Ausgabe 
21.2.1916 Zweites Blatt
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144
 
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Br. 43

Zweites Matt

Erscheint S-Nch mit Ausnahme des SonnlaoS.

Die«fettet FamiNenblatter" werden dem .Anzeiger^ vierinal wöchentlich beiqelegt, das Brristtatl* öe» Breis Hießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirrschafttichen Zeit- ft«-e»" erscheinen monatlich zweimal.

;bb. Jahrgang

leyener

Seneral-Anzeiger für Gberhefftn

Montag, 2t. §ebruar Mb

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schriitleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul­straße?. Geschäftsstelle u.Derlag:^-^51, Schrift- leitung: S^112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Die hessische vsranschlagsbemtnng.

Die Beratungen des Finanzausschusses Zweiter Kammer über den Staatsvoranschlag für 1916 'haben sich schnelles als man bei den jetzigen schwierigen Verhältnisse: annehmen konnte, dem Ende genähert. Der Ausschuß hat die erste Beratung bereits erledigt und ist darnach in die gemeinschaftliche Verhandlung mit der Regierung eingetreten. Diese wird in den nächsten Tagen beendet und dann vollzieht der Ausschuß in einer Art zweiter Lesung die Abstimmung über die einzelnen Etats kapitel und die hierzu gestellten Abäirderungsanträge, woraus man sich dann, da ja der Finanzausschuß alle politischen Parteien nach ihrer ungefähren Stärke in sich birgt, muh schon ein Bsild üsber die späteren Be­schlüsse des Kammerplenums machen kann, vorausgesetzt, daß kein Ueberrascharngcn ein treten.

. Ter Aussckptß ist bei seinen Berattmgen bestrebt gewesen, das StichwortKriegsetat, nicht F riebensetat" zu be heiligen: er hat eine ganze Reihe von Abstrichen oder Streichungen ganyen Einzelposten eintreten lassen, wodurch voraussichtlich das Verhältnis zwischen Effmahme nnd Ausgabe im Staatsbudget urcht unwesentlich verbessert und der enorme Fehlbetrag von über 41/2 Millionen verringert werden wird.

So hat man wohl allgemein mit Befriedigung davon Kenntnis gencmrmen, daß der Ausschuß die beantragte Eriverbung der pri- ön ^ er Raubes Universität zum Preise von 100000 Mk. nicht genehmigte, sondern für später zurückstellte, und damit auch die dauernde Ausgabe von 19 800 Mk. hinfällig machte. Die Bevölkerung unseres Landes bringt den schönen Be­strebungen der Säuglingssürsorge gewiß nach wie vor die würnrste Sympathie entgegen: man wird aber doch die Auffassung vertreten daß in diesem Augenblick bedeutende Gelder mit Hilfe von Steuern nicht für solche Zwecke aufgewendet werden dürfen, zumal ja auch durch die neu ms Leben gerufene Reichswochen Hilfe viele frühere Unziuträglrckkerten und ungünstig gelagerte Härten in Weg­fall gekommen sind. Man ist vielmehr der Meinung, daß die bisher geübte Privatwohltätigkeit, wie sie sich ja in diesem Punkt in Hessen so glanzend, bewahrt hat, auch die weitere Anforderung von oOOOO Mk. im neuen Etat für diesen Zweck erübrigen wird.

