Ausgabe 
5.2.1916 Zweites Blatt
Seite
111
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 30

Zweites Blatt

166 . Jahrgang

E^chei«t S-llch mit Ausnahme des Sonntag».

«eCUfttttcr Fa»Meubl«1er" werden dem jffliurifler* viermal wöchentlich beigelegt, das ^Lrelrhtatl für dev Ureis Gießen" zweimal »-chentltch. DieLandwirtschaftlichen Seil- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

General-Anzeiger für Gberhejfen

Samstag, 5. gebruar 1916

Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei.

N. Lange, Gießen.

Schrist!eitung,GcschästssteNe ll.Truckerei: Schul-

sLraße7.Gcschäitssterleu.Verlag:^K51,Schriit.

leitung: ^^112. 9lbreffe für Drahtnachrichten.- Anzeiger Gießen.

Rnegsbrlefe aus dem Westes.

Von unserm Kriegsberichterstatter,

^^berechtigter Nac^ruck, such auszugsweise, verboten-)

Der deutsche Arzt.

.. 23. Januar.

Tue ber jjro&cn Nöte, welche die Bewohner der von uns besetzten französischen Departements duldend ertragen, ist der Äbwzte- Mangel. In einenr Gebiete, das nftt seinen industriellen Vororten etwa 40 000^ Einwohner umfaßt,^und das ich durch die lange Dauer des Stellungskrieges sehr genau l>abe kennen lernen, sind nur zwei französische Aerzte zurückgeblieben. Die übrigen waren entrv-eder als Militärärzte in das französische Heer eingetreten oder aber, und das war die größere Zahl, o^ne Rücksicht auf ihre Berufspflichten, mit der anderen wohlhabenden Bürgerschaft bei der Annäherung der Deutschen geflüchtet. Bon den beiden zufällig Zurückgebliebenen war der.eine wegen seiner hohen Honorarforde-- vungen schon im Frieden berüchtigt. Gr verlangte für eine Kon­sultation Preise, die beim Stocken allen Gewerbes niemand mehr zahleil konnte. Der andere tat redlich, was er konnte, aber fern) Arbeitstag hätte 100 Stunden haben müssen, um den Andrang der Hilfesuchenden zu bewältigen.

