Nr. 227
Zweites Blatt
Erscheint lL-ttch mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Sletztner FamiliendlStter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das ..Arrirblatt für den Ureis Sichen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit« frage«" erscheinen monatlich zweimal.
M. Jahrgang
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General-Anzeiger für Gberhesfen
Mittwoch, 27. ZeptemLer Mk
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche»
‘ UniversitätS - Blich- und Sterndruckerei.
R. Lange, Gießem
Schristleitung, Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul» straße 7. Geschäfts stelle u. Verlag: ^lA51, Schrift» leitung: «^^112. Adresse für Drahtnachrichten; Anzeiger Gießen.
—»WO
Uriegsbriefe vom rumänischen Kriegsschauplatz.
Telegramm unseres zum rumänischen Kriegsschauplatz entsandten Kriegsberichterstatters.
Muberechtigler Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.;
Ungarn und Rumänen.
Deutsches Kriegspressequartier Südost, den 22. Sept.
Zum erstenmal seit einen: Jahre, mährend dessen ich es mir versagen mußte. d«r Ereignisse:: ans dem mir besonders vertrant geworde::en östliche:: Kriegsschauplatz als unmittelbarer Beobach-- ter- zu folgen, habe ich dieser Tage wäcjdrfc eine Granate znml Feinde hinüber heulen hören. Sie kan: aus einem österreichischen Geschütz, dessen Donner sich an den Bergen und Felsen einer wilden Gebirgslandschaft rings um mich herum brach. Das Geschick hat mich diesmal an die Südostecke Ungarns verschlagen, Mo nun allmählich die Reichen der verbündeten deutschen und ungarischen Truppenteile so stark geworden sind, das; der Feind nunmehr schwerlich wird nachhole:: könne::, waS ihm in den ersten Tagen nach seinem schnöden Ueberfall auf den Verbündeten so langer Jahre nicht gelungen ist. Es hat hier heiße Kämpfe gegeben. und das kleine Häuslein Ungarn, dem die Wache gegen den unsicheren Nachbarn an diesen: Punkte übertragen tvar, hat dis Ohven gehörig steif halten müssen, um im große:: und ganzen die Grenze zu behaupten. In vollem Untfang hat sich das allerdings nicht zuwege bringen lasse::. Denn der Gegner, de:: man noch inrmer für unschlüssig gehalten hatte, war über das von ihn: geplante Borgehen längst im klaren gewesen. So hatte er von seiner Seite des sonst unzugänglichen Hochgebirges her in dieses hinein längst Zickzackwege geschlagen, die zu den Kuppen hinaufführten, auf denen sonst der Bär, der König dieser Wälder, in vom Menschen nicht gestörter Einsamkeit haust; die Plätze zu wirksamer Aufstellung feiner Gebirgsbatterien waren sorgfältig ausgewählt und jederzeit beziehbar gemacht, und so wimmelte es dort oben im Augenblick der Kriegserklärung vo:: feindlichen Angriffstruppen, die ihre unmittelbare Nachbarschaft jenseits der ungarischen Grenze sofort unter , Feuer Nehme:: und in die Täler herniederbrechen konnten. Aber das galt eben doch nur für die allernächste Nachbarschaft der Grenze, in der Breite von wenigen Kilometern. Ein eigentlicher Gebirgs- übergang, den die Rumänen sich hätten, wie anderwärts, sichern und dann: benutzen kömreu, war in der in Rede stehenden Gebirgslandschaft .nicht vorhanden; der Donaudurchbruch, der das Gebiet nach Süden abschließt, lag unter dem Feuer der Donanmonitore und der an dem bulgarischen Ufer auf tauchenden bulgarischen und österreichischen Batterien, war also erst recht keine besonders ein- landede Marschgelegenheit, und so hieß es, bei weiterem Vordringen im Gebirge selbst den Verteidigern unter weit weniger günstigen Bedingungen als zunächst entgegen getreten. Die ersetzten, was ihnen an Zahl äbging, durch doppelte Rührigkeit und Umsicht. Verstärkungen stürmten heran, und so ist es gelungen, den feind- lichen Angriff noch vor Herkulesbad, der vom Feinde heiß ersehnten Perle des südungarischen Hochgebirges, zum Stehen zu bringen. Seit den Ereignissen in der Dvbrudscha hat dann die Angriffslust des Gegners offenbar stark nachgelassen. Weiter nördlich sind die Rollen bereits getauscht, der Feind sieht sich dort seit einigen Tage:: in der Rolle des Verteidigers den verbündeten deutschen Truppen gegenüber, und so herrscht hier, wenn auch nicht nach umfassenden Schlachten, so doch nach für alle Beteiligten hüllänglich stürmischen Tagen für den Augenblick einigermaßen Ruhe.
