist bekannt. Dagegen sind weite .Kreise des selb­ständigen .Handwerks, namentlich soweit die Geschäftsinhaber zu den Fahnen einberusen sind, durch den Krieg schwer geschädigt. Freilich haben andere, namentlich soweit sie Kriegsaufträgc er-: halten haben, schönen Verdienst gehabt.

Indessen wie dem auch sei, die Genossenschaften zeigen sich als Sammelbecken für einen sehr großen Teil unseres Volksver- mögcns. Die rein landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbände werden wahrscheinlich das Bild, das die Genossenschaften des Allgemeinen deutschen Genossenschaftsverbandes bieten, bestätigen, ja in Anbetracht des Umstandes, daß die Landwirtschaft sich zurzeit in guter Finanz Verfassung befindet, vielfach noch eine stärkere Vermehrung der fremden Gelder aufznweisen haben. Zeigen sich so im deutschen Genossenschaftswesen nicht mir gesunde Verhältnisse, sondern sogar eine aufwärtssteigende Entwicklung, so werden die Genossenschaften dazu mithelfen können und gerne daztxinithelwn, um auch der fünften Anleihe zu einem vollen Erftilg z^^vörhelfen.

Eichener herbflpferdem«m, V

th. Gieße n^. 27. Septemher,

Dem heutigen Gießener Pferdemarkt wav unmittelbaF die Pfcrdemustcrung vorausgegangen, welche mit einer zwar nur kleinen Pserdcaushebung verbunden war, und dieser Umstand hatte Lücken in den Pferdebeständen unserer Industriellen usw. gegeben, die wieder gefüllt werden mußten. So kam es, daß diesmal trotz der Herbstzeit, in der in Friedenszenten jeder Pserdehalter seine! nicht unbedingt nötigen Tiere verkaufen oder abschasfen will, bei dem gestrigen Markte eine starke Nachfrage nach -Arbeitspferden und nach Wagenschlägen vorbanden war. Bei dem kleinen Vor­rat des Marktes, der sich auf kaum 100 Pferde und Fohlen belief, wurden Preise für gute Tiere 1>ez.ahlt, die nicht einmal als Luxus­preise zu bezeichnen sind, sondern die märchenhaft klingen. Er­zielten doch zwei Paar Pferde den Preis von 9 100 Mark und 9500 Mk. Dabei waren die Erwerber nicht etwa Leute, die den Preis der angekauften Pferde in Raten tilgen, wie dies vielfach im Pferdehandel üblich ist, sondern es heuchelt sich um Preise gegen Bargeld, Zug um Zug. Trotz der gezahlten enormen Preise ver­ließen aber die Käufer nach beendetem Geschäft, bei den: gar nicht einmal lange gefeilscht worden war, hoch befriedigt den Pferde­markt. Man hatte anscheinend gefunden, was wan brauchte, näm­lich ganz vorzügliches Material, und das schien die Hauptsache und den Ansschlag zu gebe::, bei allen Händeln, die auf dem Markt gcinacht wurden. Schlechte Pferde wäre:: wenig am Märtt ::nd waren auch schlecht anzubringen. Käufer und Verkäufer wußten was sie wollten, und heuer, und besonders in Kriegszerten, muß eben alles sehr hoch bezahlt werden. Auffällig bei dem Markt war, daß der Sttom der Lente mit dem Pserdeverstand und die Zu­schauer aus der Landbevölkerung der Umgegend diesmal weit weni­ger vorhanden war. als dias sonst der Fall war. Die sogen, neu­gierigen Kenner stehen wohl meistens zun: Schutze der Grenzen in Feindesland und die Landbevölkerung bevölkerte den Markt bei dem schönen Wetter nur spärlich, weil im Feld Arbeit vorhanden ist und die Zwetschen und Aepsel abgemacht werden müssen.

