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Bericht über das Schuljahr Ostern 1888—89.
J. SCHULEREIGNISSE.
Am 9. März— der Jahresbericht des voraufgegangenen Schuljahres 1887/88 ist am 8. März beendet worden— verschied Se. Majestät der deutsche Kaiser Wilhelm. Als die Nachricht im Laufe des Vormittags eintraf, ward bestimmt, dass für diesen Tag dis Schule geschlossen werde. Die Lehrer, welche in den einzelnen Klassen den Unterricht hatten, teilten den Schülern das Ereignis mit und in eingehender, dem Alter der Schüler entsprechender Weise legten sie ihnen die Bedeutung dieses weltbewegenden Ereignisses dar zu dauerndem Gedächtnis an den Heimgang des erhabenen, einzigen, geliebten Herrschers. Bewegten Herzens und ernsten Sinnes verliessen die Schüler das Haus.— Auch am Tage der Bestattung des Kaisers blieb die Schule geschlossen.
Der Geburtstag weiland Sr. Majestät des deutschen Kaisers ward nun durch eine Gedächtnisfeier begangen. Herr Dr. Nicolai, der ehemals die Festrede für diesen Tag nach herkömmlicher Sitte übernommen hatte, hielt die Gedächtnisrede, deren Inhalt eine Reihe von Aussprüchen des Kaisers Wilhelm bildete, welche mit den wichtigsten Begebenheiten seiner Regierungszeit als König von Preussen und als Kaiser von Deutschland verknüpft sind und die noch einmal die Erinnerung an die Heldenhaftigkeit, Standhaftigkeit und einfache Grösse des Dahingeschiedenen bei den teilnehmenden Hörern belebten. Im Namen der abgehenden Schüler sprach in lateinischer Rede der Oberprimaner Crämer, dessen Worte den Charaktereigenschaften und Regententugenden des ersten Kaisers unsers neu geeinigten Vaterlandes galten. Hierauf folgte eine Rede des Direktors und die Entlassung der abgehenden Schüler. Choralgesang unter Leitung des Herrn Professor Thureau begann und beendigte die ernste Feier.
An demselben Tage, dem 22. Maärz, starb nach kuzer und schwerer Krankheit an den Folgen der Diphtheritis der Untertertianer Wilhelm Geibel von hier, in seinem 15. Lebensjahre. Mit den schwer geprüften Eltern haben wir den Tod dieses Schülers aufs tiefste beklagt. Seit zwei Jahren gehörte er dem Gymnasium an, nachdem er durch Privatunterricht für dasselbe vorbereitet worden war, und war unzweifelhaft und anerkanntermaassen einer der bravsten, tüchtigsten und talentvollsten Schüler, der zu besonderen Erwartungen berechtigte. Frei von ehrgeizigem Streben, war er von einem ungewöhnlichen Pflichtbewusstsein und Lerneifer erfüllt, reines Herzens, in Dank- barkeit seinen Lehrern zugethan und voll von der Liebe zum Guten.
Das Sommerhalbjahr begann am 9. April. Da der Unterricht gleich von Aufang an der Mithülfe zweier Lehrer entbehrte— Herr Dr. Oesterheld und Herr Professor Dr. Schneidewind mussten aus Rücksichten ihrer Gesundheit bis zu den Sommerferien beurlaubt werden—, so gewährte die Fürsorge des Grossherzogl. Staatsministeriums uns eine Unterstützung, indem dasselbe den Schulamts- bewerber Herrn Dr. H. Planer, von Geburt einen Angehörigen des Herzogtums Altenburg, zur Vertretung abordnete, nachdem sich derselbe dazu bereit erklärt hatte.
Durch eine ziemlich bedeutende Umarbeitung des ursprünglichen Lehrplanes, der namentlich für
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