Jahrgang 
1906
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52 Vertheidigung Sitzingers durch deſſen Anwalt Dr. Chriſtoph Hoß.

Solche Roheit, gegen einen Mann ausgeſprochen, den man vermittelſt des kaiſerlichen Mandats um das vom Rath der Stadt Worms übertragene Amt, um ſein Brot und ſeine geiſtliche Würde zu bringen ſuchte, veranlaßte natürlich eine entſprechende Erwiderung. Sitzingers Anwalt Dr. Chriſtoph Hoß antwortet am 21. Sept. 1528 in der am 28. desſ. Mts. dem Reichskammergericht über⸗ gebenen Vertheidigungsſchrift im Namen des Beklagten auf die von dem Stift und ſeinem Syndicus gegen denſelben ausgeſprochenen Verunglimpfungen:Dechand und Kapitel ſollten ſolche Klage unterlaſſen haben, denn ſie reden und erdichten ſolches wider ihr eigenes Gewiſſen. Sie hätten ſich ſelbſt an⸗ ſehen ſollen; denn ſie ſind diejenigen, die Gottes Wort, Satzung, Ordnung und Gebote nicht halten, auch nicht ihr eignes geiſtliches Recht; auch leben ſie nicht gehorſam der zu Worms von ihrer Obrigkeit öffentlich angeſchlagenen Verordnung, die Fernhaltung der verdächtigen und ſchlechten Perſonen*) betreffend. Gottes Wort wollen ſie nicht hören, noch wiſſen, ſondern ſie verfolgen daſſelbe. Sagt man ihnen von ihren geſchriebenen Rechten, ſo iſt von Stund an die Antwort da: wir ſind Herren, wir haben Macht zu thun und zu laſſen, wie es uns gefällt. Wer wills uns wehren? Sie haben ein geſchrieben Recht: Si clerici moniti concubinas non dimittunt, suspendi debent a beneficiis et si se non corrigunt, deponi debent! Dieſes Recht wollen ſie nicht halten. Aber da iſt kein Executor vorhanden. Als dann Sutzinger ein ehrlich Weib genommen und zu haben bekennt, da iſt die Welt auf, wider den zu zielen und zu ſchießen; der muß der Welt zum Raub daſtehen, weil er vom Böſen iſt abgewichen und nicht mit andern in ihrem unordentlichen Weſen wandeln will. Gott ſei's geklagt, daß die Ehe verfolgt und Schlechtigkeit*r*) geehrt wird und unbeſtraft bleibt. Und wenn die Kläger, um den Beklagten zu verunglimpfen, ſchreiben, Sutzinger taufe mit ſchlechtem Waſſer, wider chriſtliche Satzung, und wenn die Kläger nicht wiſſen, ob es ſei Brunnen⸗, Bach⸗, Rhein⸗, Pfutzen⸗ oder Pfuhlwaſſer, ſo erklärt der Anwalt, daß Sutzinger taufe mit Waſſer nach Chriſti unſers lieben Herrn und Seligmachers Einſetzung, wie auch ſeine Jünger getauft haben: bitt, die Kläger wollen, um chriſtlicher Lieb willen, leſen das acht Capitel der Apoſtelgeſchichte und ſehen, was für ein Waſſer geweſen ſei, darin ſanctus Philippus getauft; ſo werden ſie ſehen, mit was für Waſſer man taufen ſoll. Und ſagt Anwalt weiter, Sutzinger taufe nicht ohne Befehl und unberufen, ſondern ſei zu ſolchem Amt durch einen ehrſamen Rath zu Worms, ſeine gebietenden Herrn, gebeten und beſtellt worden. Es erbeut ſich auch Sutzinger nochmals vermöge des Speieriſchen Abſchieds ſeiner Lehr und Handlung halben und daß er ſich in ehelichen Stand gethan, vor einem freien chriſtlichen Concilium oder Nationalverſammlung Rede und Antwort zu geben mit der Bitte, ihn bei ſolchem Speieriſchen Abſchied zu laſſen. Der Anwalt ſtellt endlich den Antrag: weil Sutzinger der Stadt Worms Einwohner ſei und hinſichtlich ſeines Wohnorts keinen anderen Oberen, als den Rath zu Worms habe, ſo erbitte ſich Sutzinger als ſeinen ordent⸗ lichen Richter den Rath der Stadt Worms. Alſo von Schultheiß und Schöffen des Stadtgerichts ſoll entſchieden werden über das von Sutzinger bewohnte Haus, die Zahlung von Zins u. A. Dieſe Vertheidigung Sutzingers erklären nun Dechant und Capitel für eine ſchmähliche, ſchimpfliche und unchriſtliche Schrift, die Sutzinger, der abtrünnige Prieſter, ohne Zweifel aus der Schule der Lutheriſchen und der Anhänger der verdammten Lehre derſelben zuſammengeleſen. Dechant und Capitel bekämpfen mit den bekannten Behauptungen der römiſchen Kirche die von Sitzinger vertretene chriſtliche Lehre vom allgemeinen Prieſterthum der von Gott ſelbſt zu ſeiner Kindſchaft berufenen Menſchen, ſprechen ihm den geiſtlichen Character und das Recht zur Ausübung geiſtlicher Hand⸗ *) Bezüglich des Wortlauts iſt das Actenſtück nachzuleſen, da Bedenken getragen wird, die ſchwere Anklage hier mit nackten Worten auszuſprechen. **) Milderer Ausdruck ſtatt des Originals.