abgefaßt worden sind und wie Ibsen jedes Mort darin aus die Goldwagc gelegt hat. In jenem Herbste schrieb Ibsen mehr als sonst für Zeitungen, was neben anderem auch darin seinen Grund haben mochte, daß seine Einkünfte knapp und seine Schulden im Wachsen waren. Aber- er stand damals überhaupt in einer der schwersten Krisen seines Lebens. J:nl Sommer hatte er dieKomödie der Liebe" geschrieben, in der er von seiner -eigene:: eigenen Ver­gangenheit Abschied nahm, im Jahre daraus vollendete er die Kronprätendenten" und zu gleicher Zeit stand der Dichter, der mit diesen Werken in die Zeit seiner Reise eintrat, in de:: Augen des Publikums als eine gestrandete Existenz da, als ein Mann, der nichts erreicht hatte und von dem wohl auch nichts zu erwarten war. Er batte kein Amt, kein festes Einkommen, keinen gesicherten Namen. Mehr als ein -olles) Jahrzehnt Theaterpraxis und Theater­leitung hatte er hinter sich, und da gerade damals in dem Kampfe zwischen der dänischen und der norwegischen Richtung im nor­wegischen Theater sich eine nationale Bühne zu entwickeln begann, so lag es Ibsen am Herzen, sich dem Publikum als gründlichen Kenner des Theaters in Erinnerung zu bringen, um aus diesem Wege möglicherweise die Stelle als Direktor oder wenigstens als künstlerischer Beirat an dem Cbristianiatheater zu erringen. Das ist der Ursprung dieser fast durchweg verschollenen Aufsätze, die, gezeichnet mitA. I.", im .Herbste 1862 erschienen. In der Haupt­sache enthalten sw Besprechungen der jüngsten Nenausführnngen des Chr:st:ania-Thcat?rs. Darunter befand sich Hals,Sohn her Wildnis", OehlenschlägersAxel und Valborg", sowie eine Reihe von modernen französischen Lustspielen, und diese bunte dramatische Speisekarte gab Ibsen Anlaß, seine Stellung zu den verschied"neu. Gattungen der drarnatischen Dichtung manigfach zu beleuchten Die allgemeine Haltung der Aufsätze ist streng, sachlich und zurück­haltend, und dock: kann man, wie der Herausgeber treffend anmerkt gelegentlich gleichsam ein leises Zittern des Tones herausfühlen) das erkennen läßt, in welch kritischer Lage sichA.J." befand Nur zweimal geht er mit der Sprache freier heraus. Das eine Mal m dem Aussätze 'über die damalige Theaterkrise, in dem er der Kunst, ihrem Ermte und Adel, und der Llutopferungsfähigkeit für s:e einen begeisterten Huldigunqssang darbringt. Aber gleich bekam er zu cmpftnden, daß ertöricht g'nug sein volles Herz nicht wahrte": eme mephistophelische Antwort inMorgenbladet" erinnerte den Verfasser an seine wenig glänzende Theaterleit::ng> und eme andere erklärte, daß es schwier sei, den.sentimentalew Verf-ap'er". dessen Gehirnvon einem mißverstandenen Schön- heitsbegrifse umnebelt sei", zu einer nüchteren Betrachtung zu bringen. Jb^sen hat denn auch in der weiteren Folge diese Aufsätze der werten Leserschaft nie mehr einen Blick in sein Inneres ver­gönnt: wohl aber hat er in dem letzten Artikel der Reihe mit schneidendem Hohne dem Pnbtik::m die Wahrbeit gesagt, ja gleich- fajni sie ihm v»ar die Füße geworfen, indem' er über die Anteil- losigkeit des norwegischen Volkes an den Fragen und 2lnf-

gaben seiner nationalen Kultur und die 9 eich Fertigkeit, womit sie! behandelt wurden, rücksichtslos seine Meinung anssprach. Die Stelle ist für Ibsens Entwickelung von Wert: man sieht, wie die Stimmungen und Ueberzeugungen in ihm wachsen, die ihn im Job^ 1364 veranlaßten, seinem undankbaren Vaterland zorn­erfüllt den Rücken zu kehren, und die später in der erbarmungs­loser: Kritik seiner vom ewigen .Hasse.gegen die Masse -wfüllteni Gesellschaftsstücke zu llassi^hem Ausdrucks kamen.