Des weiteren hat-im Lande der Beschluß des Ausschusses, wägend der Kriegsjahre neue Beamten st eilen nicht 5 u schaffen, lebhafte Zustimmung gefunden und man hofft dringend, daß auch dre Ständekammern air dieser Entschließung festhalten werden. Große Industriebetriebe, die zum Teil mit höheren Bud­gets arbeiten, als der hessische Staat, haben während des Krieges lernen müssen, sich nach der Decke zu strecken und mit einer stark beschrlinkten Beamten- rmd Arbeiterzahl auszukommen. Es mag ia für den betreffenden Leiter einer Abteilung unter Umständen schweig und vielleicht bequemer sein, stets einen genügenden Stab von Beamten zur Verfügung zu haben, aber es darf doch nicht ver­kannt Nieten, daß die Kriegszeit jedenfalls nicht dazu airgetan ist, al^n solchen Bedürfniffen Rechnung tragen und dem Lande neue Opfer auszuerlegen. Die Steuerzahler dürfen mit Recht erwarten, lxrß auch der seinerzeit mit so großen Hoffnungen ins Leberr geruteM Vereinfachung saus schuß erneut nnd mit Ernst ferne Tätigkeit wieder arrffrimmt und zu Ersparnisvorschlägen rn der Staatsvenraltung gelangt, die jetzt nur so notwendiger wer­den, «üs die Wirkung der neuen Besoldungsordnung die Staats- «usgaben um HuniderttMrfendc nrehr belastet. Die bei Scksafsung der Gehaltsordsrung oft gehörte Parole ,/rusreühende Besoldung, wemger Beanrte" scheint jetzt schon wieder ganz in Vergessenheit genaden z-u fern.

^ Man muß sich doch in allen denkenden Kveisen darüber klar lem, daß die heutigen neuen Steuavanforderungen nur der Anfang sind nnd die zu erwartenden groß«: Aufgabeir in der Folgezeit auch weitere Ausgaben erfordern werden. Schon jetzt beschäftigt man srch eingehend mit der Frage, tvelche Wirkung die bereits beschlossenen direkten Reichssteirern, die Bermögenszuwachs- die Krrogsgewrmijteuer uftv. auf die hessischen Steuer-zalster ausüben werden und wie die sicher auch für rcnser Großherzogtum zu er­wartenden staatlichen Viindereinnahmen M decken sein werden Zweifellos läßt die Zukunft große Anforderungen erwarten, und es kann deshalb Nicht eindringlich genug der Ruf erhoben werden über den Sorgen der Gegenwart die Zukunft nicht zu vergessen'

dre Verhältnisse später wieder günstiger, so mag der Staat auch wieder eure Reihe von Aufgaben übernehmen, die nicht un­bedingt zu seinen Pflichten gehören. Jetzt aber gilt es, alle Mittel zusammenzuraffen, um das wirtschaftliche Leben

Aus Hessen.

Die Lebensmittelversorgung.

Abg. Henrich hat in der Zweiten Kammer folgenden Antrag gestellt:

, Die Gvoßh. Negierung zu ersuchen, für das konrmende Ernte­lahr die sämtlichen Kreise des Landes in Gemäßheit des § 61 der Verordnung des Bundesrats vom 28. Juni 1915, den Ver­kehr mit Brotgetreide und Mehl betreffend, und der 5 und 8 der Vewrdnnng vom 28. Oktober 1915, die Kartoffel Versorgung betreffend, zu einem einzigen Kommunal Verb and zusammenzw- stylreßen oder soweit die Reichsgesetze eine derartige Regelung der Landesverteilung nicht zulassen, beim Bundesrat die Zu­lassung der beantragten Einrichtung rechtzeitig anzuregen.

Abg. Wiegand stellt folgenden dringlichen Antrag Die Gvoßh. Regierung bitte ich sofott zu veranlassen, daß dre von einzelnen hessischen Komniunalverbänden bezw. Kreisen erlassenen Verbote der Ausfuhr von Kartoffeln nach Orten in änderest hessischen Kreisen alsbald aufgehoben werden

Hinterbliebenenversorgung von Kriegsteilnehmern.

