Kunstbildend wie das götterschaffende Heidentum wirkt zwar das Christentum nicht. Allein wir sehen an dem dem widdertragenden fiermes nachgeahmten Christus mit dem Lamme und ähnlichen Malereien aus den Katakomben den Versuch, den neuen religiösen Begriffen gerecht zu werden.
Nach der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion durch Constantin folgt eine fast tausendjährige Nacht, in der es keine Kunst im eigentlichen Sinne gab, sondern nur ein plumperes oder feineres Mosaikwerk nach den typischen Traditionen des Byzanti- nischen Kunsthandwerkes. Hauptvorwurf war: die konventionell-allegorische Darstellung von dogmatischen Begriffen der»triumphierenden« Kirche.
Hier, wie auf dem Gebiete der Plastik, begegnen wir mit dem Anfange des 13. Jahrhunderts einer merkwürdigen Veränderung infolge einer tiefgehenden Bewegung, die die Geister aufrüttelt. Franz von Assisi und seine jJünger brachten durch ihre Predigten und ihre Lieder ein dramatisches Element in die religiösen Uebungen, die gottesdienstlichen Handlungen, verbreiteten eine menschlich-natürliche Auffassung Christi und seines Lebens. Die Folge war, dass die Künstler sich die darzustellenden Vorgänge wirklich vor Augen führten, das christliche Epos wie reale Begebenheiten mit allen Mitteln der Phantasie und doch möglichst in aller Tatsächlichkeit wiedergaben. Die heiligen Masken und mürrischen Mienen der Byzantiner gewinnen Leben, sprechen wie Menschen zu Menschen. Die tief eingreifende, epochemachende Wirksamkeit des Florentiners Giotto erzeugt dies Wunder und zwar durch seine liebevolle, scharfe Naturbeobachtung. Die, wenn auch kleinen, Abbildungen in der Monographie des Meisters von Henry Thode geben einen klaren Begriff von der in verhältnismässig kurzer Zeit durch Giotto hervor- gerufenen Wandlung.
An der Hand vieler Photographien verfolgen wir die einzelnen Stufen bis zu der höchsten Vollkommenheit, bis zu den Meistern der Hochrenaissance. Auch hier Künstlergeschichte.
»Petri Zinsgroschen«, die»Vertreibung aus dem Paradies«(vgl. mit Raffaels Bild in den Loggien und dem von Michelangelo auf der Sixtinischen Decke), die» Taufe des Bekehrten« von Masaccio legen Zeugnis ab von immer tieferem Eindringen in das wirkliche Leben. Welch ein realistischer Zug in dem in der Morgenkühle Frierenden! welch ein Reichtum an männlichen Charakterköpfen in dem Zinsstater!
Der»Triumph des Todes« im Campo santo zu Pisa, der ungefähr gleichzeitig entstand, enthüllt uns eine Fülle verschiedenartigster, scharf kontrastierender Gedanken, gewährt dazu noch einen Einblick in die religiösen Anschauungen des Quattrocento.
Luca Signorellis»Selige« und»Verdammte« in dem Dome zu Orvieto führen uns ebenfalls in den Kreis der von der Kirche angewandten Mittel, die Seelen zu ergreifen und zu erschüttern.»Bilder sollen das Volk belehren«, hatte Gregor der Grosse gesagt.— Durch Signorelli erfuhr das Studium des menschlichen Körpers eine ungemeine Erweiterung.
Ganz andere Wege, die Gläubigen für ihr Heil zu entflammen, schlug Fra Angelico da Fiesola ein: alle seine Madonnen, Heiligen, Mönche in San Marco in Florenz atmen innige, selige Hingabe an Gott. Noch wir Modernen mit unserer geringen Neigung zum Mysticismus vermögen nicht, ihrem Zauber zu widerstehen; sein Christus, seine Maria, seine musizierenden Engel werden und bleiben uns vertraut.
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