Periodikum 
Nova Giessensia: sive Observationes extemporaneae, de rebus ad eruditionem pertinentibus : in illustri Ludoviciana factae et collectae / opera Helvetii de Mülinen
Entstehung
Francofurti ; Giessae Im Digitalisierungsprozess 1.1728(1729) [?], 1729-1729
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vor GIESSENSIA. 33

That ankame/ und Er an keine Vollkommenheit GOttes/ als an die/ ſo bey der knechtiſchen Forcht in Betrachtung kommen/ gedach⸗ te: halte dagegen den Zuſtand Petri/ welcher nicht nur ſeinen HErrn/ ſondern den gebenedeyten Heyland verleugnet hatte. Er zichet freylich die Allwiſſenheit/ Gerechtigkeit und Allmacht GOttes in erwegung/ aber da Ihn IEſus CHriſtns durch ſeinen Anblick auch auf die Betrachtung ja Empfindung der Goͤttlichen Barmher⸗ tzigkeit leitete/ ſo war ſeine Buß⸗Angſt ſeeliger als Judaͤ; dieſer Be⸗ griff alſo von der Liebe und Forcht Gottes dienet zur Unterſcheidung einer wahren Buß⸗Angſt von der Verzweifflung/ als welche alle⸗ mahl aus der knechtiſchen Forcht herquillet/ gleich wie die Chriſtli⸗ che Gelaſſenheit aus dem Vertrauen auf GOtt flieſſet(8). Weiter erkennet man was von dem Satz zu halten ſey/ den einige Gott⸗ loſe(9) vorbringen/ GOtt ſeye zwar Gerecht/ aber in gewiſſen Faͤl⸗ len behalte ſeine Barmhertzigkeit die Oberhand vor der Gerechtigkeit: Nemlich welche alſo dencken/ die halten nicht davor/ daß ſich alle Goͤttliche Vollkommenheiten bey allen auch den geringſten Faͤllen unendlich aͤuſſern/ halten alſo nicht vor noͤthig ſich ſo zu foͤrchten/ als wan das Gegentheil waͤre/ zund mithin iſt ihr Vertrauen mehr

3 eine

(8) Die Weltweiße ſagen/ adus repetiti faciunt conſuetudinem& gignunt prom- titudinem agendi. Wann alſo einer offt GOtt vertrauet/ ſo wird er da⸗ rinn geuͤbt und bekommt eine Fertigkeit G Ott zu vertrauen/ welche als⸗ dann die Gelaſſenheit darleget/ als wie eine durch oͤfftere Wiederho⸗ holung in die Ubung und zur Staͤrcke gebrachte knechtiſche Forcht eine Fertigkeit hervor bringet/ ſich knechtiſch zu foͤrchten/ oder eine Untuͤchtig⸗ keit/ die Forcht mit der Liebe oder dem Vertrauen zu verbinden/ wo⸗ durch endlich bey einem ſehr harten oder verwirrten Zuſtand oder auch nur durch die Laͤnge der Zeit eine Verzweiffung hervor gebracht werden kan

() Gottloß nenne ich denjenigen/ der ſich GOttes Wuͤrcklichkeit/ Weßen und Wercke zu keinen Beweggruͤnden bey ſeinem Thun und Laſſen dienen laͤßet. Warum ich diejenige gottloß nenne/ welche ſich ſo gar auf Got⸗ tes Barmhertzigkeit verlaffen, und die Gerechtigkeit nicht in Betrachtung ziehen/ iſt auß eben dieſem Begriff klar.