So ergab cs sich, daß schon in den ersten Tagen nach dem Emrücken der Deutsche:: in den Abendstunden am Hause des deut­sche Militärarztes geläutet wurde. Eine verzweifelte Frau brauchte Beistand für ihr schwerkrankes' Kind. Der eine französische Arzt batte sie abgewiesen, der andere war auswärts. Der deutsche Arzt ging mit und half. Gs war die höchste Zeit gewesen. Das sprach sich schnell herum. Am nächsten Abend, als der Doktor von seinem Dienst in das Quartier zurückkehrte, fand er seine Tür von einer Reihe von Krankerl belagert, und er mußte, müde wie er war, iwch eine lange französische Sprechstunde einlegen. Nun begann ein Zulauf, der nicht mehr abzudämmen war. Man brachte Kranke, bei denen sofortige schwere operatioe Eingriffe und eine lang­dauernde Krankeilhausbeharldlung geboten war. Tie berühmte deutsche Orgsnisationsbegabung mußte sich wieder einmal bervahren, und das unter sehr sckrwierigerl Verhältnissen. Die Spitäler und Lazarette waren mit Venvundeten, meist noch französischen Ver­wundeten, überfüllt. Tie französischen Ortsbehörden, die sich später dann vielfach recht verständig erwiesen habeil, hielten es damals noch für eine nebenbei sehr bequeme patriotische Pose, sich gegen­über allen deutschen Vvtt'chlägen ablehnend zu verhalten, auch wenn es sich ausschließlich um das Wohl der eigellen Landesbe­wohner handelte. Ta hat der Krieg irt solchen Fällen das Gute, daß sich mit sanfter Ueberredung manches durchführen läßt, loas im Fri<Äen an den gewichtigen Bedenken einiger Dutzend Burcau- stellen scheitern würde. Man hatte herausgesunden, daß in zwei benachbarten Städten zwei Mtmännerheime bestanden, die beide kaum zur Hälfte besetzt waren. Die alten Herren aus dem einen wurden ausquartiert und mußten zu ihren Kollegen in die Nachbar­stadt übersiedeln. Danlit hatte man ein Gebäude frei, welches einigen hundert Kran fett Unter kirnst gewähren konnte, wenige Tage, nach­dem die beteiligten Stadtverwaltungen erklärt hatten, daß es völlig unmöglich sei, für ihre Kranken irgendwelche geeigneten Räume auszutreiben. Allerdings, in dein Zustande, in dem es sich befand, konnte das Altmännerhans nicht in Dienst gestellt werden. Erft mußte ein Großreinemachen stattsinden, um den ehrwürdigen, echt französischen Schmutz aus den Sälen, Gängen, Treppenhäirsern und Hoswlnkeln zu beseitigen. Dann verwendeten einige Pioniere ihre dienstfreien Stunden, um die Wände weiß zu streichen und die Fenster und Türen in Ordnung zu bringen., Und ganz allmählich stand in strahlender Helle ein Hosvital da, wie es nach deutschen Begriffen ausseherr muß. Fromme Schwestern, die sich zuerst scheu in ihr Wohngebäude abgeschlossen hatten, als die Deutschen in ihrem Hause zu wirtschaften begannen, staunten über die Verwandlung der unsauberen Räume, welche sie selbst trotz aller Bemühungen nie halten durchsetzen können. Sie kamen zutraulich näher und erboten sich, die Pflege in demdeutschen" Spital zu übernehmen. Bald reichten ihre Kräfte nicht mehr aus, und man war genötigt, einige französische Privatpslegerinnen zu ihrer Unterstützung einznstellen. Schließlich haben auch die Räume des Altmännerheimes nicht mehr genügt, und man mußte die Mannerbteilnug in ein benachbartes Haus verlegen, welches von seinem Eigentümer den: Roten Kreuz zur Verfügung gestellt worden war. Auch nun würde das Hospital nach deutschein Friedensbegriffen kaum zureichen. Mancher Kranke, den der Arzt lieber unter dauernder Auflicht behielte, muß nach Hause ent­lassen werden. Wer mehr zu tun ist nicht möglich, zumal sich

die französischen Behörden gegen ihre Landeskinder, namentlich die ärmeren, gleichgültig benehmen und ans irgendwelche Unter­stützung von ihrer Seite nicht zu rechnen ist.

