Ausgabe 
4.2.1916 Zweites Blatt
Seite
109
 
Einzelbild herunterladen

M. Zahrgüng

General-Anzeiger für Gberheffen

Nr. 29 Zwetter Blatt

Trfchetttt S-Nch mit Aufnahme des Sonntags.

DieH1ehe«er ZcnnMenblatter" werden dem ,Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das .^Lreiibiatt für den «reis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit- frageR" erscheinen monatlich zweimal.

Zreitag, 4. Zebruar W6

Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universuäts - Büch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schristleitttng,Geschä'tsstelle »».Druckerei: Schul- straße?. Gescbattsstelle n.Verlag:e^A51,Schritt- leitung: E^A112. 2ldresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

was geschieht mit derAppam"?

Ir.' der cm der amerikanischen Küste gelandete Dampfer Appam" ein deutsches Kriegsschiff oder eine deutsche Prise? Die englische Presse, in der angesichts des imponierenden Äusarenstückch-ens deutscher Seeleute der Sportgeist erwacht ist, findet sich mit den britischen Verlusten ab und legt bereits Wetten auf, ob die Kanzlei des Herrn Wilson so oder vi> entscheiden werde. Es ist eine harte Nuß zu knacken, sowohl für die Amerikaner als auch für die Engländer. Denn ist dieses dicke Prisenschisf ein Krie^sfahrzeug, weil es eine Kanone trägt, was geschieht dann mit alt den englischen Handelsdampfern, die mehr oder weniger versteckt bewaffnet in den amerikanischen Häfen einlaufen? Sie sind ebenfalls Kriegsschiffe und müßten von der Washingtoner Regierung interniert werden. Oder soll es wieder heißen: ja, deutscher Dauer, das ist was anderes? Aber vielleicht kommt es ans die Kanone gar nicht an. Vielleicht bestätigt sich die Mel­dung, daß dieMöve" seinerzeit bei der Kaperung die Kanone mitgenommen hat.' Man wird also nach anderen Kennzeichen eines Hilfskreuzers suchen. Deren gibt es ja im siebenten HaagerAbkommen über die Umwandlung von Kauf sahrteischiffen in Kriegsschiffe" eine stattliche An­zahl. Leider gibt es aber auch hierüber Streitfragen. lieber die Frage, ob die Umwandlung der Handelsschiffe in Kriegs­schiffe auch auf offener See stattfinden dürfe, konnte 1907 im Haag bekanntlich keine Einigung erzielt werden. Deutsch­land, Rußland und Frankreich wollten auch diemilitari- sation ert haute mer" zulassen. England war dagegen, und es hat sich aus seiner Seeräuberpolitik im Weltkrieg er­geben, warum. Es pfiff auf dieses ganze Völkerrecht und es holte sich jeweils nur das hervor, was es gerade braucht, um den Feind schlecht und die Neutralen dumm zu machen. Die englischenSachverständigen" des Völkerrechts drehet sa die SacheAppam" schon so: Ist ek' ein deutscher Hilfs­kreuzer, so maß er zusammen mit der Prisenbesatznng interniert werden. Ist das Schiff deutsche Prise, so muß es zwar freige-geben werden, aber die Prisen­besatzung ist zu internieren. Letzteres ist falsch! Maßgebend für die Regierung des Herrn Wilson ist wir kommen hier von der Juristerei nicht ab das dreizehnte Abkommen der Haager Konferenz,betreffend die Rechte und Pflichten der Neutralen im Falle eines Seekrieges". Es heißt da im Artikel 23: Eine neutrale Macht kann Prisen, sei es mit, sei es ohne Begleitung, den Zutritt zu ihren Häfen und Reeden gestatten, wenn fte, dorthin gebracht wer­den, um bis zur Entscheidung des Prisengerichts in Ver­wahrung gehalten zu werden. Sie kann die Prise in einen anderen ihrer Häfen führen lassen. Wenn die Prise von einem Kriegsschiffe begleitet wird, so sind die von dem Weg­nehmenden auf die Prise gelegten Offiziere und Mannschaf­ten befugt, sich auf das begleitende Schiff zu begeben. Fährt die Prise allein, so ist die von dem Wegnehmendcn auf die Prise gelegte Besatzung inFreiheitzulasse n."

