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Widerlegung der Bemerkungen des Großh. Hess. Geh. Raths Herrn Dr. A.A.E. Schleiermacher, über den für Aerzte und Wundärzte bestimmten Studienplan der Landes-Universität zu Gießen / von Dr. Adolph Wernher, ordentlichem Professor der Wundarzneikunde, Direktor der chirurgischen Klinik
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den ihm zur ſpeciellen Beſorgung keine Kranken übergeben, de⸗ ren Leiden auch in ſeinem ſpätern ſelbſtſtändigen Wirken nicht in den Bereich ſeiner erlaubten Thätigkeit fallen würde, wohl aber wird er auf alle die Hülfsleiſtungen eingeübt, deren Aus⸗ übung das Geſetz den Chirurgen geſtattet.

Was Herr Schleiermacher, außer dem ſchon oben be⸗ rührten, noch weiter über die Thierärzte zweiter Klaſſe bemerkt, iſt nicht von großem Belange. Er vergleicht ſie mit den Chi⸗ rurgen, und ſcheint ſie, mit Unrecht, mit denſelben auf eine Stufe zu ſtellen, da ihre praktiſchen Befugniſſe denen der erſten Klaſſe vollkommen gleich ſind, nur daß ſie, ohne nachgeholte Maturität, nicht zum Staatsdienſte gelangen können. Hiernach ſind ſie nicht unſern Phiſikatschirurgen, ſondern etwa den Chi⸗ rurgen erſter Klaſſe in Preußen gleichgeſtellt. Was ſie an Vorkenntniſſen vor unſern Chirurgen voraus haben, iſt Chemie und Botanik. Ich geſtehe, daß ich die erſtere Disciplin, bei der Stufe, welche die Thierarzneikunſt noch einnimmt, ihnen gern erlaſſen hätte, da eine oberflächliche Kenntniß ihnen nichts hilft, und doch bald wieder vergeſſen wird, und gründlichere Kennt⸗ niſſe von ihnen nicht erworben werden können. Für Botanik beſtehen jedoch allerdings Gründe, welche ihre Nothwendigkeit für die Thierärzte nachweiſen, da dieſe die Futterkräuter, die den Thieren ſchädliche Pflanzen, kennen, und im Nothfalle bo⸗ taniſch müſſen zu beſtimmen im Stande ſeyn. Alles übrige, was Herr Schleiermacher noch hinzufügt, geht nicht den Studienplan, ſondern die Medicinal⸗Ordnung an.

Ich kann meine Entgegnung nicht ſchließen, ohne mein tiefſtes Bedauern darüber auszudrücken, daß ein Mann, wie der Herr Geh. Rath Schleiermacher, deſſen wiſſenſchaftlicher Sinn, deſſen Milde und Ruhe des Charakters, allgemein be⸗ kannt und gewürdigt ſind, ſich hat hinreißen laſſen, durch falſche Beſchuldigungen, unvollſtändige und verkehrte Auffaſſung und Darſtellung einer wohlthätigen Maaßregel, zu irrthümlichen und gehäſſigen Anſichten in dem minder unterrichteten Publi⸗ kum Veranlaſſung zu geben, und eine böchſt unerquickliche und