Jeden Mittag um 12 Uhr ist öffentliche Sprechstunde. Das muß man mitangesehen habe::, um zu wissen, was deutsche Kultur­arbeit in Feindesland ist. Ueber hundert Kranke sind täglich in dem als Poliklinik eingerichteten großen Saale und im Hofe versammelt. Großmütter und Großväter bringen Kinder, deren Väter im Kriege und deren Mütter geflüchtet sind, mühsam angeschleppt, Leute aus weit abgelegenen Höfen und Dörfern wer­den, in Decken und Betten gepackt, auf allen möglichen Fahr­gelegenheiten von den Nachbarn herbeigebracht. Diese ganze be­dauernswerte Versammlung benimmt sich sehr ordentlich und still. Man hört nur die Seufzer der Leidenden und leisen, tröstenden Zuspruch der Angehörigen. Und nun beginnt der deutsche Arzt seine Arbeit. Stundenlang befragt und untersucht er jeden einzelnen nrit> derselben Aufmerksamkeit und herzgewin­nenden Freundlichkeit, trifft seine Anordnungen, schreibt die Re­zepte, wo die Leidendsen in der Lage sind, die französischen Apo­theken aufzusuchen, oder verteilt aus den Vorräten per großen Arzneischränke an Unbemittelte Medikamente. Denn er muß in vielen Fällen sein eigener Apotheker sein. Zwischendurch macht er im nebengelegenen Operationssaale die nötigen kleinen Ein­griffe, und unermüdlich, wie er selbst, arbeiten die beiden Sani­tätssergeanten, die ihren Dienst hier ebenfalls freiwillig ver­setzen, nachdem sie den Vormittag hindurch ihren eigentlichen Dienst bei der Truppe geleistet haben. In vielen Fällen, wo schwere operative Eingriffe nötig sind oder, wo es sich um Leiden besonderer Organe handelt, wird ein Spezialarzt herbeigernfen, so namentlich bei den bei den Eisenbatznarbeitern der Gegend zahl­reichen Augenverletzungerl. Bei einer Bevölkerung von etwa vierzigtausend Einwohnern, die hier in Betracht kommt, treffen fast täglich sehr ernste Fälle ein; so sah ich eine Frau, die aus einem entfernten Dorfe mit einem eingeklemmten Bruche schon ohne Puls eingebracht wurde, und die es gelang, durch einen sofortigen operativen Eingriff noch zu retten. Odor einen knapp sechszehnjährigen Arbeiter, dem in einem Sägewerk die Hand fast völlig vomGelenk geschnitten worden war und der den:: tagelang durch seine hohe Fieberkurve das Sorgenkind der Aerzte blieb, bis es schließlich doch möglich war, ihm die Hand und den Arm zu erhalten. Solche Fälle sind häuflg, und bei der In­dolenz, mit der viele. Kranke und ihre Begleiter in die Sprech­stunde eintveten, wird von dem Arzte eine gesteigerte Geistes­gegenwart und Uebersicht gefordert, um aus dein ausgezählten Hundert der täglichen Patienten die dringenden Fälle sofort herauszusinden. Nach der Poliklinik aber besucht der Arzt die verschiedenen Stationen seines Spitals es sind augenblicklich 120 Betten belegt läßt sich von den Schwestern und Wärterin­nen Bericht erstatten und überzeugt sich vom Befinden seiner Kranken. Diese ganze Tätigkeit aber erfüllt er im sltebenamte, denn eigentlich ist er ja für die deutschen Truppen da, deren ärztliche Aufsicht und Behandlung ihm obliegt.Glücklicher­weise machen die es mir möglichst leicht, und es sind immer nur ganz wenige von ihnen krank," lacht der Arzt. Sonst würde er es nicht schassen können, obwohl er von sieben Uhr morgens bis nranchmal spät in die Nacht hinein fast ohne Unterbrechung tätig ist.

So sind nun in der Zeit der deutsckzen Besetzung in dem von uns errichteten Hospital über 25 000 französische Konsultationen bei dem deutschen Militärarzt erfolgt, und nach und nach ist der Arzt eine bei Mt ünd Jung wohlbekannte Persönlichkeit geworden, der sich vor Grüßen nicht retten kann, wenn er über die Straße geht. Mehr als irgend ein anderer von der deutschen Verwaltung ist er durch seine:: Beruf in engere Beziehungen zur einheimischen Bevölkerung getreten und hat ihr Vertrauen gewonnen. Niemand scheut sich mehr, ihm mit Herzlichkeit zu begegnen. Das war nicht immer so. Tie ersten. Kranken ivagten nur heimlich, bei Dunkel­heit zu kommen, und wenn sie sich auch für die Hilfe sehr be­dankten, so taten sie doch am nächsten Tage aus der Straße, als ob sie denDeutschen" nicht kenne::. Damals bestand noch der heiml:che Terrorismus, den ein Teil der Bevölkerung gegen den anderen ausübte. Wer mit einem Deutschen freundlich sprach, der hatte zu befürchten, daß er von irgend einer Verschwörung finsterer Chauvinisten ,^ruf die Liste" gesetzt wurde, aus jene berühmte Liste derjenigen, mft denen nach der Rückkehr der Franzosen fürchterliche Abroch:rung gehalten werden sollte. Aber das ließ sich nicht lange durchführen, nnt» dieser Terrorismus hat allmählich seinen Schrecken verloren. Einos Tages trat ein Vater, der sein gesnnd- ge Ivo ebenes Kind aus dem Spital abholte, mit diesem in die von Besuchern überfüllte Poliklinik, hob den Knaben hoch und ries: Man mag gegen die Deutschen sagen, was man will. Ich sage

nichts gegen sie. Mir haben die deutsche Aerzte meinen Jungen gerettet, und dafür danke ich ihnen mit lauter Stimme, öffent­lich!" Das war eine Kriegserklärung gegen den Terror.

