38 Aufruhr der Wormſer gegen die biſchöfliche Geiſtlichkeit im Bauernkriege 1525.
Wie hoch die Wogen der religiöſen und kirchlichen Streitigkeiten in Worms ſchon in den Jahren 1524, 1525 und 1526 gingen und wie Rath und Gemeinde es nicht verſchmähten, die Noth, in welche das Bisthum durch den pfälziſchen Bauernkrieg gerathen war, für ihre politiſchen und kirchlichen Zwecke auszubeuten, erhellt aus den Chroniken und mehreren Urkunden. Das Bis⸗ thum Worms, von Pfälziſchen Landen eingeſchloſſen, wurde durch den Aufſtand der Pfälziſchen Bauern in hohem Grade bedroht; denn der Bruder des Wormſer Biſchofs Heinrichs IV., der zugleich Biſchof in Utrecht geworden, Kurfürſt Ludwig V. von der Pfalz zögerte lange, gegen ſeine aufrühreriſchen Landeskinder mit blutiger Strenge einzuſchreiten, da er erkannte, daß viele Forderungen der Bauern berechtigt ſeien, welche die reine Auslegung der heiligen Schrift, freie Wahl ihrer Geiſtlichen, Beſeitigung der Leibeigenſchaft, Erleichterung von Frohnden und Feudallaſten, Abſchaffung des kleinen Zehnten, Benutzung der Jagd und Fiſcherei ꝛc. beanſpruchten, indem ſie ſich darauf beriefen, daß alle Menſchen gleich berechtigte Kinder Gottes ſeien. Die Aufſtändigen erklärten feierlich, daß „die Bauern, die in ihren Artikeln ſolches Evangelium zur Lehr und zum Leben begehren, nicht vermögen ungehorſam oder aufrühreriſch genannt zu werden“.„Wenn aber Gott die Bauern erhören will, wer will den Willen Gottes tadeln? Ja, wer will ſeiner Majeſtät widerſtreben? Hat er die Kinder Iſrael, da ſie zu ihm ſchrieen, erhöret und aus der Hand Pharaonis erlediget? Mag er nit noch heut die Seinen erretten? Ja er wirds erretten!“*) Aber ſo feierlich ſolche Rede, ſo berechtigt viele Forderungen der Bauern waren: ihre verbrecheriſchen Ausſchreitungen verſchlimmerten nur ihre eigene Lage und ſchadeten allen, die in ihre Unternehmungen verwickelt waren. In der Umgegend von Worms wütheten die Bauern im Frühjahr 1525, und beſonders im Mai und Juni; ſie zerſtörten viele Klöſter und andere geiſtliche Stiftungen, plünderten Bechtheim, Oſthofen, Weſthofen, Bensheim, Lambsheim, Freinsheim. Das kurpfälziſche Schloß in Dirmſtein beraubten ſie; andere Schlöſſer, z. B. Altleiningen, brannten ſie nieder, Neuleiningen nahmen ſie ein. Eine aufgeregte Menge, insbeſondere aus Zunftgenoſſen beſtehend, zog vor das biſchöfliche Schloß zu Worms, das damals gerade nicht von dem Biſchof bewohnt war. Der Rath ließ ein Zeichen geben, und vor verſammelter Menge zerriß und beſudelte derſelbe die Pfalzgrafenrachtung des Jahres 1519. Die Stadt verlangte vom Biſchof und Domcapitel, dieſelben ſollten dieſen Vertrag aufgeben, durch den die Stadt werthvolle Rechte eingebüßt hätte.“**) Im Jahre 1525 zerſtörten ſogar die auf⸗ rühreriſchen Bürger von Worms das vor dem Speierer Thore gelegene Kloſter Kirſchgarten und vertrieben deſſen Bewohner.
Angabe Muhls iſt von Intereſſe, was derſelbe über ſeine Sammlung von Nachrichten über die Wormſer Pfarrer ſchreibt:„Zu allem Glück beſitze ich ſchon ſeit länger als zwanzig Jahren eine alte beglaubigte Samm⸗ lung von allen evangeliſchen Stadtpredigern, die ſeit der Reformation hier gelehrt haben. Nach und nach hatte ich dieſelbe theils durch gedruckte Urkunden, theils durch die von mir an die Verwandten der verſtorbenen Prediger abgelaſſenen Schreiben und erhaltenen Nachrichten hier und da erweitert und berichtigt. Und ſo lag ſie in ihrer alten Schreibart da, in lateiniſcher und teutſcher Sprache. Da ich dieſe Sammlung einer einſichtsvollen, obrigkeitlichen Perſon zeigte, ſo wurde beliebt, daß ich dieſelbe in einem kurzen Auszug nach dem Geſchmack unſeres Zeitalters bekannt machen ſollte“. Viele Nach richten Muhls werden durch die in der Handſchrift F der Zorn’ſchen Chronik enthaltene und vorliegender Darſtellung zu Grunde gelegte Geſchichte der Wormſer Kirchenneuerungen beſtätigt.
*) Aus dem Vorwort der„gründlichen vnd rechten Haupt Artikel aller Bauerſchaft vnd Hynderſeſſen der Geiſtlichen und weltlichen oberkeyten, von welchen ſie ſich beſchwert vermeynen. ꝛec. Im XXV. Jar“. H. W. Benſen, Geſchichte des Bauernkriegs in Oſtfranken, S. 514—519.
**) Schannat, hist. episc. Worm. tom. I. p. 430. Vgl. oben die Pfalzgrafenrachtung.