Also Freiheit, vollste Freiheit ist das Recht und der Lohn der deutschen Besatzung derAppam", wenn das Schiff als deutsche Prise angesehen wird. Ist es aber ein Kriegsschiff, so greifen allerdings die schärferen -Bestim­mungen des Art. 24 Platz. In diesem Falle können aber die deutsche:: Matrosen an Land untergebracht werden und einer sehr milden Haft unterzogen werden. Die Offiziere sind freizulassen, wenn sie sich durch Ehrenwort ver­pflichten, das neutrale Gebiet nicht ohne Erlaubnis zu verlassen. Und noch eins: Schwierigkeiten macht vielleicht der Begriff derSeenot" im Falle der Behandlung der Appam" als Prise. Und die englischen Ohrenbläser werden sich wohl viele Mühe geben, die amerikanischen Behörden auf diesen kitzlichen Begriff hinzustoßen. Nach Art. 21 darf nämlich leine Prise in einen neutralen Hafen gebracht werden nur wegen Seeuntüchtigkeit, wegen ungünstiger See sowie wegen Mangels an Feuerungsmaterial oder an Vorräten. DieAppam" scheint Mangel an Vorräten nachaewiesen zu haben. Die Engländer lverden sagen: wozu braucht die deutsch gewordeneAppam" den ganzen Atlantic zu durch­queren? Geschützt sollen nur solche Prisen werden, die in der Nähe der neutralen Küste genommen wurden und dann wegen Mangel an Vorräten nicht weiter können. Auch über dieungünstige See" läßt sich streiten. Ist das Wetter oder auch der Feind gemeint? Man sieht, bei allen Paragraphen bleibt ein unlösbarer Rest, über den das Taktgefühl und die Unparteilichkeit des Richters zu entscheiden hat. Wohl mancher möchte Herrn Wilson wegen wiederholt bekundeter Befangenheit" ablehnen. Aber das geht nicht.

Ein Bericht des Kapitäns derAppam".

Haag, 3. Febr. (Jens. Frkft.) Reuter meldet aus New Bork: DieAppam" liegt noch immer unter dem Bereiche der Festungs­kanonen von Monre und wird da liegen bleiben, bis das Mini­sterium des Aeußern über den Fall eine Entscheidung getroffen hat. Die Zollbeamten hoffen, das Schiss am Mittwoch nach Norfolk oder Newport News fahren lassen und den Zivilpassagieren erlauben zu können, an Land zu gehen. Inzwischen kann man die Passa­giere, obwohl nur wenig Nahrungsmittel an Bord sind, fröhlich auf dem Teck spazieren gehen sehen. Die Erzählung, die Kapitän Harrison, der Kommandant derAppam", gegenüber dem Lotsen Foster, der das Schiff in den Hasen brachte, gemacht hat, klingt wie ein Märchen. Er sagte:Ms wir das langsam herannahende Schiss, das wie ein gewöhnlicher Frachten da mpfer ans sa h, in Sicht bekamen, befürchteten wir keinerlei Gefahr und wir machten keinerlei Vorkehrungen, um uns zu verteidigen, da wir keinen Anfall befürchteten. Plötzlich schoß das fremde Schiss über mrseren Bug hin und ich drehte sofort bei. Im selben Augen­blick fiel der falsche Bug des fremden Schiffes, der offenbar aus Segeltuch verfertigt war und es kam eine Batterie schwerer Ka­nonen zum Vorschein. Wir i'lbergaben uns, ohne Widerstand zu leisten. Eine Prisenbesatzung kam unter Deckung der Geschütze des angreifenden Schiffes an Bord, entwaffnete die Besatzung, die in den verschiedenen Kabinen eingeschlossen wurde. 2 0 deutsche Gefangene an Bord wurden in Freiheit gesetzt und halfen der Prisenbesatzung. Eine große Anzahl Gefangener von Schissen, die dieM ö v e" in den Grund gebohrt hatte, wurde nach der2lppam" gebracht. Ws wir nach Ham'pton Road fuhren, wurde ein Deutscher an den»drahtlosen Telegraphierapparat gesetzt, um Berichte aufzufangen. Er selbst gab jedoch keine Berichte aus, da dadurch der Aufenthaltsort des Schiffes den englischen Kreuzern hätte verraten werden können und Leutnant Berg, der Komman­dant der Prisenbesatznng, natürlich den englischen Kreuzern aus d n Wege gehen wollte. Besatzung rmd Passagiere erhielten die

Erlaubnis, täglich an Teck spazieren zu gehen, jedoch nur in kleinen Gruppen, wodurch cs der Handvoll Deutsche:: bequem war, wmel Hunderte von Gefangenen zu beherrschen." Der Lotse erzählte noch, daß die Passagiere über die Behandlung nicht zu klagen hatten.

