Jahrgang 
1906
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20 Dr. Johann Ruchrath von Oberweſel, Reformator zu Worms vor Luthers Kirchenreformation.

Luthers Reformation unter Biſchof Reinhard von Sickingen Aufſehen erregt haben müſſen, er⸗ zählen Zorn und Flersheim.Es hat auch dieſer biſchof einen prediger im domſtift, einen ſehr gelehrten, beredten mann, mit namen magiſter Ruchardus de Wessalia superiori,*) welcher als er etliche fehl und mängel freudig geſtraft, iſt ihm der biſchof abhold worden und hat ihn der ſtadt prädicatur entſetzt. hierzwiſchen hat ihn ein doctor von Prag geſucht, welcher ihn verdächtig gemacht, als wenn er ein Huſſit wär, dieweil er vormals gelehrt, daß der menſch lauter aus gnaden durch den glauben ſeelig würde, item daß der freie will ein erdicht ding wäre, item daß auch der pabſt primat nichts wär. derhalben hat ihn der inquisitor haereticae pravitatis M. Gerhardus de Elten gen Mainz citiert und zu red geſtellt, ihn als einen ketzer, doch fälſch⸗ lich und ohnverſchuldt ad perpetuos carceres damnirt. iſt doch, nach dem, wie etliche ſchreiben, er revociert hat, aus fürbitt den Carmelitern über antwortet worden, bei welchen er nit lang gelebt hat.(Aus der erweiterten Zorn'ſchen Chronik.) Flersheim fügt ergänzend hinzu: Anno 1479 iſt Johannes Ruchard von Oberweſel, ein doctor der heiligen ſchrift und prediger zu Worms, als ketzer examiniert, verdammt und zum widerruf gedrungen worden, und ſind ſeine Bücher verbrannt worden aus Anordnung herrn Diethers erzbiſchofs zu Mainz, dazu ihn dann die ketzermeiſter faſt nöthigten; denn, dieweil er nach ſeines widerparts*) tod zum erzbisthum mit großer mühe kaum wieder kommen war, bedrohten ſie ihn mit des vabften ungnaden. Ruchard iſt in das Auguſtinerkloſter, darinnen buß zu thun, verwieſen worden, aber bald darin vor leid geſtorben. Unter den Artikeln, um welcher willen er verdammt und die er zu widerrufen iſt ge⸗ drungen worden, ſind auch dieſe geweſen: 1. die biſchof und prälaten haben nit macht, neue geſetz zu ſtellen, ſondern ſollen beim evangelio bleiben und dies allein lehren und treiben, das unſer herr Chriſtus gelehrt und befohlen hat, Matth. 28. 2. der heiligen ſchrift auslegung ſoll allein aus der heiligen ſchrift genommen und alſo ein ſpruch und text durch den andern erklärt werden, und daß man keinem lehrer oder auslegung wider die heilige ſchrift glauben und annehmen ſoll. 3. die indulgentien und päbſtliche ablaß ſind nichts. 4. unſer herr Chriſtus hab keine faſten oder unterſchied der ſpeis geboten. 5. hab s. Petrus die faſten eingeſetzt, ſo hab ers vielleicht gethan

*) Johann Ruchrath von Ober⸗Weſel, ein Freund des Johann Weſſel aus Gröningen, war Profeſſor in Erfurt, dann Prediger in Mainz und Worms. Er kämpfte auf der Grundlage auguſtiniſcher Theologie gegen das kirchliche Herkommen:denn ſtehen die Auserwählten von Ewigkeit her im Buche des Lebens, ſo kann ihren Namen kein Bannfluch löſchen, kein Ablaß hineinſetzen, keine Beobachtung blos menſchlicher Satzungen, mit denen die Kirche beſchwert iſt, ſie fördern. Er predigte das alleinige Heil im Glauben an Chriſtum. Der kirchlichen Transſubſtantiationslehre ſetzte er die Impanations⸗ oder Conſub⸗ ſtantialitätslehre entgegen, die Pabſt Gelaſius, 496, alſo ausſpricht: esse non desinit substantia vel natura panis et vini. Im Dogma von der Kirche ſpiritualiſirte er. Gegen das kirchliche Faſtengebot ſchrieb er ‚de jejunio', gegen den Ablaß ‚de indulgentia', gegen die Hierarchie ‚de potestate ecclesiastica'.So lange die Be⸗ hauptungen Weſel's ſich nicht an's Volk wandten, konnten ſie unter günſtigen Verhältniſſen als Schulmeinungen geduldet werden. Aber Johann von Weſel, der den Papſt verachtete und Chriſtum lobte, iſt von den Dominikanern in Mainz angeklagt und als Ketzer verurtheilt worden. Durch Alter und Krankheit gebeugt, wurde er zum Widerruf gezwungen, ſeine Schsiften verbrannt; er ſelbſt wurde 1479 in ein Kloſter geſperrt und daſelbſt im Gefängniß gehalten, bis 1481 der Tod ihn befreite. Haſe, Kirchengeſchichte,§ 292. Ul l⸗ mann, Reformatoren vor der Reformation, B. 1, S. 367 ff.

**) Gemeint iſt Erzbiſchof Adolph von Naſſau. Diether von Iſenburg ward ſchon 1459 Erzbiſchof von Mainz. wurde 1461 von Papſt Pius II. abgeſetzt, und an ſeine Stelle wurde Adolph, geborner Graf von Naſſau, zum Erz⸗ biſchof von Mainz gewählt, der, nachdem er unter der Mainzer Bürgerſchaft Zwietracht und Verrath gepflegt, mit Heeresmacht in der Nacht vom 27. bis 28. October 1462 die Stadt Mainz überfiel, nach allen Greueln der Eroberung ihrer Freiheiten beraubte und zur biſchöflichen Reſidenzſtadt machte. Nach Adolphs Tod wurde der früher vom Papſte abgeſetzte Diether wiederum Erzbiſchof.