Natürlich darf man sich durch diese Ruhe nicht in trügerische Sicherheit wiegen lassen, und man ist auch weit entfernt davon, es zu tun. Ich sehe von einer der steile:: Kuppen, die von den Ungarn behauptet und seither entsprechend befestigt worden ist, bei wunderbarer Herbstsonne in das Meer von Bergen, Felsen und Wäldern rings um uns hinein. Vor mir, an der Böschung des^^^ücn- grabens, den sie hier ins Gesten: geschlagen l>aben,
Büchse im Arm, 'vom Boden kann: unterscheidbar, baumlanW^DM niaken. Stumm und regungslos liegen sie da gleich dem Jager in der Wildnis auf dem Anstand. Tie Kuppe gegenüber ist in den Händen des Feindes. „Wird er kommen?" Das ist die Frage, von deren .Beantworttmg der Verlauf der nächsten Stunden und vielleicht der nächsten Tage :wch abhäi^t. Davon, ob im Rate der Feldherrn etwas anderes beschlossen ist, als die Taktik von gestern und vorgestern. noch heute und morgen oder noch länger fortzusetzen, weih man nichts hier vorn auf einsamem Posten in- einsamer Höhe; man Zerbricht sich auch nicht de:: Kopf darüber. Der Befehl ist, die Vorgänge beim Gegner zu beobachten und die Kuppe bei etwaigen: Angriff zu halten. Dessen Berge liegen in, geheimnisvollem Schweigen da, Und nichts regt sich drüben, ob auch ^unsere GebirgshaUbitzcn, natürlich ohne unangebrachte .Hast, einen "Gruß Um den andern zu ihnen hinüber senden als Einladung, aus seinem Inkognito herauszutreten. Vergebliche Mühe! Der Feind antwortet nicht. Spart er seine Vöunition oder fürchtet er, das.Versteck seiner Batterien vorzeitig zu verraten? Ter Kopf des Bvsniaken vor uns am Grabenrande mit dem kleinen grauen i
Tarbusch wird von drüben aus auch durch das beste Scherenfernrohr nicht anders anssehen wie eine Erdscholle. Doch aus dieser Erdscholle heraus heften sich ein paar scharfe, harte Auge:: auf das Versteck derer da drüben; wir aber wissen, daß Feld und Wälder und die Erdschollen gegenüber ebensolchen Augen haben, und daß sie unablässig auf uns gerichtet snrd, und daß wir durch keine Bewegung verraten dürfen, daß Leben Leben in uns ist.