Abg. ö a u cf brachte in der Zweiten Kammer folgenden Antrag ein:

Hohe Kammer wolle Gvoßh. Regierung ersuchen, im Bundes rat dahin zu wirken, daß den Hinterbliebenen gefal- lener und verstorbener Kriegsteilnehmer, deren Ernährer vor dem Kriege ein Einkommen unter 1500 Mark halte bei Zuweisung der e i n in a l i g e n widerruflichen Unter­stützung der Witwe der Mindestsatz von 50 Mark, den Halb­waisen ein Fünftel, den Vollwaisen ein Drittel des der Mutter zustehenden Betrages überwiesen werde.

des Landes, die Grundlage der Zukunft Staates überhaupt, lebendig rmd kräftig yu Möglichkeit weiter cru^ugestalten.

und des hessischen erhalten und nach

Rhein-Mainischer verein für Vevölkerunsspolitik.

= Frankfurt a. $c.,-20. Febr. Ter Rhein-Maini , che Verein für Bevölkerungspolitik hielt am Sams­tag nachmittag imKaiserhof" unter starker Beteiligung aus dem Groß Herzog tum Hessen und Frankfurt a. M . Nassau war weniger stark vertreten seine zweite .Hauptversamm­lung ab. Unter den Anwesenden bemerkte man zahlreiche Kreis­räte, Kreisärzte, Geistliche beider Konfessionen, Bürgermeister und andere höhere Kommunalbeamte und erfreulicherweise auch viel Damen. Der Vorsitzende, Professor Dr. Opitz-Gießen erstattete nach kurzer herzlicher Begrüßung zunächst einen knapp gehaltenen Bericht über die bisherige Tätigkeit des irkngen Vereins, und gab dann noch einmal in klarer Weise ein Bild von dem Ziel, das der Verein verfolgt: Ucber die Tatsache der stetig fortschreitenden Geburtenverminderuütz in Deutschland wissen sich die meisten Leute mit der Vertröstung hinweg zu täuschen, daß nach dein Kriege ja ohne weiteres wieder eine raschwachsende Bevölkerungsvcv- mehruug eimetzen werde, wie es schon 187071 der Fall war Aber wieviele-verheiratete Männer kehren nicht zurück? Wieviele unverheiratete Männer, die für die Zukunft des Volkes in Frage kommen, bleiben? Auch der erhoffte Stimntungsumschwung des Volkes aus fick)- selbst heraus wird nicht den erwarteten Ersatz bringen. Die Hoffnungen soll inan aufs geringste einsPannen Für dre Geburtenvermrüderuirg spielen auch noch andere Momente eine Rolle. Mit der Zunahme dev Frauenbewegung ist leider auch bei der Frau die Neigung zur Mutterschaft gesunken. Weitere bedenkliche Erscheinungen sind der Versichenrngs- zwang und die sogcrronnte Rentnererziehung. Ehe diese Schäden aber krebsartig weiter wncksern nnd offenkundig werden, gilt es Vorbeuguugsmaßregelu zu treffen. Und das soll Aufgabe des Vereins sein.

Ter Verein will helfend nnd rettend eingreisen durch

1. Erhaltung der Neugeborenen,

2. Förderung der Jugendpflege rmd -Bewegung,

3. Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten,

4. Aenderung der Besoldungsvorschrifteii,

5. Bessere Vorbildung der jungeir Mädchen für den Haus- fvcrilenberus,

6. Erleichterung der Eheschließungen (Fortfall der Offiziers- kautionen, frühe Heiraten usw.),

7. Dckärnpfung des Präuentivmitleiverkehrs,

8. gesunde Wohnungspolitik und innere Kolonisation.

Wenn die Wirkung dieser Mittel Mich erst später zu spüren sein wird, so müssen doch! schon die durchTvei senden Vorberei­tungen dazu in die Wege geleitet werden. Durchgreifende Aende- rungen in der Bevölkerungspolitik heischen aber auch eine Um­änderung der Gesinnung. Diese soll in erster Linie her­beigeführt werden.

