werden, eine Reihe von Siedlungen im Laufe des 14.-16. Jahrhunderts in der Stadt aufgegangen, doch ist diese Entwicklung nicht schon in der Gründungsphase der Stadt erfolgt; das Wüstwerden ist hier- wie fast überall im deutschen Raum- weniger auf Druck der Herrschaft als auf den Zwang der damaligen Verhältnisse zurückzuführen.
Die zweite Möglichkeit, die der Stadt und dem Stadtherrn offenblieb, war die Trockenlegung gewisser Gebiete in den versumpften Talauen von Lahn und Wieseck und vor allem die Rodung von Waldflächen im Osten der Stadt.
Diese beiden Möglichkeiten der Innenkolonisation konnte nur der Stadtherr gewähren. Da er am Aufbau und Wachstum seiner Stadt in- teressiert war, hat er diesen Weg auch beschritten. Das tiefliegende Gelände um die Stadt konnte allerdings in jener frühen Zeit nur als Weideland genutzt werden, selbst wenn es einigermaßen entwässert war, denn bei den ziemlich regelmäßig alljährlich wiederkehrenden Hochwässern war zur damaligen Zeit noch kein Ackerbau möglich. Er aber war für die Bewohner lebensnotwendig. Für ihn kamen nur die Flächen auf den Terrassenhängen über dem Lahntal in Betracht, die zumeist noch vom großen Wiesecker Wald eingenommen wurden. Aus diesem seinem Eigenwald stattete der Landgraf um 1300 seine Stadt mit einer staatlichen Allmende(modern: Entwicklungshilfe für die Bürger) aus und gab ihr die Erlaubnis zu den notwendigen Rodungen für Acker- und Gartenland.
Das Gebiet, das den Bürgern der Stadt Gießen in ihrer Entstehungs- zeit zur Verfügung stand, läßt sich ungefähr folgendermaßen um-— schreiben:
Auf der westlichen Seite der Lahn das regelmäßig von normalem Hochwasser überschwemmte Gelände bis zum alten Landwehrgraben nach Heuchelheim zu.
Die eigentliche Stadt innerhalb des heutigen Anlagenrings mit Schwarzlach und Gartfeld, dazu die Sumpfgebiete der Wieseck-Talaue. Die nördlichen Teile der Fluren 4, 13 und 16(Nahrungsberg, Heeg- strauch und Altes Feld) als ältestes Garten- und Ackerbauland der Bürger.
Der große Stadtwald, der vom Stadtherrn als Markwald für Burgman-— nen und Bürger zur Nutzung übergeben worden war.
Einige Gebiete, die heute zur Gießener Gemarkung zählen, waren noch nicht in den Stadtbereich um 1300 übergegangen. Dazu zählen z.B. der Fernwald, der Steltzenmorgen, die Fluren der ausgegangenen Dörfer Achstatt, Diedolshausen, Kroppach und Selters(Karte Nr. 2).
Welche Veränderungen und Vergrößerungen hat nun die Gemarkung von Gießen in den beiden Jahrhunderten bis zum Ausgang des späten Mittelalters, also bis in die Regierungszeit des Landgrafen Philipps des Großmütigen im 16. Jahrhundert, erfahren?


