Jahrgang 
1906
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72 Luthers Ermahnung an die Bürgermeiſter ꝛc. der deutſchen Städte, Schulen zu gründen.

ſollen ſchweigen, wo ich Menſchengebot mehr, denn Gott geſcheuet hätte; wie denn auch viel in deutſchen Landen, beide Groß und Klein, mein Reden und Schreiben aus derſelben Sache noch immer verfolgen und viel Bluts darüber vergießen. Aber weil mir Gott den Mund aufgethan hat, und mich heißen reden, dazu ſo kräftiglich bei mir ſtehet, und meine Sache, ohne meinen Rath und That, ſo viel ſtärker macht und weiter ausbreitet, ſo viel ſie mehr toben, und ſich gleich ſtellet, als lache und ſpotte er ihres Tobens. An welchem allein merken mag, wer nicht ver⸗ ſtockt iſt, daß dieſe Sache muß Gottes eigen ſein. Darum will ich reden(wie Eſaias ſagt), und nicht ſchweigen, weil ich lebe, bis daß Chriſti Gerechtigkeit ausbreche, wie ein Glanz, und ſeine heilwertige Gnade wie eine Lampe angezündet werde. Und bitte nun euch alle, meine lieben Herrn und Freunde, wollet dieſe meine Schrift und Ermahnung freudig annehmen und zu Herzen faſſen. Denn ich ſei gleich an mir ſelber wie ich ſei, ſo kann ich vor Gott mit rechtem Gewiſſen rühmen, daß ich darinnen nicht das meine ſuche, ſondern meine es von Herzen treulich mit euch und ganzem deutſchen Lande, dahin mich Gott geordnet hat, es gläube oder gläube nicht wer da will. Und will eure Liebe das frei und getroſt zugeſagt und angeſagt haben, daß, wo ihr mir hierin gehorchet, ohne Zweifel nicht mir, ſondern Chriſto gehorchet: und wer mir nicht gehorchet, nicht mich, ſondern Chriſtum verachtet. Derohalben bitte ich euch alle, meine lieben Herren und Freunde, um Gottes willen und der armen Jugend willen, wollet dieſe Sache nicht ſo geringe achten, wie viele thun, die nicht ſehen, was der Welt Fürſt gedenket. Denn es iſt eine ernſte und große Sache, da Chriſto und aller Welt viel anliegt, daß wir dem jungen Volke helfen und rathen. Damit iſt dann auch uns und allen geholfen und gerathen. Liebe Herren, muß man jährlich ſo viel wenden an Büchſen, Wege, Stege, Dämme und dergleichen unzählige Stücke mehr, damit eine Stadt zeitlichen Frieden und Gemach habe; warum ſollte man nicht vielmehr doch auch ſo viel wenden an die dürftige arme Jugend, daß man einen geſchickten Mann oder zwene hielte zu Schulmeiſtern, denn Gott der Allmächtige hat fürwahr uns Deutſchen jetzt gnädiglich daheim geſuchet und ein recht gülden Jahr aufgerichtet. Da haben wir jetzt die feinſten, gelehrteſten jungen Geſellen und Männer, mit Sprachen und aller Kunſt gezieret, welche ſowohl Nutz ſchaffen könnten, wo man ihr brauchen wollte, das junge Volk zu lehren. Iſts nicht vor Augen, daß man jetzt einen Knaben kann in dreien Jahren zurichten, daß er in ſeinem fünfzehnten oder achtzehnten Jahre mehr kann, denn bisher alle Hohe Schulen und Klöſter gekonnt haben? Ja, was hat man gelernt in Hohen Schulen und Klöſtern bisher, denn nur Eſel, Klötze und Blöche werden? Zwanzig, vierzig Jahre hat einer gelernet und hat noch weder Lateiniſch noch Deutſch gewußt. Aber nun uns Gott ſo reichlich begnadet, und ſolcher Leute die Menge gegeben hat, die das junge Volk fein lehren und ziehen mögen, wahrlich ſo iſts noth, daß wir die Gnade Gottes nicht in Wind ſchlagen, und laſſen ihn nicht umſonſt anklopfen. Er ſtehet vor der Thüre; wohl uns, ſo wir ihm aufthun. Er grüßet uns, ſelig der ihm antwortet. Verſehen wirs, daß er vorübergehet, wer will ihn wiederholen? Laſſet uns unſern vorigen Jammer anſehen, und die Finſternis, darinnen wir geweſen ſind. Ich achte, daß Deutſchland noch nie von Gottes Wort ſo viel gehört habe als jetzt; man ſpüret je nichts in der Hiſtorie davon. Laſſen wirs denn ſo hingehen ohne Dank und Ehre, ſo iſts zu beſorgen, wir werden noch greulichere Finſternis und Plage leiden. Lieben Deutſchen, kaufet, weil der Markt vor der Thür iſt, ſammelt ein, weil es ſcheinet und gut Wetter iſt, brauchet Gottes Gnade und Wort, weil es da iſt. Denn das ſollt ihr wiſſen, Gottes Wort und Gnade iſt ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal geweſen iſt. Und ihr Deutſchen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben werdet; denn der Undank und Verachtung wird ihn nicht laſſen bleiben. Darum greifet zu und