Die Behandlung geschieht grundsätzlich unentgeltlich, nur für die Verpflegung und Beköstigung im Hospital müssen täglich ore: Franken an die selbst recht amren Schwestern gezahlt werden, die bei Mittellosen von der Gemeinde ausgebracht werden. Wohlhaben­den Patienten, welche die Behandlung umsonst nicht annehmen wollen, steht es frei,.einen Betrag zu stiften: aus solchen Zuwen­dungen sind die Instrumente angeschafft und ergänzt und arme Kranke unterstützt worden. Auch« dieser Betrieb erhält sich nach deutschem Grundsatz ganz aus sich selbst. .

In ganz rührender Weise äußert sich die Dankbarkeit der ^ Landbevölkerung, die oft das Herzensbedürfnis erkennen läßt, dem Arzt eine Freude für seine Mühe zu machen. Die Bauern­frauen senden dam: wohl selbstgestrickte Strümpfe, Eier, Butter, Obst, ein .Huhn und andere, durch die Begleitumstände oft rührende Gaben. Oder man läßt durch den patriarchalischen Dorfbürger­meister eineamtliche" Urkunde ausfertigen:Ich, der Unter­zeichnete Maire der Gemeinde Soundso, tue^ zu wissen hiermit :md bestätige die Wahrheit, daß unser Bürger soundso von den: deut­schen Arzt 36. ohne jede Bezahlung behandelt und geheilt worden ist. Für die Richtigkeit. Unterschrift. Amtssiegel."

Schöner noch ist der Tank, der dem Arzte auf der Kinder­station aus den Angen der armen kleinen Mädchen und Jungen entgegenstrahlt, die meist noch mit blassen, oft aber auch schon mit recht frischen Wange:: in ihren weißen Bettckien liegen und mit den Sachen spielen, die der deutsche Weihnachtsmann bei seinem) Spitalbesuch gebracht hat. Ta ist besonders der fünfjährige, semmel­blonde Rens, ein bildschönes Bübchen, das eine schwere Operation! durchgemacht hat. Ter will nun nicht mehr nach Hause, sondern beim Onkel Doktor bleiben, wo es viel schöner flt, wie er behauptet. Seine Mama soll auch zum Onkel Doktor kommen, meint er. Vor Neujahr ivar ein Raunen und Tuscheln in der Kinderstation, da hatten sie etwas vor, eine Ueberraschung, von der niemand» etwas erfahren durfte. Am Neujahrsmorgen aber kam es heraus. Es hatten alle, die schreiben konnten, dem Herrn Doktor einex schönen langen Neuiahrsbrief geschrieben. Das^ ist ein Bündelchen rührender Kinderbriefe mit ungelenken Schriftzügen und echten kindlichen Liebeserklärungen.Herr Doktor!", so lautet der eine, An diesem schönen Tage, :vo das neue Jahr beginnt, danken wir Ihnen herzlich mrd wünschen auch Ihnen ein gutes neues Jahr. Das schreibe ich mit für weine kleineren Bettgenossen. Alice (6 Jahr), Raymonde (4 Jahr), Jean (5 Jahr), Reuse (4 Jahr), die noch jung sind und sich noch nicht mit der Feder ausdrückenj können (Orthographie: qui jeune eneore ne penve Pas s'exprimer avec la vlume>, wie sehr wir Sie lieben, Herr Doktor. Danke für Ihre Pflege und allen Ihren Kuchen. Und sehr gern sagen wir: Es lebe der Herr Doktor! Ihre Carmen L. (9 Jahr).

Jich habe hier das Wirken eines deutschen Arztes im Feindes^ fand geschildert, aber es ist das Wirken des deutschen Arztes. Ueberall haben sich unsere Aerzte der hilfsbedürftigen französischen Bevölkerung in selbstloser Weise, nur aus der hohen Pflicht deH ärztlichen Berufes heraus, zur Verfügung gestellt, und sie haben Hunderttausenden Linderung und Genesung beschert, deren Männer und Väter gegen uns im Felde känrpsen. Aber dafür istle docteur allemand" auch ein Ehrenname geworden, den die Fran­zosen im besetzten Gebiete mft einer gewissen achtungsvollen Feien lichkeft qnssprechen.

