Jahrgang 
1894
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Nachricht über die Einführung der Steilſchrift. Seitens der Arzte und Schulmänner iſt man beſtrebt, die Urſachen zu ergründen und zu beſeitigen, welche die ſogenannten Schulkrankheiten, darunter auch die Kurzſichtigkeit und die Rückgratsverkrümmungen, hervorrufen oder begünſtigen. Ein⸗ gehende Unterſuchungen haben ergeben, daß die erſt ſeit den vierziger Jahren gebräüuchliche Schiefſchrift die Kinder geradezu nötigt, ſich links oder auch rechts und dann vornüber zu beugen. Dieſes Schiefſitzen verurſacht nun bei ſchwächeren Kindern leicht Verkrümmungen an Rückgrat, Schultern und Hüften; andererſeits wird durch das Neigen des Kopfes, beſonders das ſeitliche, die Kurzſichtigkeit erzeugt oder verſtärkt. Die früher gebräuchliche ſenkrechte Schrift Steilſchrift hat nach der Anſicht mediciniſcher Autoritäten dieſe Nachteile nicht. Praktiſche Verſuche in den Schulen größerer Städte fielen günſtig aus. Auf Grund deſſen wurde auch an unſrer Anſtalt die Steilſchrift von den Unterklaſſen an in Gebrauch genommen. Wie im allgemeinen, ſo bedarf die Schule ganz beſonders bei der Gewöhnung der Schüler an gute Körperhaltung der Unterſtützung des Elternhauſes. Es ſeien darum folgende Punkte zur gefälligen, dauernden Beachtung bei der Anfertigung der ſchriftlichen Hausaufgaben empfohlen:

1. Der Schreibende ſoll das Fenſter oder die Lampe ſtets auf ſeiner linken Seite haben.

2. Die Pultplatte ſei ſchräg. Der Sitz muß ſo hoch ſein, daß die Vorderarme auf die Platte geſchoben werden können, ohne die Ellenbogen viel heben und weiter als etwa handbreit vom Körper entfernen zu müſſen. Die Augen erlangen alsdann die erforderliche Entfernung von 30 35 cm von der Zeile und die Oberarme bilden eine feſte Stütze für den Oberkörper.

3. Die Unterſchenkel dürfen nicht frei hängen, ſondern ſollen ſenkrecht auf den Boden oder einen Schemel geſtellt werden.

4. Das Heft legt der Schreibende ſo vor ſich, daß die Linien wagrecht, alſo in gleicher Richtung mit der vorderen Tiſchkante verlaufen. Die Mitte der zu beſchreibenden Seite nicht die Mitte des Heftes lege man vor die Mittellinie des Körpers.

5. Nie dürfen nur die Hände, ſondern ſtets müſſen beide Vorderarme bis nahe an den Ellenbogen aufliegen. Die Vorderarme liegen ſchräg ungefähr im rechten Winkel zu einander. Die linke Hand hält das Papier links von der zu beſchreibenden Zeile feſt und nicht unterhalb dieſer.

6. Das Heft muß öfters nach oben geſchoben werden, damit die Entfernung der Zeile von den Augen(30 35 cm) die richtige bleibt und die Vorderarme ſich auflegen können. Die Arme haben alſo eine feſte, das Heft hat eine wechſelnde Lage.

7. Der Daumen ſoll an beiden Gelenken gebeugt und weiter rückwärts als die beiden andern Fingerſpitzen etwas von unten her mit ſeiner Spitze nicht dem Ballen an den Feder⸗ halter angeſetzt werden. Der Mittelfinger werde nie unter den Halter geſchoben, er lege ſich rechts ſeitlich an. Der Zeigefinger bleibe möglichſt geſtreckt.

8. Der kleine Finger ſoll ſich nicht in ſeiner ganzen Länge auflegen, ſondern nur mit der Spitze auf dem Papier fortgleiten.

9. Durch Beugen der Finger werden ſenkrechte Grundſtriche, durch Ausſtrecken erſterer und gleichzeitiges Fortgleiten der Hand ſchräge Haarſtriche hergeſtellt.

10. Bei ſchon vorhandener Kurzſichtigkeit iſt der Schüler oft genötigt, die Entfernung von 30 cm zu verringern und den Kopf vorzuneigen; dabei wird die Steilſchrift immerhin eine ungleiche Entfernung der einzelnen Augen vom Papier und eine ſchiefe Haltung verhüten.