60 Die Evangeliſchen der Reichsſtadt Worms ohne Prediger 1548—1552.
Als deswegen die Bürger eine Zeit lang keine Prediger gehabt hatten, wurde am 8. Oct. 1548 der Städtmeiſter Chriſtoph Klohe, Matthias Scherer, Georg Hoch jun., Martin Albrecht ꝛc. zu Biſchof Heinrich nach Ladenburg geſchickt, der ſie dort in Beiſein des Doctors Lucas Hugo an⸗ hörte. Die Geſandten baten ſehr inſtändig, weil das gemein Volk der Stadt Worms ohne Prediger und ohne Ausſpendung der Sacramente„zerſtreuet ginge“, und die Pfarrer in den biſchöflichen Pfarren nicht zum beſten ſeien, ſo wolle ſeine Gnade in Kraft des ihm eigenen Amts und in deſſen Votlmacht bei der Cleriſei veranlaſſen, daß die Pfarreien mit geſchickten, ge⸗ lehrten, frommen Pfarrherrn und Predigern verſehen würden, die das arme gemeine Volk dem Interime gemäß durch Predigen und Darreichung der Sacramente befriedigen möchten. Denn die jetzigen Pfarrer verhielten ſich bei lihren Predigten, Kindtaufen und bei andren Gelegenheiten in ſpöttiſchen Reden ſehr unbeſcheiden gegen die Bürgerſchaft, und nicht, wie friedliebenden Lehrern gebühre. Darauf erfolgte die Antwort: Wiewohl dem Domſtift Hadamarius angehöre, ein ge⸗ lehrter und frommer Mann, mit dem man ſich wohl vertragen könne, ſo wolle man ſich doch die Sache angelegen ſein laſſen.— Am letzten October 1548 wurde dem Rath durch Peter Nagel, Amtmann zu Dirmſtein, und Pankratius Diel, Vicarius in spiritualibus und Canonicus zu Neuhauſen, die biſchöfliche Entſcheidung eröffnet.„Bei allen Stiften ſeien Erkundigungen einge⸗ zogen worden, wie es um die Pfarren zu Worms ſtehe. Das Ergebniß ſei, daß zur Zeit der Empörung der Bauern die Verwaltung dieſer Pfarreien der Kirche entzogen worden ſei. Und obwohl man geneigt geweſen ſei, in dieſen Pfarren Pfarrherrn aufzuſtellen, mit denen man hätte zufrieden ſein können, ſo hätten doch ſolche den neuen Predigern gegenüber keine Stellung finden können. So habe der Rath ſelbſt Hinderniſſe bereitet. Deshalb ſolle der Rath die Pfarreien wieder in integrum reſtituiren, dann wolle der Biſchof bewirken, daß an Pfarrern kein Mangel ſei.“ So war alſo das Verlangen geſtellt, daß die Stadt Worms ihre Zugehörigkeit zu den biſchöflichen Pfarreien zugebe.*) „Es wurden die Papiſtiſchen Pfarrherrn(1549) in ihren Pfarren ſo frech und tollkühn, daß ſie freventlich ausſagten, die Kinder, die von den Lutheriſchen getauft worden, ſeien nicht recht voll⸗ kommen getauft“. Der Chroniſt erzählt von einem Falle dieſer Art, wie ein lutheriſches Kind, das„zu den Predigern“ getauft worden war, von einem papiſtiſchen Geiſtlichen nochmals mit allen Ceremonien getauft wurde.**) Dieſen Zuſtand mußten Rath und Bürgerſchaft, während ſie keine Geiſtlichen hatten, geduldig ertragen. Der Chroniſt erzählt darüber Folgendes.„Nachdem Herr Leonhard und Hieronymus ihren Abſchied von Worms genommen, waren die Bürger in der Stadt eine gute Zeit ohne Prediger. Sie hatten niemand, als die Pfarrer in den Stiften, dort konnten ſie die Predigt hören und, wer wollte, zum Nachtmal gehen. Die Kinder aber mußten ſie daſelbſt taufen laſſen; und die Kinder vieler Bürger, die nicht papiſtiſch waren, wurden damals in den papiſtiſchen Pfarreien von deren Inhabern getauft. Weil aber zu Heppenheim auf der Wieſen und Horchheim zwei Pfarrer waren, die es etwas beſſer, als die zu Worms machten, ging eine große Anzahl Bürger Sonntags hinaus zur Predigt, und zwar ſo lange, bis es den Reichsſtädten in Folge des Religionsfriedens wieder erlaubt war, Prediger der Augsburgiſchen Confeſſion anzunehmen“.***) *) Handſchrift F der Zorn'ſchen Chronik, Fol. 372, 373.
**) Handſchrift F der Zorn’ſchen Chron., Fol. 373.
***) Handſchrift F der Zorn'ſchen Chronik, Fol. 374, 375. Die in dieſer Handſchrift, Fol. 339— 390 ent⸗ haltene und vorliegender Darſtellung zu Grunde gelegte Geſchichte der Wormſer Kirchenreformation iſt bis zum Jahre 1600 geführt und ſpricht zuletzt über die evangeliſchen Pfarrer der Stadt Worms Veit Reißner,
M. Andreas Wilk, M. Hermann Wacker und M. Georg Rhenlin und von der Ordnung der Predigten, die dieſelben an gewiſſen Tagen und zu beſtimmten Zeiten in den Kirchen zu St. Magnen“ und


