Sitzingers Selbſtvertheidigung. 53
lungen, wie der Taufe, ab, indem ſie wiederholt behaupten, daß Sitzinger beſonders durch die Ehe ſeine geiſtliche Würde eingebüßt habe. Er ſei ein Apoſtata, der ſeine prieſterliche Gelübde nicht gehalten.„Wenn aber Sutzinger ſagt, er tauf aus Befehl und als ein beſtellter Geiſtlicher derer von Worms, ſo ſagen wir: wir ſinds nit geſtändig, daß er einen Befehl zum Taufen hab von einem ganzen Rath, und wenn er auch von einem ganzen Rath Befehl hätte— wie er doch nimmer darthun mag— ſo iſt doch wahr, daß ein ehrbarer Rath deß nit Macht hat, noch Macht hat, ihm zum Taufen Gewalt zu geben; denn das ſteht dem Biſchof zu. Wie einem Laien iſt ihm, anders, als in der höchſten Noth zu taufen, verboten“.„Darum iſt des Sutzingers eigenwillig vorgenommen Taufen nichts anders, denn eine Zerrüttung, Zertrennung, Zweiſpaltung in der Kirche“. Dieſe Erörterungen des Stiftscapitels, die nur die herkömmlichen Anſchauungen der päpſtlichen Kirche wieder⸗ holten, veranlaßten Sitzinger, der in ſeiner Vertheidigung auf dem Boden der heiligen Schrift ſtand, in einer umfangreichen und gelehrten Vertheidigungsſchrift zu beweiſen, daß ſeine Ehe ihm nicht die Würde eines chriſtlichen Predigers geraubt habe und daß er berechtigt ſei zu taufen und eine chriſt⸗ liche Gemeinde als Seelſorger zu berathen. Dem Vorwurf des Capitels, daß ſeine Vertheidigungs⸗ ſchrift aus der Schule der Lutheriſchen und der Anhänger der verdammten Lehre derſelben zuſammen⸗ geleſen ſei, begegnet er mit der Erklärung, daß ſeine Vertheidigung aus der heiligen, göttlichen Schrift genommen ſei, was er allen, die der heiligen Schrift erfahren ſeien, zu ermeſſen gebe. „Werd ich ein Apoſtata genannt, der ſeine prieſterliche Gelübde nit halt: ſag ich zu ſolchem, daß unchriſtliche Gelübde halten, große Sünde iſt“.„Aus Sprüchen der göttlichen Schriften iſt klar und genugſam angezeigt, daß ich und alle Menſchen, Niemand ausgeſchloſſen, Macht haben, zu der Ehe zu greifen, und daß Niemand Macht hat, ſolches zu verbieten oder zu wehren; er würde anders vom heiligen Paulo ein Teufelslehrer geſcholten, 1. Thim., Cap. 3 und 4.*) Solcher Sprüche habe ich aus Gottes Gnaden gelebt. Wiewohl meine Kläger die Ehe aufs Höchſte ſchänden, können ſie ſolchem Gebot oder der eingepflanzten Natur nicht widerſtehen, das beweiſet ihr Haushalten ꝛc., wiewohl ſolches geſchieht wider Gottes Gebot, Gottes Ordnung, Gottes Wort, in größten Sünden und Schanden, zum Aergerniß der ganzen Welt.. Das groß und lang Geſchwätz der Gegner vom ordentlichen Wandel und Weſen unter den Chriſten weiß ich von Gottes Gnaden ſelbſt wohl. Denn wiewohl alle Chriſten Prieſter ſind— 1. Petr. 2. 1—5.— müſſen doch die Aemter des Worts und des Taufs etlichen beſonders befohlen werden. Es bedarf aber ſolcher Beruf keines Scherens, Schmierens noch Larvenſpiels, davon die heilig Schrift gar nichts weiß, ſondern der Salbung von oben herab, 1. Joh. 2. 27. Von meinem Beruf ſag ich: Ich bin von ordentlicher chriſtlicher Obrigkeit zu meinem Amt berufen, die ſolches für ſich und eine ganze Gemeinde gethan; und ich hab mich nicht ſelbſt ein⸗ gedrungen. Es iſt auch von Gottes Gnaden aus meiner Lehre keine Untugend, kein Irrthum hervorgegangen, daß aber Irrthum und Zwieſpalt in der Chriſtenheit ſind,„kann ich nit für“. Die göttliche Wahrheit iſt öffentlich an den Tag gebracht. Daß etliche darüber zürnen, iſt ihre Schuld. Warum nehmen ſie es nicht mit Dank an und beſſern ſich?“ Sitzinger unterſucht nun
*)„Das iſt je gewißlich wahr, ſo jemand ein Biſchofsamt begehret, der begehret ein köſtliches Werk. Es ſoll aber ein Biſchof unſträflich ſein, Eines Weibes Mann, nüchtern, mäßig, ſittig, gaſtfrei, lehrhaftig“. Cap. 3. 1— 2.„Der Geiſt aber ſagt deutlich, daß in den letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhangen den verführeriſchen Geiſtern und Lehren der Teufel; durch die, ſo in Gleißnerei Lügenredner ſind und Brandmal in ihrem Gewiſſen haben, und verbieten ehelich zu werden und zu meiden die Speiſe, die Gott geſchaffen hat, zu nehmen mit Dankſagung, den Gläubigen und denen, die die Wahrheit erkennen. Denn alle Creatur Gottes iſt gut, und nichts verwerflich, das mit Dankſagung empfangen wird. Denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet“. Cap. 4. 1—5.