Holländische Blätter melde:: ans New, Bork: Leutnant Berg teilte in einem Interview mit, daß er selbst und drei andere Deutsche leicht verivundet seien. Getötet sei niemand.

Tie Presse spricht ihre Verwunderung über die Kühnheit des deutschen Kaperers aus, der seine Beute quer über den Ozean zu bringen wußte. WieSun" berichtet, sagt man auch aus, der englischen Botschaft, daß es sich hier um einenver­teufelt geschickten Streich" handelt.

Reuter meldet aus London: Interessante Einzelheiten über die Fahrten derMöve" wurden von Leutnant Berg dem Direktor der Ein- und Ausfuhrzölle mitgeteilt. Die Appam" wurde darnach am 16. Januar erbeutet und zwar 60 Meilen nördlich von Madeira. Am 17. Januar griff die Möve" den DampferElan Mactavish" an, der nach einem spannenden Kampfe, bei dem 15 Mann desClan Macta­vish" getötet wurden, sank. DieAppam", die bereits verschiedene Meilen vorausgefahreu »var, kehrte zurück und rettete vier Mann der Besatzung desClan Mactavish", die mit den Fluten kämpften. Später erhielt Leutnant Berg vom Kommandanten derMöve" den Befehl, dieAppam" nach Amerika zu bringen. Als die Appam" genommen worden war, fand man eine Kanone an Bord, die jedoch durch dieMöve" weggenommen wurde, so daß das Schiss bei seiner Ankunft im (amerikanischen D. Red.) Hasen k e i u e Kanone m e h r führte. Am 16. Januar nahm die Möve" denFarringford" und bohrte ihn in den Grund und dann kaperte sie denCorbridge", der eine Ladung Kohlen an Bord hatte und mit einer Prisenbesatznng versehen wurde. Am 13. Januar traf dieMöve" den DampferDromoby". der keinen Widerstand bot und in den Grund gebohrt wurde. Am 15. Januar wurde dieAriadne" irrit einer Ladung Weizen versenkt.

Reuter meldet aus Washington:Der englische Bot­schafter hat in aller Form die U eb e r g a b e derA p p a m" auf Grund der Haager Konvention verlangt.

Aus Heften.

Aus dem Finanzausschuß der Zweiten Kammer.

rb. Darmstadt, 3. Febr. Der Finanzausschuß der Zweiten Kammer setzte heute vormittag unter Vorsitz des Abg. Tr. Osann seine Haushaltsberatung beim Kapitel 10, Staats­eisenbahnen, soßt. .Hier wird entsprechend dem preußischen Ansatz der hessische Anteil auf 17 255 000 Mark angenommen, das sind 39 000 Mark :veniger als im Vorjahr. Diesem Ansatz mußte entsprochen werden, wiewohl angesichts des nunmehr vorliegenden Ergebnisses vom Jahre 1914 mit etwas über 10 Millionen Mark eine solche Einnahme von 17 255 000 Mark nicht erwartet wer­den konnte. Der Ausgleich wird später bei der, Verrechnung der tatsächlichen Ergebnisse im Jahre 1911 stattzufinden haben. Das Kapitel 11, Lotterie, wurde mit einem Minderertragl von 230 650 Mark angesichts des rechnerischen (H:gebnisses der preußischen Lotterieverwaltung gutgeheißen. Kapitel 12 umfaßt direkte Steuern. Regalien usw. und schließt mit einer Ein- nah»ne von 27 144 750 Mark mrd einer Ausgabe von 3 498 068 Mark ab. Hier wurde die Beratung der Einkommens- und Ver­mögenssteuer zunächst ausgesetzt, bis am Ende der Beratung die wirklichen Bedürfnisse des Staates feststehen und darnach ermessen werden kann, welche Steuererhöhung zur Balanzierung des Haupt­voranschlags erforderlich ist. Die Absetzungen der Regie­rung gegenüber dem Vorjahr an den Einnahmen: Wander­gewerbesteuer 25 000 Mark, Anteil an der Zuwachssteuer 10 000 Mark, am Stenrpel 2 700 000 Mark, an der Erb'chafts- und Scheu kungsstener 75 000 Mark, an der Hundesteuer .10 000 Mk. wurden vom Ausschuß für viel zu hoch erachtet, insbe­sondere, da der Voranschlag für 1916 annimmt, daß wieder fried­liche Verhältnisse ein treten würden. Bei solchen könnten auch in Berücksichtigung der Nachwirkungen des Krieges derartige Aus­fälle, namentlich bei Stempelertrag, nicht in dieser Höhe entstehen. Diese Ausfälle erscheinen auch nicht durch die Verwei­sungen des Jahres 1914 gerechtfertigt. Der Finanzausschuß wird diese Abstriche an den Einnahmen noch einmal mit der Großh. Regierung duvchzuberaten haben. Auf der anderen Seite sind bei den Ausgaben irgend welche Abzüge für den Fall, daß auch Er­sparungen eintreteu können, nicht gemacht, sondern vielmehr we­sentlich höhere Ausgaben eingestellt; so für Schreibhilfekosten 96 000 Mark mehr, für Llushilsekvsten (Assessoren und Finanz­aspiranten) 10 000 Mark, für Schreibhilfe ans den Finanzämtern 6 000 Mark mehr. Alle diese Anforderungen wurden vom Finanz­ausschuß ausgesetzt, bis Verhandlungen mit der Regierung dar­über stattgefunden haben, ebenso >bäe Position Ausfälle, Abgänge und Nachlässe an direkten Steuern 529 300 Mark, weil diese durch die Steuererhöhung beeinflußt werden.

