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Darmstädter Liederbuch : herausgegeben anläßlich des 45-jährigen Stiftungsfestes, S.S. 27
Entstehung
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Jo. Als ich ſchlummernd lag.

Eigene Weiſe.

1. Kls ich ſchlummernd lag heut Nacht, lockten ſüße CTräume, ſchimmernd in der Jugend pracht, mich in ferne Räume. Kraſſes Süchslein ſaß ich ſchlank in der Rneipe wieder, und in vollem Chore klang laut das Lieder der Lieder: Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus! post jucundam juvendutem, post molestam senectutem nos habebit humus, nos habebit humus.

2. Tabakswolkenduft umkreiſt, bläulich, Rheinweinbecher; deſto heller flammt der Geiſt in dem Haupt der Zecher. Füchslein fühlt im Weltenrund ſich der Schöpfung Krone; und er ſingt mit keckem Mund und mit keckem Tone: Ubi sunt, qui ante nos in mundo fauere? Vadite ad superos, transite ad inferos, ubi jam feuere.

3. Jäh erwacht ich. Glockenklar tönt mir's in den Ohren: heut ſind's runde ſiebzig Jahr, ſeit du warſt geboren. heut ſchon liegen hinter dir der Semeſter hundert! Hell rieb ich die Kugen mir, ſummte ſtill verwundert: Vita nostra brevis est, brevi finietur, venit mors velociter, rapit nos atrociter, nemini parcetur.

4. Schnell vom Lager ſprang ich auf, rief: Mir hat das Leben viel in ſeinem kurzen Lauf, Leid und Luſt gegeben. Sei vergeſſen was gedrückt mich mit Sorg und Plage; heut ein hoch dem, was beglückt meine jungen Tage: Vivat academia, vivant professores, vivat membrum

quodlibet, vivant membra quaelibet, semper sint in flore!

5. Goldne Burſchenzeit entflog ſchnell daß Gott erbarme! Ledern Philiſterium zog mich in dürre Arme. Doch philiſtern lernt ich nicht, hoch, auf goldnen Schwingen trug mich lieb zum himmelslicht, jubelnd durft ich ſingen: Vivant omnes virgines, graciles, formosae! vivant et mulieres, tenerae, amabiles, bonae, laboriosae!

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