Neben mir steht der Führer der Bvsniaken und Befehlshaber des Abschnitts, selbst ein Bosniak und im Frieden Rittmeister der Gendarmerie. Auch er ein schlanker Riese, und zwar einer mit hen Hellen Augen des Falken U:ü> kühner Habichtsnase. Er erzählt von seinen Leute::, ihrer Zuverlässigkeit und Anhänglichkeit und ihrer Wut im Gefecht und wie sie im Nahkampf am liebsten dem Gegner au die Kehle springen und diese mit ihren großen Händen !iinj ehernem Griffe zuschnüren.. Auch wie der Krieg für sie, die Söhne eines an blutiges Erlebnis von altersher gewöhnten Stammes, keinerlei Schrecken, so:ü)ern ganz in: Gegenteil seine besonderen Vorzüge habe, insofern sie im Kriege reichliche und bessere Menage bezögen, als im Frieden, was für sie ganz außerordentlich 'wesentlich lei. Daß sie alle Nahrung, selbst das Wasser, vom Tal den Berg hinaus schleppen müßten, verschlage ihnen wenig; an Harke Aübait seien sie gewöhnt. Und er erzählt von dem schönen, freien Leben in Serajewo, und :vie :n!an dort durch keinerlei ge- sellschastliä)en Krimskrams sich in der beliebigen Verfügung über seine Person und Zeit stören zu lassen brauche, und wie er die Rumänen als Gegner verachte, er, der gegen die Italiener gefuchten, die sich sehr brav geschlagen, und gegen die Albanesen, find dann fährt es ihm, in Vollendung einer unausgesprochenen .Gedankenreihe, aus einmal heraus, das Wort, das für mich wie Hn Scheinwerfer Licht bringt in alle die Kämpfe hier unten, den
spricht
Rulnänenkrieg einbegriffen: Das Kapitel Albanien liegt ihm aus
erklärlichen Gründen besonders nahe. Er sagt.Doch nein!
Was er sagt, ist schließlich dem: Wortlaut nach gleichgültig genug, daß alus diesen Worten bittere Todfeindschaft gegen die Albanesen
sch erinnere mich, wie die Serben im Balkankrieg unter den mazedonischen Bulgare:: und eben unter den Albanesen gewütet haben. Mir kommt es in.de:: Sinn, wie in den letzten Tagen in denkbar beglaubigter Fo:n: die Künde von furchtbaren Greueltaten der Ruinänen aus der Dobrudscha zu uns gedrungen ist und mit welcher Wut die Bulgaren Genugtuung suchen und nehmen. Auch hier in Siebenbürgen haben die Rumäne::, was in ihre Hände geraten ist, niedergemachl —, auch die Verwundeten. Und notgedrungen heißt es auch hier „Auge um Auge, Zahn um Zahn". Ich spüre nachträglich, was es sagen wollte, wenn ein rumänischer Staatsmann mir vor einigen Jahren erklärte, daß die Angliederung von Leuten fremden Stammes seinen Landsleuten keine Schwierigkeiten machen würde. Aus besondere Experimente freilich würden sie sich nicht einlassen. Den vollen Sinn dieser Worte begreife ich erst heute.
Rücksichtsloser Haß dem Gegner und wenn möglich seine Vernichtung! Das ist der unbeirrbare Instinkt, der in diesen heißblütigen Völkern des Südostens aus den Urtagen der Menschheit fortlebt. Und auch in der: Ungarn wallt noch heute dies heiße Blut, regt sich noch heute, wenn auch nicht ganz in der ungestümen Wildheit des Balkans, kommt es zum Ausdruck in der Entschlossenheit mit der sie bei allen parteipolitischen Gegensätzen in der Begeisterung für ihre Nation ohne jede Ausnahme eines Sinnes sind, äußerst es sich jetzt, nur in der Form durch ihre Kultur gemildert, in ihrer grenzenlosen Erbitterung gegenüber den Rumänen.
Zum Grafen Czernin, dem österreichisch-ungarischen Gesandten in Bukarest, hat Bratianu an dem Tage, an dem er bei seinem König die Unterzeichnung der Kriegserklärung durchsetzte, das Wort gesprock>en; „Ich werde, will und kann neutral bleiben!" In der Ehrlosigkeit dieser Lüge sieht jeder Ungar das Schicksal des Rumänentums besiegelt. Jeder Ungar hat den sehnlichen Wunsch, das „Walachcntum", wie sie es nennen, aus der Weltgeschichte verschwüren zu scheu. Das ist keine Redensart. Man muß bae Ausdrücke ihrer Erbitterung gehört haben. Jeder Einzelne will auch nach Kräften das Seinige dazu beitvagen — und ist im übrigen überzeugt, daß Rußland sich militärisch nicht über Gebühr anstrengen wird, Runüinien zu retten.