Tie^ folgenden Kapitel: Landstände, Ausgabe 156 070 Mark, Staats Ministerium, Ausgabe 96 325 Mark, wurden ohne wesentliche Abstriche genehmigt. Eine längere Besprechung entstand darnach über die Anforderung der neuen Stelle eines M i n i st e r i a^l r a t s für Handel und Gewerbe. Es wurden von verschiedenen Seiten Bedenken erhoben, gerade während deS Krieges derartige Organisationsändernngen ein- treten zu lassen, die sich natürlich nicht auf die neu zu schaffende Stelle des Ministerialrats beschränken würden. Es' sei ins Auge zu fassen, daß mit dem neuen Ministerialrat auch eine neue A b t e i l u n g mit erheblichen Kosten ins Leben treten würde. In Verbindung mit dieser Frage stehe auch die weitere Frage, wie die Bauabteilung in de»n Ministerium einzugliedern und die Abteilung für Finanzwirtschaft ^und Eisenbahnwesen zu ge­statten sei. Die Forderung der Regierung wurde vorerst aus- gesetzt. Beim Kap. 28, Zentralbauwesen, wurden an allge­meinen Verwaltungskosten 2650 Mk., beim Kap. 29, Nichtstaat­liche Bausachen, 2000 Mk. abgesetzt und darnach die Kapitel bis 29 genehmigt. Die Fortsetzung der Haushaltsberatung er­folgt morgen fiüh.

Die Uaufasnsfront.

Das Wortunmöglich" scheint es für unsere Heeresleitung nicht zu geben. Schwierigkeiten und Hindernisse sind für sie nur da, u>n überwunden zu werden. Und mit einer jedem Kenner orienta­lischer Verhältnisse schier unfaßlichen Leichtigkeit hat die türkische Heeresleitung diesen deutschen Geist der Kriegführung übernommen und sich zu eigen gemacht. Von den ganz eigemrrtigen, räumlich weit ausgedehnten und schwer zugänglichen Kriegsschauplätzen, auf denen die Türkei sich ihrer Feinde zu erwehren hat, macht man sich bei uns keine rechte Vorstellung. Zwar leisten die deutschen Kulturwerke der Bagdadbahn und der Anatolischen Bahn imseren tapferen Verbündeten für ihre militärischen Unternehmungen be­reits hervorragende Dienste: aber b ide Eisenbahnlinien reiben ja bei weitem noch nicht bis in die Gegenden, wo augenblicklich die Kämpfe mit den Engländern (b?i Kut el Amara im Irak) und mit den Russen (östlich von Erzerum) stattfinden. Rußland wußte ganz genau, warum es leider mit Erfolg die Fortführung der Anatolischen Bahn über Angora hinaus nach Erzerum und Diar- bekr hintertrieb: es sah nicht mit Unrecht eine Kräftigung der militärischen Macht der Türkei an der armenischen Grenze voraus. .Hier, etwa auf der Linie vom Wan-See bis Batum am Schwarzen