W. Scheuermann, Kriegsbericht erstalter.

Aus Hessen.

Aus dem Finanzausschuß der Zweiten Kammer.

rb. Darmstadt, 4. F^br. Der Finanzausschuß der Zweiten Kammer beschäftigte sich in seiner heutigen Sitzung bei der Fortsetzung der Beratung des ^Hanptvoran- schlags hauptsächlich mit den Kapiteln 36 und 37, Landes­universität Gießen und Technische Hochschule Darm- fhadt. Der Etat für die Universttät schließt mit einer Ein­nahme von 822569 Mk. und einer Ausgabe von 1927197 Mark ab, so daß ein Zuschuß von 1104 628 M. erforderlich ist. Für die Technische Hochschule stellt sich die- Einnahme, auf 336915 Mk., die Ausgabe auf 851623 Mk., mithin der! Zuschußbedarf auf r >± 7C8 Mk. Die Kapitel unterscheiden- sich in Einnahme unb Lins gäbe wenig von dem Voranschlag des Etatsjahres 1914. Die Großh. Regierung bemerkte hier­zu, daß irgendwelche llnterlaaen für die Entwickelung der beiden Hochschulen im Etatsjahr 1916 fehlten und man des-

Aunst und Wissenschaft.

Stein Hausen-Ausstellung. Aus Frankfurt o. M. wird uns geschrieben: Anläßlich des siebzigsten Geburtstages des Meisters ist in unserem Kunswerein eine umfangreiche Wil­helm - S t c i n h a u s e n - A u s st e l l nn g eröffnet worden. Dem Verzeichnis der Büder und Blätter, die gezeigt werden, ist ein Geleitwort des greisen Künstlers vorangestellt, in dem er die Be- dent'mg und Umsang des Gebotenen umschreibt und zugleich einer: Blick in den Sinn seines Wirkens tun läßt. Nur eine kleinere Aus­wahl seiner Werke sei in der Ausstellung vereinigt, so sagt Stein­haufen, eine Auswahl, die so getroffen wurde, daß sieAnfang und Ende" in der EnttvicAung seines Lebens betone. Dieses Leben; reiche bis in die Zeit des Cornelius hinab und sei nun, nachdem er Mentzel und seine Gefolgschaft, die Naturalistcm, Impressionisten usw. gesehen habe, wieder bei Künstlern angelangt, die den Stft in neuer Umkleidnng zu Ehren zu bringen suchten.Das ist auch eine Spanne Zeit", so heißt es dann wörtlich,in welcher ich die Geltung vieler Kunstwerke sehr oft wechseln sah. So ist es viel­leicht doch ein Vorteil, wenn ein Künstler noch seinen siebzigsten Gebuttstag feiern kann, er lernt sich in diesen Wechsel schicken und sieht auch noch in der Zukunft manches Günstige für seine Kunst." Es ist ein köstlich schlichtes und zugleich feinsinniges Vorwort, das der Siebziger geschrieben. Unter den Gemälden, die neben Kartons, Entwürfen und graphischen Blättern die Ausstellung birgt, findet man auch des Malerssechs erste Studien" ans dem' Jahre 1864. Tie kleinen Inseln lassen schon deutlich die Eigenart Steinhausen­scher Naturbetrachtnng erkennen. Sie offenbaren das fromme Ver­sinken in die Landschaft, deren Tinge und Wunder der Maler gleichsam mit milden Händen streichelt. Es ist ein religiöser Sinn auch in denen seiner Werke, die keine heiligen Stoffe zeigen.. Welche Bedeutung der religiösen Kunst Wilhelm Steinhaufens zu­kommt, ist bekannt. Die Frankfurter Ausstellung enthält eine große Reihe von Bildern aus diesem Schaflensgebiete. Man sieht oft das seltsam gel>eimnis volle Gemälde aus dem Jal-re 1910 Moses imb der brennende Busch", die aus der gleichen Zeit: Du reichst inir deine durchgrabene Hand", die Studie zu einem der Wandgemälde im hiesigen KaisH-Friedrick>-Gymnasium:Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter", u. a. auch des unermüd- lidjen Meisters jüngste Arbeit, eine der Predellen ftr der Frank­furter Lukaskirche:Moses schlägt Wasser aus den: Felsen". Die Sammlung graphischer Blätter enthält die besten seiner bekannten Steindrucke, in denen er biblische Szenen festgehalten hat. Zum Reifsten unter dem viele,: Schönen, das diese Auswahl ans d^s Malers reichem Schaffen l-örführt, gehört das Selbstbildnis ans dem Jahre 1910. Ein Gemälde, vor dem man mit Ergriffen- heit steht. Es kann mit bescheideneren anspruchsloseren Mitteln kann: mehr gesagt werde,:, als cäj hier gescl-ehen. Man sieht cs

