Jahrgang 
1911
Seite
XIV
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XIV

Todestage Oesers an dem Hause angebrachte Gedenktafel gibt davon Kunde. Das Eckhaus Sonnenstraße 15 trägt eine Tafel zur Erinnerung daran, daß es Ludw. Friedr. Jul. Höpf⸗ ner, Professor der Rechte und Freund Goethes, beherbergte. In dem Hause Neuen Bäue 9 ist Julius Dietz, der Begründer der romanischen Philologie, geboren, was eben falls durch eine Tafel kenntlich gemacht ist. Das Haus West-Anlage 7 trägt eine Gedenk⸗ tafel für den hervorragenden Philosophen und Schriftsteller Karl Hillebrand, der dort am 17. September 1829 geboren ist, und eine Tafel am Hause Frankfurter Straße 11 zeigt an, daß der Professor der Theologie C. A. Credner dort von 1832 1857 ge⸗ wohnt hat. Zu Ehren des 1904 verstorbenen Professors Riegel ist ihm in den Anlagen vor der Klinik ein Denkstein gesetzt worden. Schließlich sei noch bemerkt, daß die 1859 gepflanzte Schillereiche auf dem Lutherberge am 12. November 1905 durch einen Schiller⸗ stein gekennzeichnet worden ist.

Friedhöfe. Der alte Friedhof, am Nahrungsberg gelegen, gewährt eine präch tige Aussicht auf Stadt und Umgebung. Er enthält viele interessante alte und neuere Grab-Denkmäler. Seit dem 1. Juli 1903 wird er nur noch für Beerdigungen in Familienbegräbnissen benutzt. Der gleich⸗ falls schön gelegene neue Friedhof am Rodberge erforderte zur Gesamtanlage zirka 300 000 Mk. Er ist am 1. Juli 1903 er⸗ öffnet worden, besitzt eine große Kapelle mit Leichenhalle für Protestanten und Katholiken, sowie eine besondere Leichenhalle für Israe liten. Die Statuten und Tarife siehe Seite 334.

Kirchen und Synagogen. Die neuerdings umgebaute Stadtkirche auf dem Kirchen platze wurde an Stelle der alten, 1520 ge weihten Pankratiuskirche in romanischem Stile errichtet und 1821 eingeweiht. Der von ihr getrennt stehende Turm gehörte noch zur Pankratiuskirche, sein Bau ist 1484 begonnen worden. An der Süd Anlage steht die von Grisebach und Dinklage im Renaissancestil für 220 000 Mk. erbaute Johanneskirche, die am 30. No⸗ vember 1893 eingeweiht wurde. Inmitten der Anlagen kommt dieser schlanke Bau vor teilhaft zur Geltung. Auf dem alten Fried hofe befindet sich eine kleine Kirche, 1625 von Johannes Ebel zum Hirsch erbaut, die in ihrer schlichten Bauart, mit ihren Galerien,

den vielen Grabsteinen und Gedenktafeln, den bemalten hölzernen Standbildern Gießener Theologen sehr stimmungsvoll wirkt. Die alte einfache, 1840 errichtete katho lische Kirche ist an der Ecke der Frankfurter und Liebigstraße erhöht gelegen. Das Gebäude ist für die katholische Gemeinde letzt zu klein und durch eine neue Kirche er⸗

Geschichtliches und Sehenswürdigkeiten der Stadt Gießen

setzt, von der vorläufig nur Chor, Quer schiff und ein Joch des Langschiffes vollendet ist, während drei weitere Langschiffjoche und die Türme später errichtet werden. Die erste Bauperiode des in spätgotischem Stil nach Plänen des Architekten L. Becker in Mainz er⸗ richteten Baues begann 1902 und endete 1905.

Die Synagoge der israel. Religions⸗ gemeinde(Süd⸗Anlage 2) ist ein ganz würdiger Bau. Schlichter wirkt die 1900. vollendete Synagoge der israel. Reli gionsgesellschaft Steinstraße 8).

Lehranstalten. Die feierliche Eröffnung der Landesuniversität erfolgte am 7. Ok⸗ tober 1607. Das neue Universitätsgebäude, Kollegienhaus(Ludwigstraße 23), wurde 1880 eingeweiht und bezogen. Seitlich davon (Ludwigstraße 21) befindet sich das 1888 er⸗ richtete, modern ausgestattete chemische La boratorium. Hinter dem Kollegiengebäude (Goethestraße 55) liegt der imposante, 1901 eröffnete rote Backsteinbau mit den vorzüglich eingerichteten Instituten, dem physikali schen Institut und physikalisch⸗-chemi schen Laboratorium. Zwischen Kollegien haus und den physikalischen Instituten ist für eine neue größere, etwa 800 Personen fassende Aula von Reg.⸗Baumeister Frey ein besonderes Gebäude in Barockstil errichtet. Zum ersten Festakte gelegentlich der dritten Zentenar⸗ feier der Landes-Universität wurde diese Aula zuerst benutzt. Fast alle medizinischen Institute befinden sich, neuzeitlich eingerichtet, auf dem Seltersberge hinter der Frank furter Straße, einen kleinen Stadtteil für sich bildend. Die Klinik für psychische und nervöse Krankheiten(Frankfurter Straße 99 und 111) ist nach Pavillon⸗ system 1894- 96 errichtet, das hygienische Institut(Frankfurter Straße 101) 1897. Davor(Klinikstraße 32) liegen Frauen⸗ klinik, medizinische Klinik und patho logisches Institut. Die mit allen modernen Einrichtungen versehenen Neubauten der chirurgischen Klinik(Klinikstr.) und der Augenklinik(Friedrichstr.) sind im Herbst 1907 in Gebrauch genommen. Nunmehr sind alle medizinischen Institute auf dem Seltersberge vereinigt bis auf die Ohren klinik(Liebigstraße 20), das anatomische, zoologische(Bahnhofstraße 84) und phy⸗ siologische Institut(Senckenbergstraße 15). Die veterinär-medizinischen Institute sind jetzt ebenfalls großartig eingerichtet an der gegenüberliegenden Seite der Straße (Frankfurter Straße 94). In das bisherige Gebäude für die Univ.⸗Bibliothek(Brand platz 4) sind das botanische und das geographische Institut, sowie das mathe matisch-physikalische und das geo dätische Kabinett untergebracht.

Das Landgraf-Ludwig⸗-Gymnasium