36 Luthers Troſt⸗ und Ermahnungsſchreiben„an die Chriſten zu Worms“ 1523.
führet ſind bisher(Eſaj. 9, 2. Luc. 1, 58.) Derhalben wir uns über euch und mit euch freuen, und das Opfer des Lobes und Danks Gott dem Vater aller Barmherzigkeit von Herzen opfern (Pſ. 50, 14. Pſ. 119, 12, 13, 164, 171), und bitten, daß der Gott, der ſolchs beyde in euch und uns angefangen hat, wolle ſein Herrlichkeit auch an uns allen bis ans End mehren und be⸗ halten, auf daß wir, ſeiner Gnaden neues Werk, ohn Straff und Tadel erfunden werden an jenem Tage, Amen.
Und daß wir das Unſer auch dazu thun, ſintemal wir einerley Gaben und Geiſtes theil⸗ haftig worden ſind, und in gemeinem Gute wohnen, ſollen und wollen wir eins dem andern die Hand reichen, und mit ſteter Ermahnung anhalten, und uns unter einander reizen und erwecken, den Glauben, ſo uns geben iſt, durch die Liebe kräftig und thätig zu machen, auf daß wir nicht mit der Zeit laß und ſicher werden, zuletzt auch das hohe, werthe, heilſame Wort des Evangelii fahren laſſen, und ein Ekel darob gewinnen, wie die Jüden in der Wüſten ob dem täglichen Manna überdrüſſig worden, als geſchrieben ſtehet(4. Moſ. 11, 6. Pſ. 78, 33, 35. Pſ. 106, 15.): Ihre Seele war überdrüſſig über allerlei Speiſe; damit kamen ſie hart an des Todes Thor. Wie wir auch ſehen Etliche der Unſern überdrüſſig werden, welche am neu wiederkommenden Evangelio nur den Fürwitz, als an einer neuen Zeitung, gebüßet. und mit fleiſchlicher Andacht darauf hitziglich fielen.
Aber wir, lieben Brüder, nachdem wir ſolche Tück des leidigen Feindes wiſſen, ſollen wacker ſeyn, und uns den faulen Ueberdruß nicht laſſen erſchleichen, als hätten wir des Evangelii nu genug, und wüßtens alles, und nach neuem anderm Geſchwätz und Fragen trachten, wie da thun, denen die Ohren jucken, und von der Wahrheit auf die Mährlein ſich wenden ac.(2. Tim. 4. 3, 4), denn ſie fühlen ihre Noth nicht, noch die fährlichen Strick des Satans; darumb achten ſie des täglichen Brods nicht groß und ſuchen, wo die Fleiſchtöpfen und Knoblauch in Egypten bleiben.
Ihr aber, lieben Brüder, ſeyd beſonders wohl nothdürftig, daß ihr hart an dem Evangelio der Gnaden hanget, und viel Arbeiter in der Ernten habt: denn ihr wohnet, wie Ezechiel(2, 6), unter den Scorpionen, und mit der Braut unter den Dornen, wie eine Roſe(Hohel. 2, 2), die nicht alleine mit ihrem verführeriſchen Schein des erdichten Gottesdienſt euch Aergerniß allenthalben in den Weg legen, ſondern auch mit beyderley Gewalt ihr falſche menſchliche Lehre euch eindrauen und eintreiben. Wiewohl ſie nicht mehr vermögen aufzubringen, denn daß ſie ſo herkomen und ſie alſo gewohnet ſind, und viel mit ihnen in aller Welt halten, ſo doch unſer ein klein neues Häuflein ſey, bey welchem nicht zu vermuthen ſey, die Wahrheit zu ſeyn, ſondern bei ihrem alten großen Haufen; das iſt ihrer Väter Stimme auch allzeit geweſen. Wenn ein Prophet von neuen erweckt ward und von Gott kam, mußte er dieſe Einrede hören: Ey, das Geſetz kann den Prieſtern nicht fehlen, noch der Rath den Alten, noch das Wort den Propheten. Alſo mußten die Propheten immer Unrecht haben, weil ſie anders lehreten, denn ihre vorige Propheten, Prieſter und Aelteſten gelehrt und gehalten hatten von langer Zeit her.
Obs nu euch und uns auch ſo gehet, ſoll uns nicht wundern, ſondern deſtermehr ſtärken, weil wir ſehen und greifen, daß uns über dem Wort Gottes ebenſo gehet, wie es den Propheten und Apoſteln gangen iſt(Matth. 23, 34, 37; 1. Cor. 4, 9); denn auch Chriſtus ſelbs, weil er anders lehret, denn ihre Schriftgelehrten von Alters her thäten, mußte er ein Verführer des Volks für Pilato geſcholten werden(Luc. 23, 2, 5). Darumb ſehen wir, daß ſie eben alſo thun, eben dieſelbige Einrede wider uns führen, die jene auch wider die heiligen Propheten führeten. Daß wir billig uns freuen ſollen und Gott danken, daß wir den Propheten und Apoſteln, auch


