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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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zubehalten. Rußerer Anlaß für diese Waldgabe muß ein größerer Brand in der Stadt gewesen sein, der Not und Holzmangel im Gefolge hatte.

Die tieferen Gründe für die um diese Zeit ziemlich ungewöhnliche Schenkung aber dürften meines Erachtens darin liegen, daß der Land- graf seine Stadt, die 1489 für zwei landgräfliche Schuldverschreibun- gen eingetreten war, wirtschaftlich besser stellen wollte, um sie zu einem Vorposten und sicheren Stützpunkt im Ringen um den weiteren Ausbau der Landesherrschaft nach dem Anfall der Grafschaft Kat- zenelnbogen(1479) zu machen. Außerdem darf nicht unerwähnt blei- ben, daß die an den Hangelstein angrenzenden Gemeinden Lollar, Daubringen und Alten-Buseck zu dieser Zeit noch nicht vollständig und endgültig zu seinem uneingeschränkten Herrschaftsbereich gehörten und der Landgraf deshalb den Hangelsteinwald in der Hand seiner Stadt in besserer Obhut glaubte. Für die Stadt war der ihr geschenkte Hangelstein zu damaliger Zeit"exterritorialer Besitz und blieb dies als einziges städtisches Gebiet außerhalb der eigentlichen Gemarkung im Gegensatz zu vielen Beispielen anderer hessischer Städte auch bis zum Jahre 1939.

Nur 4 Jahre später- im Jahre 1502- kaufte die Stadt einen anderen Teil des alten Wiesecker Waldes, den'Steltzenmorgen', von den Her- ren von Elkerhausen(Stammburg im Oberlahnkreis bei Weilburg), die zu jener Zeit Gießener Burgmannen waren und die wahrscheinlich als Isenburger Vasallen die Besitzrechte an diesem Waldgebiet erworben hatten(Karte Nr. 4).

Beide Waldgebiete, Hangelstein und Steltzenmorgen, blieben im Gegensatz zum großen Stadtwald stets im frei verfügbaren Eigentum der Stadt und kamen nicht unter eine Märkerverwaltung. Nach Auflö- sung der Märkerverfassung und der vom Landgrafen befohlenen Umor- ganisation der Forstwirtschaft in der Mitte des 18. Jahrhunderts wur- de der Steltzenmorgen zum großen Stadtwald gezogen. Er ist heute durch die aus militärischen Gründen erfolgten Abholzungen der letzten 40 Jahre fast ganz von der Bildfläche verschwunden; kleine Reste sei- nes schönen Laubwaldbestandes sind innerhalb des amerikanischen De pots noch vorhanden. Die Herausbildung der Gemarkung war ja mit dem Aufgehen der wüst gewordenen Siedlungen und ihrer Feldmarken in der Stadt Gießen keineswegs zum Abschluß gekommen. Eine Be trachtung der Gemarkungsentwicklung Gießens wäre daher unvollkom- men, wenn sie nicht die Veränderungen der Grenzen bis in unsere Ta ge berücksichtigen würde.

Mit dem Beginn der Neuzeit ging man dazu über, die Gemarkungen li- near genauer gegeneinander abzugrenzen, nachdem durch den nahezu vollendeten Landesausbau, durch die Rodungen, die fortschreitende Be- siedlung und die Vermehrung der Bevölkerung der bisher im Überfluß

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