Um friefe hohen Ziele zu erreichen, bedarf es umfassender Organisationen. Richtlinien hierfür sind z. B. Fühlung­

nahme mit den bereits bestehenden Vereinen für Sänglrngs- und Jugendfürsorge; Einrichtung einer Heiratsver­mittlung für Kriegsbeschädigte. (Hierzu bemerkte Pros. O p itz, daß die Männer wegen ihrer Beschädigungen natur­gemäß eine gewisse Scheu vor der .Heirat hätten, während an­dererseits viele junge Mädchen gern eurem Invaliden ein trautes Heim zu bereiten bereit wären.) Und schließlich soll man aller­orten sich die Mitarbeit von Leuten, die inmitten per Bolksarbeit stehen, lene Aerzten, Geistlichen und Lehrern, zu sichern suchen. (Beifall.)

In der Diskussion äußerte sich Geheimer Konsistorralrat K a y s e r - Frankfurt dahin, daß der Geburtenrückgang noch nicht als ein Zeichen allgemeiner Degeneration des Volkes anzusehen sei. Denn das Volk habe gerade im Kriege, dem großen Offen­barer, eine Fülle von religiösem und allgemein sittlichem Aufschwung erfahren. Ihm entgeguete Prof. Opitz, daß von einer körperlichen Degeneration innerhalb des deutschen Volkes nickt die Rode sein könne, höchstens von ein-er seelischen, die durch stärkere Verinnerlichung der Lebensauffassung bekämpf werden müsse. ' W

Einen breiten Raum nahm die Beratung der Satzun­gen in Anspruch, besonders die Festsetzung der Mitglieder- beitrüge. Diese wurden schließlich auf 2 Mk. für Einzel- mitglieder und 20 Mk. für Vereinigungen festgesetzt. Wer einen MindHbeitrag von jährlich 5 Mk. entrichtet, erhält die Druck­schriften des Vereins. Das Arbeitsgebiet des Vereins um­faßt das Großherzogtum Hessen, den Regierungsbezirk Wies­baden und die Kreise Hanau und Wetzlar.

Die Vorstandswahlen hatten folgendes Ergebnis: Pros. Dr. Opitz- Gießen als Vorsitzender, Minister a. D. Exz. B r a u n- Darmstadt als stellvertr. Vorsitzender, Syndikus Dr. DÜcker- Frankfurts als Schriftführer, Dr. Paul Strauß-Frankfurt als Schatzmeister. Zu Beisitzern wählte inan für Darmstadt: Ober- konsistorialpräsident D. Nebel, Frau Präsident B a l s e r nnd Frau Oberbürgermeister G l ä s s i n g, für Wiesbaden: Ober­regierungsrat Dr. v. Gizycki und Pros. Dr. Weintraut, für Mainz: Oberbürgermeister Göttelmann und Dom­kapitular Dr. Bend ix, für Gießen: Provinzialdireltor Dr. U sin ger und Frau Geh. Kommerzienrat Gail, für Frank- f u r t: Oberbürgermeister Voigt, Justizrat H e l f r i ch und Kon-- sistorialrat Baltzer und Frau Finanzrat Seitz, für Ossen- bach: Sanitätsrat Dr. Pullmann, für Hanau: Ober­bürgermeister Geb es ch ns und Dr. Hartmann, für Bad Homburg: Oberbürgermeister Lübke, für Worms: Ober­bürgermeister K ö h l c r und Frau Pfarrer Strack aus Birkenau.

Der Sitz des Vereins ist Frankfurt a. M., die Haupiver- sammlungen werden abwechselnd in oerschiedenen Orten gehalten.

Die A bol i t iv n i st i s ck e F öd e r a tio n ersuchte den Ver­ein um Unterstützung ihrer Forderung, daß zur Eheschtießirug amts­ärztliche Gesundheitsatteste beizubringen. geschlechtlich^ Ansteckmrg zu bestrafen und Eheverbote für Geschlechtskranke zu erlassen seien. Mehrere Redner sprachen sich dagegen aus. Sanitätsrat Vohß-en bat um Zusammenarbeit mit den Säuglingssürsorgevereinen. Mit Worten herzlichen Dankes ffir die rege Anteilnahme an den Be- sttcbungen des Vereins schloß Prof. Opitz die Versammlung.

