Jahrgang 
1906
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54 M. Leonhard Brunner erhält an Sitzingers Stelle diePrädicatur der Bürgerſchaft 1527.

alle theologiſchen und kirchlichen Streitpunkte, die zwiſchen ihm und dem Kapitel beſtehen, unter fortwährender Bezugnahme auf die heilige Schrift. Seine Vertheidigungsſchrift hat zwar als das ebenſo wohlbegründete wie freimüthige Bekenntniß desjenigen evangeliſchen Predigers der Stadt Worms, der, wie es ſcheint, die erſten Verfolgungen der römiſchen Geiſtlichen zu ertragen hatte, ein beſonderes Intereſſe; allein eingehender Bericht über Sitzingers theologiſche Rechtfertigungs⸗ ſchrift, die über 24 eng geſchriebene Seiten von Großfolioformat einnimmt, iſt an dieſer Stelle nicht geſtattet. Sitzinger ſchließt ſeine Apologie mit folgender Anrede an den Rath:Gnädige Herren, bitt' um Gottes und der Wahrheit willen, wöllen mein lang, doch nothwendig Schreiben nicht zu Ungnaden aufnehmen. Denn weil ich ſo unbillig um chriſtlicher That und Wahrheit willen vor Euch als ſträflich angebracht werde, habe ich ſolches mit gutem Wiſſen nicht unverantwortet laſſen können, hab meiner That und Lehre halben Urſach und Grund aus göttlicher Schrift anzeigen müſſen, damit Gottes Werk, Ordnung, Gebot und ſein heiliges Evangelium ich nicht alſo ſchänden, läſtern und unterdrücken helfe, ſondern, was Gottes Lob und Preis iſt, retten, vertheidigen und bekennen helfe, wie ein Chriſt ſchuldig iſt. Sitzinger bittet endlich, daß das Kammergericht ihn in ſolchem ehrbaren und chriſtlichen Fürnehmen beſchütze und handhabe. Sitzingers Apologie iſt das letzte Schriftſtück des beſprochenen Proceſſes; eine Verurtheilung, Freiſprechung oder Ueberweiſung desſelben an das Gericht der Stadt Worms ſcheint nicht erfolgt zu ſein. Wie in Betreff des Pfarrhauſes, das er bewohnte und für hundert Gulden erkauft zu haben behauptete, entſchieden wurde, wer den Ur⸗ theilsſpruch that oder ob die Sache durch Vergleich oder durch Herausgabe des Hauſes erledigt wurde, iſt gleichgülſtig und von geringer Bedeutung. Aber Thatſache iſt es, daß Sitzinger ſeit dem Jahre 1527, in dem zuerſt das Andreasſtift bei dem Rath zu Worms gegen ihn klagte, vom evangeliſchen Predigeramt zu Worms zurücktrat und einen Nachfolger in der Perſon des Elſäſſers Leonhard Brunner erhielt. Die Chronik, die uns ſonſt immer erzählt, wohin bedeutendere Prediger zogen, wenn ſie in ſchwieriger Lage Worms verließen, erzählt nicht, daß Sitzinger Worms verlaſſen. Sollte er einer der erſten Lehrer der lateiniſchen Schule geworden ſein?Als es aber Ulrich Sitzingers Gelelegenheit, die Kinder länger zu taufennit war erzählt der Fortſetzer der Chronik in der Handſchrift F(S. 360.) wurde ein Geiſtlicher Namens Friedrich Bauer dazu beſtellt, dieſen geiſtlichen Dienſt in den Häuſern zu verrichten,bis ſich die vom Rath verordneten Prädi⸗ canten deſſen auch in der Kirche haben unterfangen dürfen. Es iſt oben erwähnt worden, daß den Mitgliedern des Raths Wonſam, Krapff und von Mos die Weiſung geworden, ſich nach einem tüchtigen Mann umzuſehen, damitdie Kanzel allhie recht verſehen würde. Als ſich dieſelben bei etlichen Gelehrten umgethan, um eine tüchtige Perſönlichkeit der Stadt Worms zu beſtellen, wurde ihnen von Doctor Caspar Hedio und Doctor Wolf Capito,) Predigern zu Straßburg, der Magiſter Leonhard Brunner, ein Elſäſſer, empfohlen. Derſelbe war nicht verheirathet und verehelichte ſich erſt im Jahre 1532. Darauf wurde er nach Worms berufen; und als er ſich in einer Probepredigt hatte hören laſſen und der Bürgerſchaft gefallen, auch Mittwoch nach Sixti(1527) mit ihm verhandelt worden,iſt er angenommen und ihm uff gewiſſe Beſtallung diePrädicatur der Bürgerſchaft befohlen worden, nämlich, daß er zwo Predigten, eine am Sonntag vor Mittag, die andre am Mittwoch, wo kein Feiertag in der Woche einfiele, jährlich umb 60 Gulden thun ſollt, welches er alſo gutwillig einging. Dieſen Prediger haben die Papiſten die Eul genannt und geſagt:Der Kautz iſt aus dem Neſt getrieben worden, jetzt

*) Ueber Dr. Caspar Hedio und Dr. Wolfgang Capito vgl. Saligs Hiſtorie der Augsburg. Confeſſ. S. 55, 64, 72, 143, 422.