212 Die ſchönen Wiſſenſchaften oder die Philoſophie des Geſchmacks als Endzweck der Schule.
wird täglich in dem Franzöſiſchen unterrichtet, hat alſo in der Woche ſechs Stunden franzöſiſchen Unterricht; und dann wird in der ſiebenten und achten Klaſſe auch der theoretiſche Theil der Sprache dem praktiſchen beigefügt.“(S. 52—53.) Die griechiſche Sprache ſchließt die Reihe. „Man wird ſich damit begnügen, der achten und letzten Klaſſe durch 3 Stunden in jeder Woche ſoviele Begriffe von dieſer Sprache beizubringen, als die Schüler nöthig haben, um griechiſch zu leſen und mit Hilfe eines Wörterbuchs das Geleſene zu verſtehen(!2) und alſo in den Stand zu kommen, ſich darin künftig, wenn es ihr Beruf erfordert, durch eigenen Fleiß zu vervollkomm⸗ nen“(21).(S. 54.) Der Lehrplan empfiehlt den Mittelſchulen, ihren gereiften Schülern Sinn und Verſtändniß für die ſchönen Künſte und Wiſſenſchaften bei der Behandlung der zu leſenden Schriftſteller zu eröffnen und bei der Lectüre eine geiſt⸗ und geſchmackvolle Erklärung, welche die Regeln des Schönen nachweiſt, walten zu laſſen.„Diejenigen Wiſſenſchaften, welche den allgemeinen Begriff des Schönen, Angenehmen und Rührenden unterſuchen und beſtimmen, welche die Regeln der ſchönen Künſte daraus ableiten und nach deren Maßgebung die Schönheit der Kunſtwerke prüfen lehren, ſind die ſchönen Wiſſenſchaften oder die Philoſophie des Geſchmacks. Die Sitten, der Verſtand, die Beurtheilungskraft, das Gedächtniß und das Herz werden durch ſie vorzüglich beleuchtet und in jeder feinen Empfindſamkeit geübt, welche eigentlich die Grundlage eines ſchätz⸗ baren Charakters ausmacht. Der Endzweck ihrer Lehre iſt die Bildung eines reinen und richtigen Geſchmackes und die Erregung der Empfindſamkeit für das wahre Schöne.“ Dieſer Aufgabe unter⸗ ziehen ſich Stiliſtik, Poetik, Rhetorik und die Kunſtgeſchichte überhaupt. Bei der Lectüre der deutſchen, lateiniſchen und franzöſiſchen Schriftſteller ſoll der Kunſtſinn gebildet werden und über das Schöne praktiſch philoſophirt werden, ſo daß dem Schulſtudium mit den ſchönen Wiſſenſchaften gleichſam die Krone aufgeſetzt werde. Der Lehrplan regt deshalb an, in Erwägung zu ziehen, worauf in äſthetiſcher Hinſicht bei der Lectüre der Geſchichtſchreiber, Redner, Dichter und Philo⸗ ſophen zu ſehen ſei.„Die Zeichnung der Charaktere bei Leſung der Geſchichtſchreiber nebſt den dabei vorkommenden Maximen und Erwägungen, die nach den Grundtrieben der menſchlichen Natur erklärt und bis auf ihre eigentliche Entſtehung zergliedert werden müſſen, dient Jünglingen zu einer praktiſchen Logik, deren Theorie ohnehin nicht die Lehre iſt, Vernunft zu erwerben, ſondern nur zu wiſſen, wie die Vernunft, welche man ſchon beſitzet, in ihren Schlüſſen zu Werke geht. Bei Leſung der Redner kann die Aufmerkſamkeit auf die Ueberführungsmittel zu der für das allge⸗ meine Beſte oft ſo nothwendigen Ueberzeugung des menſchlichen Verſtandes, Lenkung des Willens und Gewinnung der Herzen; und bei der Leſung der Dicchter kann die Betrachtung des Kunſtwerks der Rührung von nicht geringer Wirkſamkeit ſein. In Betracht der Leſung der Weltweiſen verſteht ſich die Sache von ſelbſt. Es ſcheint überflüßig, umſtändlicher zu beweiſen, wie viel Stoff und Gelegenheit ſich hier einem Lehrer, der philoſophiſch denkt und empfindet, darleget, ſeinen Schülern, noch ehe ſie die Theorie kennen, eine praktiſche Weltweisheit ein⸗ zuflößen.“(S. 54— 65.) Statt der fünf Klaſſen der Studia inferiora der Jeſuiten richtete Emmerich Joſeph acht halbjährige Curſe ein, damit nicht der fleißige Schüler mit dem unfleißigen, der lebhafte Geiſt mit dem langſamen ein ganzes Jahr hindurch gefeſſelt bleiben müſſe. Alle Halbjahre wird verſetzt, damit der talentvolle Schüler vorwärts eilt, der nachläſſige den Curſus wiederholt. Jede Klaſſe hat täglich fünf Unterrichtsſtunden. Es werden öfters abendliche Privat⸗ lehrſtunden, Prüfungen und Wiederholungen angeſtellt. In einer Klaſſe und in einer Lehrſtube werden nie mehr als 25 oder 30 Schüler verſammelt. Das Fachſyſtem wird in der Weiſe durch⸗ geführt, daß für jede Gattung des Unterrichts ein beſonderer Profeſſor angeſtellt wird. Dieſe Lehrer werden auf Grund des Fachſyſtems nur in ihrem Fache, nicht bald in dieſem, bald in jenem


