Jahrgang 
1911
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I. Zur Geſchichte der Anſtalt.

1. Der letzte Jahresbericht enthielt den Satz:Es ſteht zu hoffen, daß wir unſer Oberhaupt, Herrn Geh. Schulrat Schädel, nach Ablauf ſeines Urlaubs geſund und in alter Rüſtigkeit wieder bei uns bewillkommnen dürfen. Dieſe Hoffnung iſt leider nicht in Erfüllung gegangen: am 20. März traf aus Gießen die Trauerkunde ein, daß Herr Geh. Schulrat Schädel ſeinem ſchweren Leiden erlegen ſei.

Am 8. April veranſtaltete die Schule eine Trauerfeier, die dem Gedächtnis des verſtorbenen Leiters der Anſtalt gewidmet war, und bei der nach dem Vortrag des Liedes Wir werden bei dem Herrn ſein Herr Prof. Dr. Uhrig des Dahingegangenen in be⸗ wegten Worten gedachte. An ſeinem Grabe ſprachen im Namen der Schule und des Lehrkörpers die Herren Prof. Dr. Uhrig, Reallehrer Spielmann und Dr. Deggau. Seine Witwe ſchenkte ein Bild ihres Gatten für das Amtszimmer des Direktors.

Geh. Schulrat Schädel war im Herbſt 1891 zum Direktor der höheren Mädchen⸗ ſchule in Worms ernannt worden.Dieſer Anſtalt widmete er während der letzten 18 Jahre ſeines Lebens ſeine ganze geiſtige und körperliche Kraft mit hingebungsvoller Arbeits⸗ freudigkeit. Der Eleonorenſchule war er ein gewiſſenhafter, verſtändnisvoller Führer und Förderer, den Mitgliedern des Kollegiums ein wohlwollender, treuer Berater und Freund, den Schülerinnen ein zu ernſter Arbeit anregender Lehrer und Erzieher voller Milde und Güte.Wer andere wohl zu leiten ſtrebt, muß fähig ſein, ſelbſt viel zu entbehren, dies Goethe'ſche Wort galt für ſeine Tätigkeit als Lenker der Schule. Zurückſtellen ſeiner eigenen Perſon, den Blick aufs Ganze gerichtet, jeden an die Stelle zu bringen, an der er am er⸗ folgreichſten wirken konnte, im Stillen Großes zu tun, tüchtig und gründlich zu arbeiten und zu lehren, nie in der Oeffentlichkeit zu prunken, ſtill und beſcheiden täglich im weiteſten Maße ſeiner Pflicht nachzugehen darin lagen die Kennzeichen ſeiner hohen ſittlichen Lebensauffaſſung, welche das Sein von dem Schein trennte, mehr Wert auf den Inhalt als auf die Form legte. So auch erſtrebte er das ihm vorleuchtende Ziel der Erziehung der Mädchen: die harmoniſche Bildung des Verſtandes und des Gemütes als Grundlage ſittlichen Handelns.

Direktor Schädel ſtand auf dem Boden einer vertieften klaſſiſchen Bildung, bezeugte in ſeiner Weſenseigenart ſtets eine vornehme Denkweiſe und hohe Religioſität, brachte allen neuen Fragen auf dem Gebiete der Pädagogik reges Intereſſe und klares Verſtändnis ent⸗ gegen, förderte deren Durchführung, jedoch ohne Ueberſtürzung, und trachtete mit hehrem Ernſte danach, allen an ihn geſtellten Forderungen gerecht zu werden. Das Andenken an das Wirken dieſer ſcharf ausgeprägten Perſönlichkeit, dieſes geiſtvollen, in weiteſtem Sinne