Meer, sind seit kurzem schwere Kämpfe im Gange. Auch östlich davon, aus persischem Gebiet, am Urmiasee, haben sich. Geteckste zwischen Russen und Kurden abgespielt, lieber die nnrtichastlrche und strategische Bedeutung des Erzerum-Gaues spricht sich Ewald Banse, der wie kaum ein anderer Kleinasien kennt, in fernem kürzlich bei George Westermann in Braunschweig ecsch e enen, aus­gezeichnet unterrichtenden geographischen WerkDie Tücku" fol­gendermaßen aus:

Die hohe Bedeutung dieser Landschaft liegt darin, daß durch ihre südlichen Gaue die alte persische Karawanenstraße läuft, die heute in Traeznnt an den modernen Weltverkehr anknüpft, ^wäh­rend sie in frühere:: Zeiten daneben wichtige Zweige über Tokat und Siuas nach Westen sandte, und darin, daß diese empfindliche Linie im Norden durch sein unwegsame und öde Bergmassipe flankiert und gegen Eingriffe der jeweiligen nördliche»: Macht leidlich gesichert »vird. Wenn irgendwo die beklommenen Atem­züge der Weltgeschichte hörbar werden, dann ist es hier; und wenn außer den Meerengen (den Dardanellen) die Türkei eine gefähr­dete Stelle besitzt, dann hier in Erzerum, dem bequemsten Einfalls­tor in ihre armenischen Provinzen. Diese Lücke, deren östliche Pässe und strategische Vorteile ganz in Rußlands Hand liegen, behaupten, heißt schon Siege erringen. Umso notwendiger ist es für den Bestand des Sultanats, durch den Bau einer Längsbahn von Angora über Siuas oder Tokat nach Erzerum. den Aufmarsch kwn Truppen an die moskowitische Grenze zu beschleunigen: dies ist eine der wichtigsten Aufgaben der allernächsten türkischen Zukunft und wurde bisher durch die russische Politik hintertrieben, welche gleichzeitig ihren eigenen Vormarsch durch eine über Kars neuer­dings in aller Stille bis Sarikanisch in der Nähe der Grenze fort- geführte Bahn wesentliche Vorteile gesichert hat."

Die gefährdete SteUe an den Dardanellen hat dank der Tapfer­keit der Verteidiger allen Stürmen der Feinde getrotzt: auch die Kaukasusfront lvird von den Türken daraus dürfen wir ruhig hoffen zähe behauptet werden . . . Den Kriegsschauplatz bildet Türkisch-Armenien, eine mächtige Hochlandmasse, welche die Um­gebenden Länder überragt. Wo Persien,' Rußland und die Türkei zusammenstoßen, erhebt sich der 5200 Meter hohe Ararat. Noch mehrere über 3000 Meter hohe Berggipfel ragen aus den: trans­kaukasischen (oder vontisch-armenischen) Hockstand empor. Ein großer Teil der Landschaft nördlich von Erzerum besteht aus.vulkanischem Boden und ist daher Steppe. Nur in den Flußtäler:: ist eine reiche, fruchtbare Vegetation. Tie Hmcptstadt Erzernm ist eine ivichtige Handelsstadt und ein militärisch hochbedeutender, befestigter Waffen- platz. Die Gaue am oberen Mmad, der sich später mit dem Euphrat veereinigt, sind gleichfalls von mächtigen Gebirgsketten durch­zogen; auch dies Land ist größtenteils vulkanischer Natur, es liegt zudem ungünstig zu der Richtmrg der Seewinde, so daß auch hier meistens nur Weideland ist. Schaf- und Ziegenherden, von be­waffneten Kurden bewacht, fi:wen hier kärgliche Nahrung. In einer weiten Gebirgssenkung, die immer noch mindestens 1700 Meter hoch liegt, zieht sich die große persische Karawanenstraße hin, für eine Eisenbahnverbindung gleichsam vorausbestimmt. T^ Grenzort Baiesid besitzt als Zollstation eine starke Garnison.

Aus Stadt und Land.

Gießen. 4. Februar 1916.

** Amtliche Personalnachrichten. Der Großher- zog hat am 2. Februar d. I. den Stationskontrolleur Finanzrat Ernst P n l l m a n n zu Harburg a. E. zum Obersteuerinspektor bei dem Hauptsteueramt Gießen ernarrnt.

