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Festschrift zur Begrüßung der 38. Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner dargebracht / von dem Großherzogl. Realgymnasium und der Realschule zu Giessen
Entstehung
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keinen Gegenſtand darbiete, woraus dann folgte, daß die Vorſtellung der gleichförmig beſchleunigten Fallbewegung nichts weiter war als eine willkürliche Fiktion. Von dieſem Standpunkt aus konnte der Rationaliſt Descartes die galileiſche Vorſtellungsweiſe als eine will⸗ kürliche Erdichtung verwerfen. Er beſtritt das Fundament der ganzen galileiſchen Dynamik. Er hält es für falſch, daß die Geſchwindigkeit der fallenden Körper ſich gleichförmig vermehre, daß bei der ſchiefen Wurfbewegung der Körper horizontal ſich gleichmäßig weiter bewege u. ſ. w. und meint, Galilei habe erſt beſtimmen müſſen, was die Schwere ſei und ſo von den erſten Urſachen auszugehen gehabt.

In dem Trägheitsgeſetz liegt die Annahme, daß jede Aenderung der geradlinig gleichförmigen Bewegung als verurſacht anzuſehen iſt. Es war indeſſen naheliegender, die Bewegung ſelbſt als verurſacht anzu⸗ ſehen und nicht die Bewegungsänderung. Man dachte auch ſo vor der Anerkennung des Trägheitsgeſetzes, man meinte, die Bewegung ſei ſelbſt durch irgend welche Urſachen bewirkt, mit deren Wegfall der Körper in Ruhe kommen mußte. Auch Kepler lebte noch in dieſer Vorſtellungsweiſe. Die bewegenden Kräfte, welche die Planeten um die Sonne führten, waren nach ſeiner Meinung tangential gerichtet, ſie mußten in der Entfernung ſchwächer werden, da die Geſchwindig⸗ keit in der Sonnenweite geringer war, von ihnen getragen wurden die Planeten um die Sonne geführt, wie ein Kahn von dem Strom. ¹)

Man kann die Frage aufwerfen, warum gerade die Beſchleu⸗ nigung als verurſacht anzuſehen iſt. Eine Notwendigkeit, es ſo zu denken, iſt auch hier nicht vorhanden, denn dieſelbe erſcheint als der zweite Differentialquotient des Weges durch die Zeit, es giebt höhere Differentialquotienten, die als Beſchleunigungen höherer Ordnung auf⸗ gefaßt worden ſind,) und es iſt nicht einzuſehen, weshalb gerade die Beſchleunigung erſter Ordnung als verurſacht anzunehmen ſei. Daß die Beſchleunigung erſter Ordnung gerade dieſe Bedeutung hat, liegt begründet in der Natur der thatſächlich gegebenen Bewegungen. Die⸗ ſelben ſind nämlich derart, daß ſich ihre Beſchreibung, wenn man von der Beſchleunigung ausgeht, am einfachſten geſtaltet, weil die Be ſchleunigung hierbei einer einfacheren Geſetzmäßigkeit unterliegt, wie die Bewegung ſelbſt. Der freie Fall und Wurf laſſen ſich einfach

1) Wehwell, Geſchichte der induktiven Wiſſenſchaften, Ueberſ., II. T. S. 19. 2) Schell, a. a. O. S. 489.