diesem mächtige:: feinen Haupte an, daß ivahrhaft ftwmmer Sinn in ihm daheim ist. Wenn schon die SteinHausen-Ausftell:mg unseres Kunftvereins nur einen Ausschnftt aus des Meisters lveit ver­zweigtem vielseitigen Werke gibt, so vermag sie doch eine abgk^- ru-ndete Vorstellung von der Wesensart und dem Gehalt der Kunst dieses Malers z:r vermitteln, den wir liebe:: und gerade in dieser Zeit zwiefach schätzen, :veil er ein Kr'rnder der Schönheit deutschen Landes und der Welt deutsche:: Denkens und Empflndens ist. I.

Entdeckung eines Pfahl baues in Zürich. Am Alpenkai in Zürich gegenüber der Tonhalle ist ein Pfahlbau ent­deckt :vorde::, der allgemeines Interesse errege:: muß. Zürich ist wohl die einzige Großstadt der Welt, in deren Mcurern selbst sich eine vorgeschichtliche Niederlassung vvrgefunden hat. Noch sind die E::tdecki:ngs- u::d Grawlngsarbeiten in vollem Gange, :rnd jeder Tag fördert eine reiche Fülle neuer Fm:de ans Tageslicht. Wie wir einem Berichte derNeuen Zürcher Zeitung" entnehmen, hat die Grabungsstelle sich vor allen: als sehr sich an Tonwaren erwiesen. Bis jetzt sind über dreißig ganze Gesäße dem Soegrnnde enthoben worden, dazu eine größere Zahl leicht ergänzbarer Gefäße, sowie Scherbenmaterial, das sich zu einem großen Teile jedenfalls wieder zusammensetzen lasse:: ,mrd. Die aufgesundenen Stücke beweisen, daß in dieser Niederlassung Tonwaren von außervrdent- lick^er Mannigfaltigkeit der Technik und der Verzierung hergestellt wurden, und zwar twn den: ganz primitivsten, wie lrnr ihnen schon in der neolithischen Zeit begegnen, bis zu Erzeugnissen, die auf eine hohe Entwicklung in der Bearbeftimg, Formung :md Vev- zienmg des Materials schließen lassen. Die feinsten davon sind von tiefschwarzer Farbe mit einem Glanze ähnlich dem der römisch- terra-sigillata-Lvaren. Daß eine Töpfere: cu:f diesen: Pfahlbau betriebe:: tour de, beweise:: zahlreiche im Brennen verungliickte Stücke, die man zweifellos, nrie das auch in den gegenwärtige:: Töpfereien gefchielst, wegwadf. Der Massenl>aftigkeit der .Töpfer­waren gegenüber treten die bis jetzt gestrudenen Bronzegegenstände :veit zurück. Es sind Nadeln, Ddesser, eine Sichel, eine in: Feuer stark dcfvnnierte Speerspitze, verschiedene Rim^, em Schwert stück usw. Wichtiger für die wissenschaftliche Forschung alS diese Gegeiu- stände sind jedoch zwei G u ß f o r m e n aus Sandstein, die man zur Herstellung von Nadeln, Sicheln, Speerspitze:: und Messern verwandte. In der einen waren :wch die Hvlzzapfen torhanden, mft deren Hilfe man die beide:: Stücke der Gußft>rm genau cmf- einanderpass«: konnte. Sie liefern den rmzweidentige:, Bttveis von dem Vorhandensein einer Bronzegießerei ar:f dieser Ansiedtttmg. Ta sich bisher fast alle derartige Gnßformen, die die Sammlungen der Schtveiz aus verschiedenen Fundorten bergen, als gefälscht er­wiesen habe::, so dürste der nerve Fund zur Entsckmdung der Frage, ob Grrßsonnen a:ts Sandstein überhcu:pt angewandt wurden, von besonderer Bedeuttmg sein. Interessant sind auch schließlich die zahlreichen Bruchstücke des Verputzes der Hüttenwände, die deutlich

