II. Chronik der Anstalt.
1) Wir haben an dieser Stelle zunächst eines Ereignisses Erwähnung zu thun, das nicht nur für das hiesige Gymnasium, sondern für die höheren Schulen der Provinz Hessen-Nassau überhaupt bedeutungsvoll gewesen ist. Zum 1. April 1883 sah sich Herr Provinzial-Schulrat Dr. Rumpel in Kassel durch die Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit veranlafst, die Versetzung in den Ruhestand nachzusuchen. Bei seinem Scheiden aus dem Amte, welches er im Herbste 1868 unter den schwierigsten Verhältnissen übernommen hatte, wurde ihm von Seiner Majestät dem Kaiser und Könige der Charakter als Geheimer Regierungsrat verliehen.
Herr Geheimerat Rumpel hat während seines Wirkens als Mitglied des Königl. Provinzial-Schul- kollegiums die inneren Angelegenheiten fast aller höheren Lehranstalten unserer Provinz bearbeitet und sich um das Aufblühen der seiner Obhut unterstellten Schulen und insbesondere des Wiesbadener Gymnasiums hervorragende und dauernde Verdienste erworben.
Möge der treffliche Mann, dessen wir stets in Hochachtung und dankbarer Verehrung gedenken werden, die frühere körperliche wie geistige Frische mit Gottes Hilfe wieder erlangen, und möge es ihm nach einer arbeitsvollen Laufbahn vergönnt sein, einen langen, glücklichen Abend seines Lebens zu genieſsen!
2) Nachdem Mittwoch den 4. April 1883 die Prüfung der zum Eintritt angemeldeten Zöglinge stattgefunden hatte, wurde das neue Schuljahr Donnerstag den 5. April, morgens 7 Uhr, durch einen Aktus in der Aula des Gymnasiums eröffnet. Bei dieser Feierlichkeit begrüfste der Direktor zwei wieder in das Kollegium eintretende Lehrer, die im vorigen Schuljahre längere Zeit beurlaubt waren, nämlich die Gymnasiallehrer Dr. Lohr und Rauch. Der erstere hatte einen ihm vom Herrn Minister bewilligten halbjährigen Urlaub zu einer Studienreise nach Italien und Griechenland benutzt und war Ende März, nach- dem er die herrlichsten Stätten des klassischen Altertums aus eigener Anschauung kennen gelernt hatte, wohlbehalten zu uns zurückgekehrt. Herr Rauch, den eine ernstliche Erkrankung von Mitte Juli 1882 bis zum Schlusse des Schuljahres 1882/83 hinderte seinem Amte obauliegen, hatte zu Davos in der Schweiz glücklicher Weise neue Frische und Kraft gewonnen und war nun imstande, wieder in Dienst zu treten. Von den beiden Kandidaten, die im Winter 1882/83 die Lektionen der beurlaubten Lehrer erteilt hatten, verlieſs uns der eine, Herr Dr. Hofmann sofort, um dann im Laufe des Sommersemesters eine ordentliche Lehrerstelle am Realprogymnasium zu Ems zu übernehmen, während Herr Werle freiwillig noch einige Lektionen an der Anstalt weiter gab, bis er Michaelis 1883 einem Rufe an das Gymnasium zu Koburg folgte.
Eine fernere Veränderung in der Zusammensetzung des Lehrerkollegiums bestand darin, daſs zum Beginn des Schuljahres der Hilfslehrer Sauerborn an das Realprogymnasium in Geisenheim berufen und an seiner Stelle Kandidat Klau, der an der Anstalt von Neujahr 1881 bis Neujahr 1882 das Probejahr abgelegt und bereits mehrfach Aushilfe geleistet hatte, kommissarisch beschäftigt wurde.
Der Kandidat des höheren Schulamts Dr. Paul Pulch begann zu Anfang des Sommersemesters sein Probejahr.
3) Die Pfingstferien dauerten vom 13. bis 20. Mai.
4) Am 29. Mai beehrte Herr Provinzial-Schulrat Dr. Lahmeyer, welcher das Dezernat über die höheren Schulen der Provinz übernommen hatte, das Gymnasium mit seiner Anwesenheit. Derselbe inspizierte sämtliche Klassen der Anstalt, indem er am Morgen und Nachmittage dem Unterrichte fast aller Lehrer beiwohnte; auch erschien er bei den gegen Abend auf dem Exerzierplatze von den Schülern veranstalteten Turnspielen.
5) Am 4. und 5. Juni und am 2. Juli wurde wegen groſser Hitze der Nachmittagsunterricht ausgesetzt.