** D ie Genossenschastsversammlung bet land - und for st wirtschaftlichen Berufs­genossenschaft für daS Gr o ßherz o q tum Hes­sen fand in dieser Woche unter dem Vorsitz des Großh. Gehl. Regierungsrats Bichmann in: Rathaussaal zu Darmstadt statt. Nach dem vorgelegten Verwaltung,sbericht betrug die Zahl der im Berichtsjahre angemeldeten Betriebsunfälle! 3246. Aus dem Vorjahre waren 1767 Unfälle übernommen worden, so daß insgesamt 5013 Unfallsachen neu zu be­arbeiten waren. An Entschädigungen für Renten an Ver­letzte, Kosten des Heilverfahrens usw. wurden 1 181 235 Mk. gezahlt und 5921 Rentenbescheide erlassen. Die Summe der erstmalig im Rechnungsjahre gezahlten Entschädigungen be­trug 230 456 Mk. Die Mittel der Rücklage beziffern sich auf 2 206 496 Mk. An den Kriegsanleihen beteiligte man sich mit 900000 Mk. Beschlüsse von allgemeiner Bedeutung waren ein Antrag des Genossenschaftsvorstandes, wonach mit Wirkung vom 1. Januar 1916 ab der Höchstwert eines land- oder forstwirtschaftlich genutzten Grundstücks, der für die Umlegung der Beiträge in Ansatz kommen soll, den Be­trag von 1 Mk. für den Quadratmeter nicht übersteigen darf. Ferner wurde der einheitliche Mindestbeitrag für einen land- oder forstwirtschaftlichen Betrieb, der seither 2 Mk. betrug, aus 1 Mk. herabgesetzt.

** Vaterländischer Abend der G: eßener Stu­dentenschaft. Am 2. Februar wurde die von der Gießener Studentenschaft jüngst beschlossene Feier des erste::Vater­ländischen Abends" abgehalten, für die die Burschenschaft Gennania ihr Burschenhaus zur Verfügung gestellt hatte. Tie Be­teiligung seitens der Dozenten und der Studentenschaft >var recht lebhaft, wie die Begrüßungsansprache des Rektors Professor Dr. S i e v e r s feststellen konnte. Dank einem von Oberst P a r r i - s i u s erlassenen Garnisonsbefehls konnte auch eine Anzahl von An­gehörigen der Garnison mrd der Lazarette der Feier anwohne::. Sie wurde durch ein von dem Ehepaar Privatdozent T-r. Stepp trefflich vorgetragene Sonate von Händel (Violine mit Klavier­begleitung) ansprechend eingeleitet, woraus die Verlesimg einiger interessanter Feldpostbriefe von Angehörigen der Ludoviciana folgte, so des als Mitkämpfer auf dem südafrikanischen Kriegs­schauplätze rnib in englische Gefangenschaft gerat men Professors dar Mineralogie, Dr. Kaiser, und eines Berichtes von Leut­nant G. Krüger vom Jnf.-Rgt. 222 über seine Erlebnisse in Ostgalizien. Ein ungemein fesselnder Bortrag Unseres .Historikers, Prof. Dr. Roloff legte die Ursackum dafür dar, daß der große Weltkrieg im Gegensatz zu den Feldzüge:: des 19. Jahrhunderts sich so bedeutend in die Länge zieht und damit sich den Kriegen des 17. rmd 18. Jahrhunderts wieder annähert. Diese Erschei­nung sei vor allem auf die mächtig gesteigerten Kriegsmittel zu­rückzuführen, bie nur durch eine lange Kette fortgesetzter Kriegs- Handlungen zu erschöpfen sind. Besonders gestatten die gewaltig vevgrößerten Heere die Schlachtverluste leichter als früher zu ersetzen, wie sie a:cherseits die Besetzung riesiger fester Stellungen gestatten, die schwer oder garnicht zu umgehn: und frontal nur mit großen Schwierigkeiten zu nehmen sind. Kommersgesang und Klaviervorträge füllten den Rest des höchst stimmungsvoll verlaufenen Abends auS. Ein zweiter Vaterländischer Abend soll am 18. Februar im Saale des Hotel Schütz stattsiudeu.

^Preußische K l a s se n l o t t e r: e. Die Erneuerung der Lose zur II. Klasse der 7. (233.) Lotterie muß unter Vorlegung des Vvrklassenloses bis zum 7. Februar, abn:ds 6 Uhr, geschehe::. Auch müsse:: bis zum vorgenauuten Termine die Freilose gegen Rückgabe der Gewinnlose eingelöst werden.