beiveisen, daß die Wände aus Weidengeflecht hergestellt u:w mft Lehm gedichtet wurden, ime dies Tacitus auch von den Wohn­stätten der Germanen berichtet. Damit :vird dann wohl die An­sicht, als seien die Pfahlbeuten, Blockbanten aus Rundholz ge- wesen, ähnlich d«: gegenwärtigen 2llpe::hütten, endgültig besei­tigt sein.

Der Elektromagnet>4m Dienste der Kriegs­chi rurgic. Ein ft: Gewcbsteften oder irgcndwelck>cn Höhlungen, ja selbst Organen eingeschlossener Fremdkörper kann in sehr vielen Fällen dort belassen werden, ohne daß bedeiftenderc Beschwerde:: ztt gewärtigen wären. Wenn dagegen, besonders bei Schußwunden, die Weichteilwunde trotz zweckentsprechender Behandlung nicht zur Ausheilung gelangt, sondern starke Eiterabsoiwerungen erfolgen, dann erscheint es, wenn nicht andere Momente noch stark mit­sprechen, geboten, die Anwesenheit des Fremdkörpers verantwortlich zu machen. Für die Entfernung darf im allgemeinen der operative Weg als der sicherere und gefahrlosere angesehen werden. Der eiserne Geschoßteil ist häufig mft seine:: zackigen Rändern im Gewebe so fest verankert, daß er durch de:: bloßen EiterungsProzeß und die Sonderbehandlung nicht auSgestoßen werden kann Außer­dem wird durch die operative Frenrdkörper^ntfernung häufig die Eiterung beschwichtigt und danftt das Allgemeinbeftnden des Kranken sofort gehoben, während ein langes Hinauszögern des operativen Eingriffes die Erholung des betroffenen, meist schon gelähmten Teiles inrmer schwieriger und die Wiederherstellung von Nervenleitungen oft ganz unmöglich macht. ES gibt aber eine ganze Reihe von Fälle::, wie Dr. W- Burk im nächsten Heft der Dvftschen Medizinischen Wochenschrift auSflihrlich dartut, in denen daS Aussuchen und Loslösen des Geschosses denn um Eisentcile muß es sich ia handeln durch e l e k dr o magne­tische Kraft schonender und auch gefahrloser ist alS ein opera­tiver Eingriff. Besonders gilt das bei Anwesenheit des Fremd­körpers in Körperhöhlen, dem OVefrinu in der Blase niw in den Luft- und Speisewege::. Bei l^terei: stellt sich z. B. das tz^eschoß, da es in dieser Riästung den geringsten Widerstand zu leisten hat, ganz von selbst unter der Zugkraft des Magneten m seine Längs­richtung ein. Auf diese Weise wird auch eine Zertrümmerung der Gchirnsubstanz bei den Entfernungsversuchen am meiste:: ver­mieden, da bloß ein cflatteS Ansatzstück des Elektromagneten in die Wunde eingesührt zu werde:: braucht. Außerdenr ist zu be- rücksickrtigen, daß die Lokalisation eines Fremdkörpers, die jeder Operation vorauszugehen Ixtt, gerade bei kugelförmig!:: Hohl- räumen sehr ungenau sein mnß, während der Magnet in feinem! Wirkungsbereich über die Sonde hinausgeht. Besonders deutlich werden diese Vorteile des Elektromagneten in einen: Fall von Lungensckmß, den Burk auf diese Weise behandelt bat. ststehrera Granatsplitter waren in die Lungenteile des Körpers eingedrnngen, doch blieben sic in der Höhlung zwischen Lunge und innerer Brust-