Jahrgang 
1880
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V. Zur Geſchichte der Anſtalt.

1. Am 5. April 1879 traf die Lehrer und Schüler unſerer Anſtalt ein ſchwerer Verluſt: nach einem fünfmonatlichen Leiden, das anfangs ſogar den näher Stehenden keine Beſorgniß erregte, entriß der Tod den Collegen Dr. Philipp Diehl in der Blüte der Jahre der betagten Mutter und zwei trauernden Kindern, dem Kreiſe der Collegen, die ſein offenes, herzliches Weſen ehrten und liebten, und einer hervorragend tüchtigen Amtsführung. Dr. Diehl, geboren am 24. Auguſt 1836 zu Albig, wo ſein Vater Lehrer war, beſuchte von Oſtern 1850 bis 1854 die Realſchule zu Alzey, ſodann bis Oſtern

1856 die damalige höhere Gewerbſchule zu Darmſtadt, wo er die Maturitätsprüfung beſtand. Von Oſtern 1856 an beſuchte er die Univerſität in Gießen und beſtand im Sommer 1858 das Examen für das Gymnaſiallehrfach vom mathematiſchen Standpunkt aus. Nachdem er den vorgeſchriebenen Acceß im Herbſt 1859 an der Realſchule zu Darmſtadt abſolvirt hatte, nahm er bald darauf eine Stelle an einem Privatinſtitute in Oſthofen an. Durch Verfügung Großh. Oberſtudien⸗ Dixection vom 5. Dezember 1861 zur proviſoriſchen Verwaltung einer Lehrerſtelle an der Realſchule zu Alzey berufen, wurde er durch Allerhöchſtes Decret vom 26. März 1867 definitiv an dieſer Schule an⸗ geſtellt. Durch Allerhöchſtes Decret vom 12. März 1874 wurde er an das hieſige Gymnaſium verſetzt und trat am 16. April 1874 in ſein hieſiges Amt. Der Unterzeichnete lebte mit ihm in dienſtlichem und freundſchaftlichem Verkehre dreizehn Jahre an der Realſchule zu Alzey und in der hieſigen Anſtalt zuſammen und bewahrt dem treuen Collegen, Freund und Berather allezeit das dankbarſte Andenken. Dr. Diehl war eine reich und vielſeitig beanlagte Natur, ein vortrefflicher Lehrer der Mathematik und der Naturwiſſenſchaften, der es wie wenige verſtand, mit dem Ernſte des Unterrichts eine Milde und Freudigkeit im Verkehre mit den Schülern zu verbinden, die ihm die jugendlichen Herzen gewann; und er lebte neben dem Verkehre mit ſeiner Familie, an der ſein ganzes Herz hing, und mit ſeinen vielen Freunden= Feinde hatte er nicht nur dem Amte, dem er ganz gehörte. Seine geiſtigen Intereſſen gingen über ſeine Fachwiſſenſchaft hinaus. Die allgemein menſchliche Bildung ſchätzte er hoch, den religiöſen Sinn einer geſunden Erziehung hatte er ſich bewahrt, er glaubte feſt an die ewigen Ideale des Menſchengeiſtes und einer philoſophiſch

durchleuchteten Religion. Damit harmonirte ſeine begeiſterte Pflege der Muſik.

Von der Liebe zu ſeinem Beruf zeugt es, daß er nach Neujahr 1879 trotz des warnenden Zuredens der Angehörigen, der Freunde und des Arztes den Verſuch wagte, ſich mehrere Tage zur Schule fahren zu laſſen, weil er glaubte, das Leiden, welches er für eine Krankheit der Athmungsorgane hielt, werde ſchwinden, wenn er die äußere Luft nicht meide und dem gewohnten Berufe nachgehe. Allein der Verſuch ſchlug fehl. Als nun die Krankheit den pflichttreuen Mann an's Lager feſſelte, verließ ihn noch Wochen lange nicht die ihm eigene Fröhlichkeit des Geiſtes: er las viel und unterhielt ſich Stunden lang mit den Freunden, die ihn täglich beſuchten. Gegen

Faſtnacht ließ er es ſich nicht nehmen, auf dem Krankenlager die mathematiſchen Maturitätsarbeiten

zu corrigiren und an den daran ſich anſchließenden Berathungen Theil zu nehmen. Aber plötzlich ſteigerte ſich das Nierenleiden, das ſich bei einer inneren Verfettung entwickelt hatte, und eintretende Waſſerſucht in raſchem Verlaufe. Die Einrichtung des chemiſchen Laboratoriums des neuen Gymnaſial⸗ und Realſchulgebäudes, für das er die Entwürfe gezeichnet hatte, und auf deſſen Vollendung er mit dem größten Intereſſe hoffte, iſt ſein Werk; und die Fieberphantaſieen ſeiner letzten Lebens⸗ tage verſetzten ſeinen Geiſt immer und immer wieder an die Stätte, wo er eine geſegnete Wirkſamkeit