R. Ht.

Untversiiäts-Nachvichte«.

( ) Marburg, 21. Febr. Bei der vorgestern mit allen aka» damischen und militärischen Ehren erfolgten Bestatttmg des Ober- tabsarztes der Landwehr, Geh. dNedizinalrats Pros. Dr. Z-rredrich ch e n ck, widmeten außer dem Geistlichen, der Rettor der ldri- versitat, Prof. Dr. Elster sowie der Dekan der medirirrsschkn Fakultät, Geh. Medizinalrat Pros. Dr. Tuczek und ern Ver­treter der Studentenschaft der Friedericiarm dem Verblichenen warme Nachrufe. In denr Trauergesolge befanden sich außer den An­gehörigen und sonstigen Leidtragenden fast der gesamte akademische Lehrkörper, die Vertreter der stirdenttscheu Korporationen mit Fahnen, viele Vertreter der Vereine des Kreis-Kckiegerverbandvs mit Fahneir rmd eine Kompagnie Jäger. Am Grabe wurde eine Ehrensalve abgegeben und die Jäger^pelle spielte Trauerweisen.

Stuttgart, 19. Febr. (Priv.-Tel.). Der kürzlich ver- torbene Geheinre Hoirat Weizsäcker, Badearzt in Wildbad, hat lautSchwäbischem Merkur^ die Universität Tübingen ur alleinigen Nacherbin seines gesamten Vermögens eingesetzt zur Verwendung für Forschungszwecke.

^iSosttissctillls

Realklaüen, Derbunden mit Porlchule,

vtkew duck a. lll. erteilt Ginjährigenzeugnis. r9a ss

Der Katncoa! der Lebensmittel.

Wie ein fast unglaublicher Spuk berührt es uns, wenn wir rn diesen Tagen der Lebensmittel-Ordnung eines der merffvür- drgsten Kapitel der mittelalterlick)en Geschichte anffchlagen und EN lesen, welche Mengen inan damals zu speisen vermachte und welche wimderlichen Ansichten über Wert und Bedeutung! mancher Nahrungsmittel im Schwange waren. Da tafelten Men­schen mit Magen, deren Aufnahinefähigskelt einem Saurier Ehre gemacht haben würde, an mit Speisen überladenen Tischen, tranken aus Gefäßen, deren Formen und 9Lamen irgendein übermütiger Futurist erdacht zu haben schien, und fabelten von den seltsamsten Mitteln gegen Trunksucht und Katzenjammer, während entrüstete Wettverbeiseoer in ungeschlachten Worten gegen die Vollerer don­nerten. Es war ein Karrreval der Lebensrnittel, der sichl bis hinein rn das 18. Jahrhuirdert erstreckte, wenn arrch mit all­mählichen Abschwächungen. Welchen Umsturz in den täglichen Lebensgewohrrheiten allein das Auftreten einer .neuen Speise hervorrief, dafür zeugt ein Brief der Frau von Ma i n t e n 0 n, die über das erste Erscheinen der Erbsen als junges Gemüse am Hofe Ludwigs des XIV. schreibt:Die grünen Erbsen bilden fortwährend den Hauptgegenstand aller Unterbaltnngen; die Un­geduld, welche zu essen, die Freude und der Triumph, solche ge­nossen zu habin und sie bald wieder Au essen, sind die drei Punkte, um die sich seit vier Tagen alle Gespräche unserer Prinzen drehen. Es gibt Damen, welche, nachdem sie an der königlichen Tafel ausgiebig zu'Abend gegessen haben, vor dein Schlafen­gehen nock; eine Schüssel grüne Erbsen verzehren, selbst aus die Gefahr hin, sich den Magen gründlich zu verderben. Alle Welt ist wie toll darauf!"