Adolf Zimmermann Kriegsberichterstatter.
Ans Stadt ««d Land.
Gießen, 27. Septembey^1916X
** Vom Oberhessischen Viehhandelsverband wird uns geschrieben; Es hat sich neuerdings gezeigt, daß an den Viehabn-ahmestellen des Verbandes vielfach noch nicht ausgemästetes, meist jüngeres Rindvieh angetrieben wird, dessen Schlachtung wirtschaftlich einen Verlust bedeuten würde. Der Viehhcmdelsverbcmd hat daher mit Landwirten, die über Futter verfügen, Mastverträge
abgeschlossen, auf Grund deren solche Tiere auf einen höheren Stand der Mästung gebracht iverden sollen. Die Tiere bleiben Eigentum des Verbandes, doch erhält der Master fast den gesamten Gewinn des infolge der Mästung entstehenden Mehrerlöses. Da die Tiere, wenn sie ausgemästet sind, in eine höhere Preisklasse zu fallen pflegen als vorher, so kann der Gewinn für den Mästen sehr beträchtlich sein. Aber auch die Allgemeinheit hat den großen Vorteil, daß aus den gemästete:: Tieren wesentlich mehr Fleisch und Fett erzielt wird. — Landwirte, die geneigt sind, ebenfalls solche Mastverträge mit dem Verband abzuschließen, wollen sich zwecks Entgegennahme der näheren Bedingungen an die Geschäftsstelle des Oberhessischen Viehhandelsverbandes, Gießen, Moltkestraße 20, wenden.
** Vortrag über Kr iegs für sor ge. Herr Gehümerat D i e tz, Vorsitzender der Landesversicherungs a: :slalt und der Krirgs- sürsvrge für das Großherzogtum Hessen, hat sich aus Bitten des Ausschusses für Verwuadeten-Unterricht zu Gießen, bereft erklärt, am Donnerstag, der: 28. September, abends 7 Uhr pünktlich, in der Neuen. Aula der Universität eine:: Vortrag Mit Lichtbildern über Kriegsbeschädigten-Fürsorge zu halte::. Der Vortragende wird erörtern, in welch weitgehender Weise das Reich für unsere verwundeten Krieger sorgt. Wieviel namentlich auch für die Wiederherstellung der Berussbeschciftigung und Uebung der Kriegsbeschädigten geschieht, ward in Lichtbildern, die die Kriegsbeschädigten bei der Arbeit zeigen, vorgefühit werde.:. Da es sich um einen, Gegenstand von allgemeinem Interesse handelt, so findet der Vortrag öffentlich und unentgeltlich! statt. (Siehe die Anzeige.)
** Die Geschäftsstelle des ^V ate r lan dsdan k" für Gießen ist nach dem Tode des Hofbuchdruckereibesitzers £)tto Kind dem Architekten H. Metzer übertragen worden. Die Geschäftsräume der Gvldankaufstelle befinden sich nach wie vor in der Bezirkssparkasse dahier und zwar ftnden regelmäßige Dienststunden Dienstag, nachm, von 3 bis 5 Uhr und Samstag, vorm, von 10 bis 12h2 Uhr statt. Außerdem sind die Juweliergeschäfte von Karl Brück am Kreuz platz und von Karl Noll axn .Seftersweg jederzeit zur Annahme von Gold- und Silbersachen oder Barspenden bereit. Es soll hierbei wiederholt kurz auf die Notwendigkeit der Sammlung aufmerksam gemacht werden.
