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Zur Geschichte der medizinischen Fakultät der Universität Gießen / von Prof. Dr. Sommer und Priv.-Doz. Dr. Dannemann in Gießen
Entstehung
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die dann langsam, entsprechend dem Freiwerden der Räume in der alten Klinik, sich erweiterte.

Durch die Uebersiedelung der Chirurgie und Ophthalmologie in ihre ausgedehnten Neubauten(jede Klinik erhält eigene Ver- waltung) wird das Hauptgebäude der alten Klinik nunmehr frei. Sicher wird es in absehbarer Zeit niedergelegt werden müssen, doch wird geplant, es zunächst noch auf einige Jahre als Provisorium für die inzwischen ebenfalls in ihrer Wichtigkeit mit jedem Tage mehr erkannten Teilfächer der Otiatrie und Dermatologie ein- zurichten.

Otiatrie lehrte in Gießen seit 1885 Steinbrügge(gestorben 1901), dem für seine private Poliklinik in diesem Jahre drei Räume im alten Kanzleigebäude überwiesen wurden. 1889 erhielt er Lehr- auftrag, seit 1891 aber erst staatliche pekuniäre Beihilfe. 1892 wurde ihm eines der Nebengebäude der alten Klinik für die Zwecke der Poliklinik zur Verfügung gestellt, in dessen inzwischen zu eng gewordenen Räumen das Fach sich zurzeit noch behelfen muß. Steinbrügge wurde 1898 etatsmäßiger Extraordinarius. Sein Nachfolger, Leutert, unter dem die Frequenz in dem Maße anstieg, daß zurzeit bereits mehrere Assistenzärzte zur Bewältigung der Arbeit nötig sind, wurde 1905 Ordinarius für das Fach.

Dermatologie ist erst seit dem Vorjahre durch einen etats- mäßigen Extraordinarius, Jesionek, vertreten, nachdem bis dahin syphilitische Kranke meistens in besonderen Räumen der alten Klinik, an parasitären Erkrankungen laborierende in der medizini- schen Klinik Behandlung gefunden hatten. Die Einrichtung einer Poliklinik für Hautkranke, die seit Mai 1906 besteht und bereits im ersten Jahre ihrer Wirksamkeit etwa 1500 Patienten zählte, ge- nügt dem wachsenden Bedürfnisse allein nicht mehr, sondern ihr wird in Bälde ebenfalls die Errichtung einer stationären Klinik folgen müssen. In absehbarer Zeit dürften also auch Otiatrie und Dermatologie über eigene klinische Institute verfügen können.

In Vorstehendem haben wir die eigenartigen Beziehungen des veterinärmedizinischen Faches zur medizinischen Fakultät absichtlich nicht berührt. Nur sei erwähnt, daß seit kurzem in unmittelbarer Nähe der Kliniken ausgedehnte Neubauten auch für diesen Teil der Universität erstanden sind. Tierchirurgie(Prof. Pfeiffer), normale(Prof. Martin) und pathologische(Prof. Olt) Anatomie verfügen zurzeit über Einrichtungen, die sich mit den an anderen Hochschulen für das Fach der Veterinärmedizin bestehen- den in jeder Hinsicht messen dürfen, ohne den Vergleich zu scheuen. Einzig die innere Medizin(Prof. Gmeiner) verblieb zunächst noch im alten Gebäude, in welchem ihr aber durch den Fortgang der anderen Disziplinen ein zunächst ausreichender Raum geschaffen wurde Die Vertreter des Faches werden mit zur medizinischen Fakultät der Landesuntersuchung gerechnet, die geschieden ist in eine medizinische Fakultät in engerem Sinne und ein veterinär- medizinisches Kollegium. Den Veterinärstudenten ist die Möglich- keit geboten, ihr ganzes Studium in Gießen zu absolvieren und die veterinärmedizinische Doktorwürde der vereinigten medizinischen Fakultät zu erwerben.