Wer sich damals einen Menschen mit unseren langeir Tabellen über den Gehalt der NahrunMmttel an Eiweißstofsen. Kvhlehvdra-- ten, Zellgeweben und Wasser genähert hätte, der hätte eine böse Bescherung erleben können Für nnsseirsck>a.stlick)!e Obsettivität be­stand kein Interesse. Dafür war man um so schneller mit sel-r subjektiven Bosheiten bei der Hand, wofür die geradezu unge- herlerlühe Lsste von Spitzriamen für deutsche Biere allein schon ein schlagendes Zeugnis ablegt. Da habeir nur z. B.: Bauckyoeh in Grimma, DorstenfA und Mettschenfett iit Jena, Fensterschwitz in Wien, Hausmuss in Magdeburg, Hosenmilch in Dransfeld, Kckabbel an der Wand in Eislebeu, Mord und Totschlag in Merse­burg, Quackeldeiß in Eckernförde, Toller Wränget .in Breslau, Wo ist der M'agd Bett in Dt. Eilau, Schweiß im Nacken rn GLstrvw. In denjemAM Gegenden, in denen zivar emsig Wein, aber kein guter gebaut nmrde, sah man scheel auf die zunehmende

Ausbreitung >des Bieres. <so beschtoß der Rat enter schwäbischen Stadtdie Sudelei des Bierbrauens in all weg abzuttrn". Zu ernstereir und bisweilen bluttgen Fehden führte manchmal der Konktlrrenzkampf zwischen bierbrauenden Städten, wie z. B. zwischen Zittau, das nach Bauer 1390 die größte aller deutsck^en Brauereien besaß und sich das Recht anmaßte, überallbin sein Bier auszuführen, während es gleichzeitig die Einfuhr fremden Bieres verbot, rmd Görlitz. Man sah aber nicht nur dein Kon- kurrentvrr auf die Finger, sondern prüfte auck» das eigene Bier genau auf seine Güte, lieber solche Bierprüffmgen tvird aus Bernam in der Mark berichtet. Danach zechten Bürgermeister, Marktmeister und Doch in Bierpvobehosen, die aus starkem, gelbem Leder bestanden, drei Stunden lang auf einer Bank, über die vorher ein Krug Bier ausgeschüttet wurden ivar. Die Wirkung des Bieres im Kopf und die ^bvaft, die notwendig war, um die ledernen Hoserr von der Bank loszureißen, waren maßgebend für die Güte des Bieves, das nach alter Ansicht kleben mußte. Die wunderlichsten Sacherr spukten früher durch die Köpfe. Ein gewisser Simon Pauli erklärte z. B., daß der Birkensaft, aus dem mau übrigens Champagner, Met und Bier lrereitete, Svnl^- inersprvssen vertreibe und 'die Maden aus denr Käse per scheuckie. Noch in den Briefen des Generals de la Motte Fougus an Friedrich den Großen finden sich die absonderlichsten Mittel. So schreibt er effrmal air den Zbönig:Ich wünschte nur, Sire, daß Sie Ihre verdammte Kolik in Ordnung halten könnten. Ich- bitte Sie inständigst, eilt Weinglas Provenoeöl auf geröstetes Brot und darauf ein Glas Wasser zu nehmen, und Sie werden ist Zeit von einer Stunde hevgestellt fein."