** Herbstaussaat. Um Michaelis beginnt die Herbstbestellung. In früheren Jahren herrschten bei den Landwirten zahlreiche Bolksgebräuche, die sich auf alle ihre Arbeiten biogen. So wurde das erste Korn an einem Samstag gesäet. Man sprach dazu auch einen frommen Spruch Und glaubte, daun wäre das Korn auch gegen Schneckenftaß gesichert. Wenn der Bauer den ersten Weizen säen wollte, ging er, ohne ein Wort zu reden, auf den Speicher und holte dort die Saatfrucht. Ebenso stillschweigend geschah das Säen und das Zurückbringen des Sackes auf den Speicher. Man glaubte, an solchen Weizen wüttren Mäuse und Spatzen nicht gehen.
Kreis Alsfeld.
— Aus dem Ohmtal, 27. Sept. Bis jetzt sind von den Bewohnern einzelner Gemeinden des Ohmtales nach vorläuftgen Zusammenstellungen recht beträchtliche und ansehnliche Summen auf die 5. Kriegsanleihe bei Postanstalten sowohl als auch bei den Kassen und Banken gezeichnet worden. Die Kinder in den Schulen wollen auch nicht zurückstehen, am Siege der Daheimgebliebenen nüt- geholfen zu haben. Sie haben durch die Schulzeichnungen schon recht schöne Summen zusammengebracht. Der biedere, hilfreiche Bvgels- berger läßt sich nicht zurückhallen, dem Baterlande zu helfen und zn dienen, sei es aus eine Art, welche es will.
Kreis Wetzlar.
ä. Wetzlar, 27. Sept. Für die vergangene Woche standen dem Kreiskommunalverband an Schlachtvieh zur Verfügung: 22 Rinder, 24 Schweine und 22 Kälber. ES entfielen auf di« Bürger:neistereien Ehringshausen 3 Rinder, 3 Schweine und 3 Kälber, Krofdorf 3 Rinder, 3 Schweine und 2 Kälber, Braunfels 4 Rinder, 3 Schweine und 3 Kälber, Ulm 1 Rind, 2 Schweine und 3 Kälber, Hohensolms 1 Rind, 1 Schwein und 1 Kalb, Rechten- bach 1 Rind, 2 Schweine und 2 Kälber, Schwalbach 1 Rind, 3 Schweine und 2 Kälber, und Wetzlar 8 Rinder, 7 Schweine und 6 Kälber.
d. Aus dem Kreise Wetzlar. 27. Sept. Um der ärmmst Bevölkerung des Kreises Obst zu erschwinglichen Preisen zu verschossen, hat der Landrat ungeordnet, daß das Obst an den Gemeindeobstbäumen nicht, wie bisher, öffentlich versteigert, sondern an die minderbemittelten Einwohner der Kreisgemeinden verkauft werden soll. Falls das Obst nicht durch die Gemeinden selbst gbge- erntet wird, soll es den Käufern vom Baume zur Selbstabernchnng überwiesen werden. In diesem Falle tritt eine den Erntemrkosten entsprechende Ermäßigung des Kaufpreises ein. Damit kein unreifes Obst zum Verkauf bezw. zur Ernte kommt, soll vor Ansetzung der Verkaufstermine der Rat des Kreisobstbaulehrers eingeholt werden.
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Der erste deutsche Tauchbootplan.
Ein neuer Beitrag zur Geschichte des U-Bootes.
Der Geheime Hausarchivar Dr. Josef Weiß in München veröffentlicht im nächsten Hefte der „Süddeutschen Monatshefte", das unter dein Titel; „Frankreich vlon innen" erscheint, ein außerordentlich merkwürdiges, bisher nicht bekanntgegebenes Schriftstück aus den geheimen Staatsarchiven. ES handelt sich dabei um einen Vorschlag zweier deutscher Ingenieure, die im Jahre 1798 durch Vermittlung des damalige:: Nehdente:: der ftanzösischen Republik in München, Alquier, den: Direktorium der französischen Republik den Plan zu einem! Tauchboote unterbreiten wollte::, das keinen Lncheren Zweck hatte, als die englische Blockade und die englische Gewaltherrschaft zur See zn brechen.
