Jahrgang 
1906
Einzelbild herunterladen

Aufgabe und Methode für den Sprachunterricht der Lateinſchule Emmerich Joſephs. 211

nur der große Einfluß, welchen ſie auf die täglichen Vorfälle des Lebens hat, ſondern auch die Richtigkeit im Denken, welche ihr Werk iſt, erfordern, daß ſie mit Schülern, die ſich den Studien widmen, ausführlich und ſyſtematiſch abgehandelt und gleich bei deren Eintritt in die Mittelſchulen angefangen werde.(S. 29.)Die Mittelſchulen ſind der Ort, an dem die Sprachen mit großem Fleiße und durch Hülfe einer ächten Methode erlernt werden müſſen. Was in dieſem Stücke hier nicht geſchieht, das geſchieht gemeiniglich niemals. Der Geiſt des Jünglings iſt in dem Alter, in welchem er dieſe Schulen beſucht, bei den Kräften eines freien Gedächtniſſes, zur Sprachenkunde am beſten aufgeleget. Alles kommt nur allein darauf an, daß die Sache auf eine vernünftige Art unternommen und zu einem gemeinnützigen Endzwecke geleitet werde. Von einem, der ſich dem gelehrten Stande widmet, wird gefordert, daß er die deutſche Mutterſprache regelmäßig ſpreche und ſchreibe, daß er in der lateiniſchen Sprache Geiſt und Worte der beſten Schriftſteller verſtehe, eigene lateiniſche Aufſätze ohne Einfluß deutſcher Sprachwendungen verfaſſen und ſich auch mündlich gut ausdrücken könne, und daß er endlich die franzöſiſche Sprache rein, fließend und nach dem ihr eigenen Accente ſowohl ſpreche als nach den Muſtern der beſten franzöſiſchen Schriftſteller ſchreibe Nützlich iſt ferner einem jedem, ja auch verſchiedenen nöthig, das Griechiſche leſen zu können und mit Hülfe eines Wörterbuchs zu verſtehen. Das Verſeſchreiben wird von niemand, und das ſog. Chrieen⸗ und Orationenmachen von 15⸗ oder 16-jährigen Jünglingen nicht gefordert, weil die Vernunft überzeugt, daß Poet und Redner zu ſein einen reiferen Verſtand, eine geübte philoſophiſche Beurtheilung und einen großen wiſſenſchaftlichen Vorrath zur Grundlage vorausſetze.(S. 3941.) Jeder, der ſich der Irrwege, die er ſelbſt gewandert iſt, erinnert, wird den Beifall dem unum⸗ ſtößlichen Grundſatze nicht verſagen, daß alle Grammatiken von dem erſten Unterrichte in einer Sprache gänzlich zu entfernen und erſt dann vorzulegen ſeien, wenn der Schüler in der neuen Sprache ſchon mit einiger Feſtigkeit bewandert und eine beträchtliche Zeit hindurch darin geübet iſt.

Für die Mutterſprache ſind in den vier unterſten Klaſſen, alſo für die Zeit von zwei Jahren, wöchentlich ſechs Stunden vorgeſehen. Das Lateiniſche wird in der unterſten oder erſten der halb⸗ jährigen Klaſſen begonnen; wöchentlich werden zwölf Stunden darauf verwendet.Von der Lehrar der lateiniſchen Sprache: Es werden zwölfjährigen Schülern gleich anfänglich a. die kürzeſten und leichteſten Stellen aus klaſſiſchen Schriftſtellern mündlich verdeutſcht, b. dieſelben angewieſen, die in dem Text vorkommenden Wörter und kleineren Redensarten nach und nach ihrem Gedächtniß einzu⸗ prägen, c. bei dieſer Verdolmetſchung wird man denſelben die grammatiſchen Regeln, ſo wie ſie zufälliger Weiſe vorkommen, bemerken, d. eine Tabelle über die Abänderung der Hauptwörter und Zeitwörter vor die Augen heften, e. hierbei immer die Präciſion oder das Eigene der Ausdrücke und die Gewißheit, daß es in keiner Sprache wahre Synonyma gebe, wohl bezeichnen, f. die Schüler, ſobald es thunlich iſt, zum Lateinreden anführen. Für die Leſung der Schriftſteller wird eine geiſtvolle Methode empfohlen, diebewirkt, daß der Schüler auf den in Wahrheit unſchätzbaren Schriftſteller nicht mehr, wie vorhin, mit einem verachtenden Auge zur Seite dahin ſieht. Indem das Leſen, Ueberſetzen, Sprechen und Memoriren die Grundlage des lateiniſchen Unter⸗ richts bildet, ſchließt ſich daran die Theorie der Syntaxis und Zurücküberſetzungen aus der deutſchen Ueberſetzung ins Lateiniſche. Erſt nach anderthalbjährigem Schulbeſuch, d. h. in der vierten halbjährigen Klaſſe, beginnt der Unterricht in der Theorie der lateiniſchen Syntax. Der Unterricht im Franzöſiſchen beginnt nach zweijährigem Schulbeſuche in der fünften halb⸗ jährigen Claſſe. Für das Franzöſiſche wird eine Lehrart empfohlen, die der Behandlung des Lateiniſchen verwandt iſt.Die Grammaire bleibt das erſte Jahr hindurch bei Seite gelegt und wird an ihrer Statt nur allein die Routine zur Richtſchnur gewählt. Die fünfte und ſechſte Klaſſe

27*