Toller- als die eßbaren Tinge haben zu allen Zeiten die Getränke die Phantasie der Menschen verwirrt. Man darf nicht nur sagen der Männer, denn auch! die Frauen liebten einen guten und» ausgiebigen Tropfen. Wielveit dies inMickrmal ging, dafür zeugk >die Bekanntmachung des Rates einer sikddeittfckunl Stadt, in der es heißt:Ten Werbern, so dein Trömk ergeben, sollen vom Stadtknocht Zettel <m den Kopf geheftet lverdeu mit den Worten:Versoffene Knigsurschel". Groß und imgvschllicht wie die Mesenwenischser, die man damals baute und von denen das bekannteste das Hejdelbevger Faß ist, ivild und unbändig wie der Dürft, den sie zu stillen hatten, war aber auch die Sprache der Entrüstung, mit der einzelne gegeir die Trunkenbolde eiferten. So sagt ein Psarrherr:Wo werden die Triuikeubvlde hinkmnnlen? Nwgarckhin, denn ins ewige, Mlische Feuer! IN solches Bad ge- hüven solche Säu?"

Gleich den Trachten des Aiittelalters ist diese gairze, brnrte

Mannigfaltigkeit heute zum größten Teil vergessen rmd mit ihr der üppige Kranz unzähliger wunderlicher Geschichten, die sich daran knüpfen und aus deneir derb und nrgesund das Gesicht unserer Nation lirgt. Wie ein Spuk liegt dies alles lnnter uns, in seiner Art Mich ein Zeugnis für die rmverwüstliche Gesundheit des deutschen Volkes, «das heutej die Welt der Lebensmittel in eine neue Ordnung zwingt.

* >

Der Theaterlvagen in London. Tie in London herrschende 9lutonwbildroschkenuot hat eine neue und höchst merk­würdige Erscheinung gezeitigt nämttch den Thoaterivagen. In­folge der großen Ausdehnung des Londoner StadtgelßetcS macht der geringste Mangel an Verkehrsmitteln sich dort stärker fühlbar als in anderen Städten. Ta aber die Einschrairkung des Autoverkehrs wogen des Wagenverbrmrches an der Front und der Teuerimg der Brennstoffe an sich schon bedeutend ist, wurde ein Zustand ge­schaffen, der bei den weiten Entferinrngen h-ckist hinderlich ist und durck die kriegerisckre Eitelkeit, der-err die umschivärmten DroschKivr- ckausßure sich befleißigen, nicht gerade angenehmer gestaltet unn\ Tie Kra s t ivagen führer erfffrden die versthiedensten Tricks, um die Vorschriften der Taxe zu unbgehen, und da ihre Einnahmen effr Vielfaches berer zur Frvodenszeit betragen, fahren sie überdies imr dann, luerm es ihnen beliebt. Um mm diesen Nmumelmrttch>eid'nj der Direktor des Londoner Kingsway-Theaters aus einen böcksst originellen Einfall gekoimrrcu. Dieser gestlmstskuldige Mann gibt wenigstens z>irr Zeit des Thoaterbesnch!es ein iveiffg abtziwellen, ist nämlÄ imDaily Chwniele" l»ekaimt, daß er den Käufern einer Loge ans seme Kosten ent 9kutvmobil ,nu- Verfügung stelle, das die Besucher zur betrefferrden Bvrstelluiui fährt. Mau braucht also mir beim Kans der Billetts anzugeben, nwui mtb nw man abgeholt zu werden wünscht, und zur bestimmten Zeit wartet das Tbanter- auto vor der Türe. Diese Eiunchtuug, die von höchster MrirsetANi- freuirdlichkeit rund Liebenswürdigkeit diktiert zu sein sckernt, ist in Wirflichkeit nichts weiter als eine geriebene Rettame. Die ÄMch«»er Theater verkaufen nickst wie dies bei uns der Fall ist echzeüie Logeufftze, sonderm mir ganze Logen für vier Personal. Und da der Preis dieser Logen Mkßerordenllich lwck. macht der Dirr'ttvr selbst bei Bezahlung der Aiitokosten ein gutes Geschäft, indem er die sonst leeren Plätze auf diesem Umwoge air den Marm brmgt.

Frankfurt a M . 20. Febr. Der Baßbuffo des Wies­badener Hoftheaters, Richard von Schenk, lrmrde vom Jatne 1917 ab aus 5 Jahre ftir das hiesige Opernhaus verpflichtet