Was zunächst die Erfindung selbst an geht, so waren sich die Erfirwer vollkommen über ihr Ziel u:td die anzuwendenden Mittel im reinen: „Der Gegenstand der Erfindsung oder das zu lösende Problem ist die Erbauung eines kleinen Schiffes, in welchem zwei Personen in beliebiger Tiefe unter Wässer fahren, eine feindliche, vor einem Hasen liegende Flotte erreichen, sodann mit den: Schiss unter de:: Boden eines der feindlichen Sckfiffe schlüpfen und diesem beim Kiel ein Sprenggeschoß beibringen können, dessen Entladung sich dem Pulvermagazin mitteile::, das Schiss in die Luft sprengen, oder, da sie ihm ein genügnch breites Loch schlägt, es zum mindesten rettungslos zum Sinken bringen wird." Als wesentliche Eigenschaften ihrer Erfindnirg. die im große:: und ganzen in den Plänen fertig vorliegt und nur selbstverständliche Einzelheiten ausläßt, geben die Erfinder von ihrem Dcmchboiote an,, daß es allseitig luftdicht schließt, hinreicheird tviderstandssähig gegen den Wasserdruck ist, daß es ebenso leicht wie das Wässer ist, um in jeder Tiefe schweben zu könnest, daß der Schwerpunkt ins unteren Teile liegt, so daß es nicht umkippe:: kann, daß es nach ^jeder Richtung geleUkt werde:: kann, daß die Insassen genügend Lrcht iw Innen: haben, daß die Wassertiefe abgelesen werden kann, daß für Lufizufnbc gesorgt ist ünd daß endlich das Fahrzeug Sprenggeschosse auf dem Rücken trägt. Nach Bild:rnd Text handelt es sich uw einen runden Schiffskörper aus Kupfer, der am Boden Blei als Ballast träw; die Bewegung wird durch einen Mechanismus von P::mpen, Röhre:: und Steuerung bewerkstelligt, der zum Teil auf den Basler Phtzsiker
Daniel Benwuilli zurückgeht und eine Vorstufe des Reakttonswo- pellers darstellt. Meine Luken aus dickem Glas sollen für Lichteinlaß sorgen, die Tiefenmessung wird von einem Doppelheber über- nommen, durch den eine Quecksilbersäule iw Innen: der äußeren Wassersäule das Gleichgeivichl hält, die Lufterneuen:ng :var durch Röhren vorgesehen, die mit der Luft oberhalb des Wassers in Verbindung gebracht :verdei: sollten, außerdem aber hatten die Erfinder auch daran gedacht, Preßluft oder znsaminengepreßten Sauerstoff mitzunehme::. Besonders fesselnd ist die Art der Sprenggeschosse. Diese sollten leichter als Wasser sein und oben drei scharfe Stahlspchen tragen. Befand sich das Tauchboot unter einem feindlichen Kriegsschiffe, iso sollte eins der Sprenggeschosse von innen losgeschraubt werden, der Auftrieb preßte es dann aufwärts, und die Stahlspitzei: mußte:: sich in den Schiffsboden bohren. Dann entfernte sich das Tauchboot rasch und zog dabei mittels einer Leine einen Drücker ab, der ein Flintenschtoß alter deutscher Kdnstruktion losschoß. Mit einer Ladung von 150 Pfund Pulver dachten die Erfinder auszukomwen.
Der Frage, wer die Erfinder sind, ist Dr. Josef Weiß erfolgreich nachgegangen. In ihrer Denkschrift hatten sie ihren Namen verschwiegen. Ein Jahr spater aber wandten sie sich noch einmal an Alguier und diesmal setzte:: sie ihre Nan:en unter das Schriftstück. Freilich sind diel!Unterjchriften unter ihrer Eingabe bis zur Unleserlickkeit überkritzell. Aus der wiederholten Bezugnahme ans englische Techarik und de:: Gebrauch eirglischer Bmemrungen in der Denkschrift kam dar Näünchener Archivar jedoch auf die Vernrutung, es handele sich um\ die beiden später berühmt^ gewordenen Joses Baader aus Münche:: (Techniker) und Georg Reichenbach aus Vöannheim (Arttllerieleutnant), die auf Veranlassung Rumfords und mit llnterstützung durch de:: Kürsürsten Karl Theodor gemeinsam von 1791 bis 95 in England studierte::. Durch Handschristenvergleich ist nachgewiesen, daß Jvsef Baader die Denkschrift geschrieben hat; abgefaßt hat er sie mit Reichenbach gemeinsam.
