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Es iſt allgemein bekannt, daß ehe dieſe Viſitation begann, in dem ſogenannten Viſitationsbüch⸗ lein die Grundzüge des ganzen Kirchen- und Schulweſens dargelegt wurden. Es war dies eine ge⸗ meinſchaftliche Arbeit Luther's und Melanchthon's.*) Dem Kapitel von den Schulen, welches allein hier zu berückſichtigen iſt, ſind einige allgemeine Bemerkungen vorausgeſchickt, darunter folgende:
„Erſtlich ſollen die Schulmeiſter vleis ankeren, das ſie die Kinder allein Latiniſch lehren, nicht Deudſch oder Griechiſch oder Ebreiſch, wie etliche bisher gethan, die armen Kinder mit ſolcher manichfaltigkeit be⸗ ſchweren, die nicht allein vnfruchtbar, ſondern auch ſchedlich iſt. Man ſiehet auch, das ſolche Schulmei⸗ ſter nicht der Kinder nutz bedenken, ſondern vmb jres rhumes willen, ſo viel Sprachen furnemen.
Zum andern, ſollen ſie auch ſonſt die Kinder nicht mit viel Büchern beſchweren, ſondern in alle weg, mannichfaltigkeit flihen.
Zum dritten, iſts not, das man die Kinder zurteile in Hauffen.
Vom erſten Hauffen.
Der erſte Hauffe ſind die Kinder, die leſen lernen, mit denſelben ſol dieſe Oroͤnung gehalten werden.
Sie ſollen erſtlich lernen leſen, der Kinder Handbüchlein, darin das Alphabet, Vater vnſer, Glaube, ond ander Gebet jnnen ſtehen.
So ſie dis künnen, ſol man jnen den Donat vnd Cato zuſamen furgeben, den Donat zu leſen, den Cato zu exponiren. Alſo, das der Schulmeiſter einen Vers oder zween exponire, welche die Kinder dar⸗ nach zu einer andern Stunde auffſagen, das ſie dadurch einen Hauffen latiniſcher wort lernen, vnd einen Vorrat ſchaffen zu reden.
Darinnen ſollen ſie geübet werden, ſo lang, bis ſie wol leſen künnen, vnd halten es dafur, es ſolt nicht vnfruchtbar ſein, das die ſchwachen Kindern, die nicht ein ſonderlich ſchnellen verſtand haben, den Cato vnd Donat nicht einmal allein, ſondern das andermal auch lerneten.
Daneben ſol man ſie leren ſchreiben, vnd treiben, das ſie teglich jre Schrifft dem Schulmeiſter zeigen.
Damit ſie auch viel Latiniſcher wort lernen, ſol man jnen teglichs am abend etliche wörter zu lernen furgeben, wie vor alter die weiſe in der Schule geweſen iſt. Dieſe Kinder ſollen auch zu der Muſica gehalten werden, vnd mit den andern ſingen, wie wir darunten, wil Gott, anzeigen wöllen.
Von dem andern Hauffen.
Der ander Hauffe, ſind die Kinder, ſo leſen künnen vnd ſollen nu die Grammatica lernen. Mit denſelben ſoll es alſo gehalten werden.
„Die erſe ſtunde nach Mittag teglich, ſollen die Kinder in der Muſica geübt werden, alle, klein und gros.
Darnach ſol der Schulmeiſter dem andern Hauffen auslegen die Fabulas Eſopi erſtlich.
Nach der Veſper ſol man inen exponiren Pedologiam Moſellani,**) vnd wenn dieſe Bücher geler⸗ net, ſol man aus den Colloquiis Eraſmi welen, die den Kindern nützlich vnd züchtig ſind.
Dieſes mag man auff den andern Abend repetiren.
Abends, wenn die Kinder zu Haus gehen, ſol man jnen einen Sententz aus einem Poeten oder an—⸗ dern furſchreiben, den ſie morgens wider auffſagen, Als Amicus certus in re incerta cernitur, Ein gewiſſer Freund wird in vngluͤck erkand. Oder, Fortuna, quem nimium fovet, stultum facit, Wem das Glück wol zu helt, den macht es zu einem Narren. Item Ovidius, Vulgus amicitias utilitate pro- bat, Der Pöfel lobet die Freundſchafft nur nach dem nutz.
Morgens ſollen die Kinder den Eſopum wider exponiren. Dabei ſol der Präceptor etliche Nomina vnd Verba decliniren, nach gelegenheit der Kinder, viel oder wenig, leichte oder ſchwere, vnd fragen auch die Kinder Regel vnd Vrſach ſolcher declination.
ſtand er ſeit 1527 in Briefwechſel; 1529 zog er nach Gotha, wo er den Ruf nach Eiſenach erhielt. Wahr⸗ ſcheinlich auf Luthers Empſehlung nahm er an der Kirchenviſitation Theil. Im J. 1546 wurde er des Myco- nius Nachfolger in Gotha und ſtarb, nachdem er in wideeliche theologiſche Streitigkeiten gerathen war, als Pfarrer zu St. Thomae in Leipzig 1558. 3
22*) S. Karl von R aumer’ s Geſchichte der Pädagogik vom Wiederaufblühen klaſſiſcher Studien bis auf un⸗ Se Bd. S. 173. Wir citiren wieder Luther's Werke nach der Wittenberger Ausgabe, 9. Th.(1558.)
. 266. ff. B *) Siehe von Raumer Geſch. der Pädag. I. S. 197.
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