Jahrgang 
1906
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264 Kritik des Lehrplans und der Methode der 3. u. 4. Klaſſe.

des Religionsunterrichts der 4. und 3. Klaſſe, indem er ein beſſeres Lehrbuch fordert, in dem dier Hauptwahrheiten des Chriſtenthums nicht blos theoretiſch, ſondern praktiſch abgehandelt würden. An ſolchen Büchern ſei gegenwärtig kein Mangel: die Bücher von Seiler, Miller, Jacobi und Nölting ſeien beſonders zu empfehlen. Als einen Fehler des Unterrichts der beiden unteren Klaſſen bezeichnet Röchling das allzu ſtarke MNemoriren, das für Kinder von guten Verſtandeskräften eine ſehr unangenehme, abſchreckende, geiſttödtende Beſchäftigung ſei; andrerſeits verabſäumten Kinder, die nur das Gedächtniß geübt hätten, bei zunehmenden Jahren alles das, was eigene Ueberlegung und Anſtrengung des Verſtandes erfordere,ja viele, die die gütige Natur mit einer guten Gedächtnißkraft verſehen, verlaſſen ſich darauf, wie ein Bock auf ſeine Hörner. Mit Recht tadelt es Röchling, daß die Kinder ohne Beziehung zu einer Lectüre die Regeln der Grammatik mit allen Ausnahmen, die ihnen nie beim Leſen begegnen, und die Wörter des Vocabularums⸗ von Cellarius immer und immer wieder durchlernen.Wie weit würde man in der franzöſiſchen oder italieniſchen Sprache kommen, wenn man zuvor einen franzöſiſchen oder italieniſchen Cellarius 1218⸗mal nebſt den Grammatiken dieſer Sprachen Kinder auswendig lernen ließe? Wie lange⸗ wird man in unſeren erleuchteten Zeiten eine ſo nöthige Abänderung nur ſchüchtern hoffen dürfen? Man leſe nur zur Beſtätigung Scheller, Reſewitz und beſonders Ehler vom Vocabellernen. Die Uebung des Gedächtniſſes halte ich aus guten Gründen für eine der nöthigſten Uebungen der Jugend, nur muß ſie auf andere Art, in gehörigem Maße und an den rechten Gegenſtänden angeſtellt werden. Man gebe den Kindern nichts auswendig zu lernen, was ihnen nicht vorher⸗ aufs deutlichſte iſt erklärt worden, damit ſie nicht Worte, ſondern Gedanken erfaſſen, und man übe das Gedächtniß an den nöthigſten und für Kinder unterhaltenden Sachen, und nicht beſtändig an trockenen Wörtern und unverſtandenen Regeln.Lang's Colloquia dürfen nicht fünf Jahre⸗ lang die Vorbereitung zur Lectüre des Cornel bilden.Der dritte Hauptfehler der unteren Klaſſen iſt der Mangel der Kenntniß unſerer Mutterſprache. Ohne mich in die Nothwendigkeit derſelben für das bürgerliche Leben einzulaſſen, iſt es höchſt ungereimt und widerſinnig, Kinder⸗ die Kunſtwörter und das Allgemeine aller Sprachen zuerſt an einer todten und an ſich ſchweren Sprache zu zeigen. Wie viel vernünftiger wäre es, ſie erſt die Grundſätze ihrer Mutterſprache zu. lehren, ſodann die lateiniſche Sprache mit ihr zu vergleichen und die Abweichungen zu bemerken. Hierzu wäre es nöthig, daß ein verbeſſerter Auszug aus Gottſched'sKern der deutſchen Sprachkunſt gemacht und ſolcher in den unteren Klaſſen eingeführt würde. Wie lange wollen wir uns auch in dieſem Stücke von anderen vernünftig eingerichteten Schulen, die die Mutterſprache mit ganz anderem Eifer betreiben, beſchämen laſſen? Röchling tadelt den Unterrichtsplan auch deshalb, weil in den Unterklaſſen Naturgeſchichte, Hiſtorie und Geographie theils gar nicht, theils, nämlich die Geographie, in Tertia alle 34 Wochen eine Viertelſtunde tractirt werde. Die Schüler lernten in 35 Jahren meiſtens nichts als ein wenig elendes Latein; allein die mit ſo vielem Schweiß erworbenen Kenntniſſe im Latein würden dann raſch vergeſſen, und die nach dem Beſuch der unteren Klaſſen abgehenden Schüler blieben im Rechnen und im Schreiben von Briefen und Aufſätzen, in Naturgeſchichte, Geſchichte und Geographie zugleich unwiſſend.Werden denn dadurch nützliche Bürger für den Staat gebildet? Wie lange wollen wir uns auch hierin von den meiſten Schulen unſrer Nachbarſchaft beſchämen laſſen? Ebert's Unterweiſung in den nöthigſten Wiſſenſchaften empfiehlt Röchling als Handbuch für den realiſtiſchen Unterricht der unteren Klaſſen.

Röchling warnt vor allzufrüher Aufnahme in die unterſte Klaſſe. In den erſten zwei Jahren will er keine lateiniſche Exercitien ſchreiben laſſen; für die oberſten Schüler der Quarta.