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— Die berliner Uraufführung der neuesten Bühnenarbeit von Karl Rößler und Ludwig Heller. Aus Berlin wird uns geschrieben: Rößler und Heller, die vom Erfolg so reich bedachten Autoren des Feldherrnhügel und der „Fünf Frmrkfirrtcr", haben sich zu einer neuen
Kompag:::earbeft verbündet, die diesrnal durch den Untertitel „Ein Bolksstück aus Nelu-Berlin" gekennzeichnet ist. Der „Jüngling mit den Ellenbogen", der Sonnabend in Viktor Barnowsktzs Deutschem Künstlertheater mft Gesang, Musik und Modenschau aus der Ta::se gehoben wurde, zeigt d:e bewährten Fertigkeiten der beiden Verfasser:rnd cükch ihren sHrrsen Witz, hält jedoch mcht ganz, was er in den ersten Szenen zu verspreche:: scheint. Ter Jüngling anit dem Ellenbogen heißt mit seinem^ bürgerlichen 97amen bescheiden Neustädter und ist ans der Gegend zwische:: Benschen und Gnesen. Damit ist der moderne Typ des kleinen jwrgen Mannes gegeben, der aus emem Provinzialnest nach Berlin kommt, um hier mit der Tlichttgieit seiner Ellenbogen den Weg nach oben zu erkämpfen. In den: von Rößler und Heller geschilderten Fälle macht der Jüngling den Weg in Begleitung eines ebenso ersolgshLmarigen Berliner Mädels und wnes bereits einmal von der Straft des Gesetzes gestteiften Berliner JUngens. Alle dre: aber sind jung und alles weniger als düm>m, fest entschlossen, ihre Träume baldmöglichst verwirkliche::. So wären dve Möglichkeiten eines echten Neu-Berliner Volksstückes skizziert, die aber im weiteren Verlaus durch nachgiebige Micksichtnahme aus billigeres Unter- haltungsbedürfnis em tvenig verwischt und umgeboge,: werden. Jwmerhn: gibt es zahlreiche unterhaltende imfo lächelnd AHige Bemerkungen von Rößler und ebe:rso viele Bühnenwirkftrmkwten aus Ludwig Hellers stets sauberer Werkstatt. Das Ende ist natürlich:, wie nur recht Und billig, gut: die drei jungen Helder: erlangen Geld, Bürgevehre ufw. Die vm: einein neuen Kompoinsten, Ernst Steffan, beigesteuerte Musik ist routiniert und cMgenchm. ohne durch ein UeberMaß merklicher Ideen aufz'ufalle::. Me ?lÜffüWÄ:g war im flotte:: Zug des Garrzen wie auch im einzelne:: sähr wiUffam. Der junge Adalbert Liban als Jm:gling mit den EllenbvMN, Max Adalbert als der schnoddrige Berliner Kazvrke und 5) e d y U r h als das Berliner Mädel, sowie auch> G>eorg Baselt machten de:: Abend vergnüglich gemrg, und RöUer und Heller konnten brüderlich de:: Applaus cnngegennehmerl.
— Berlin, 20. Sept. (Priv-Tel.) Der „Bert. Lok.-Anz." meldet: Alexander R o t t m a n n, der Berliner Bühnenfiinftler, der seit drei Jahren dem Lessing-Theater angehört, ist infolge Herzschlages im 48. Lebensjahre verstorben.


