IV. Zur Geſchichte der Anſtalt.
Das Schuljahr begann am 20. April 1914, es wird am 27. März 1915 ſchließen.
Mit Beginn des neuen Schuljahres wurden die Aſſeſſoren Liſtmann und Dr. Diehl nach Mainz verſetzt. Zur Fortſetzung des Vorbereitungsdienſtes trat Lehramtsreferendar Adam Weiß am 11. Mai bei uns ein. Referendar Bert wurde am 29. September an die Schotter Realſchule verſetzt und am 1. Oktober zum Lehramtsaſſeſſor ernannt. Referendar Weiß wurde ebenfalls am 1. Oktober zum Aſſeſſor ernannt. Lehramtsaſſeſſor Dr. Otto Deibel wurde am 30. September als Oberlehrer an unſerer Schule endgültig angeſtellt.
Als wir am 4. Juli in die Sommerferien gingen, ahnte niemand, unter welchen Umſtänden wir den Unterricht am 3. Auguſt wieder aufnehmen ſollten. Engliſche Krämerhabgier, franzö⸗ ſiſche Rachſucht und ruſſiſche Ländergier hatten einen ſchändlichen und frevelhaften Krieg gegen uns und das verbündete Öſterreich entzündet. Niemals iſt ein Volk mit größerem Unrechte angefallen worden wie das unſrige; wenn je ein Staat und ein Herrſcher den feſten Willen bewieſen hat, ein Hort des Friedens zu ſein, ſo iſt dies das deutſche Reich, ſo iſt es Kaiſer Wilhelm II. geweſen. Mit gutem Gewiſſen und im feſten Vertrauen auf Gott und die gerechte deutſche Sache durften wir in den Krieg ziehen, einen Krieg, in dem gegen die beiden Kaiſerreiche und die mit ihnen nunmehr verbündete Türkei vier gewaltige Weltmächte und 3 Kleinſtaaten kämpfen. Die gemeinſame Gefahr des Vaterlandes, dieſer Grundlage unſeres ganzen Seins und Weſens, einte mit einem Schlage unſer ganzes Volk und ließ in allen Schichten heiße Liebe zu deutſchem Weſen emporlodern und den Wunſch opferbereiter Hülfe allenthalben entſtehen.
hennſer erſter Schultag, der 3. Auguſt, war der 2. Tag zur Herſtellung der Kriegsbereit⸗ ſchaft. Referendar Weiß war zur Fahne einberufen und fehlte bereits; auch Reallehrer Minnich konnte den Unterricht nicht aufnehmen, da er von der Militärbehörde mit der Aufſicht über die Bahnbewachung der Eiſenbahnſtrecke vom Güterbahnhof Weiſenau bis oberhalb Alsheim betraut worden war. Dieſen wichtigen Dienſt verſah er in opferwilliger Weiſe bis 26. Auguſt, an welchem Tage Landwehrtruppen hierzu befohlen wurden. Mit dem Befehle, die Kriegsbereitſchaft herzuſtellen, war der gewöhnliche Fahrplan außer Kraft geſetzt worden, nur wenige Züge und zumeiſt mit ungünſtigen Fahrzeiten ſtanden unſeren Schülern zur Verfügung, und da auch viele Schüler bei notwendigen landwirtſchaftlichen Arbeiten helfen ſollten, ſo hätte ein großer Teil der auswärtigen Schüler nicht zum Unterrichte kommen können. Der Direktor hielt an die Schüler eine Anſprache, ſchilderte kurz den Gang der Ereig⸗ niſſe und wies darauf hin, daß das deutſche Volk mit reinem Gewiſſen und im Bewußtſein ſeiner Kraft in den Krieg ziehe und feſt auf Gottes Schutz bauen könne, er ermahnte die Schüler ſich überall der freiwilligen Hilfstätigkeit zur Verfügung zu ſtellen, namentlich bei landwirtſchaftlichen Arbeiten zu helfen, und ſchloß hiernach den Unterricht bis Samstag, den 8. Auguſt. Als wir am Montage, dem 10. Auguſt wieder begannen, brauchten nur wenige Schüler zu fehlen, und bald ſtellte ſich der regelmäßige Beſuch wieder her. Am 13. Auguſt rückte Oberlehrer Heymann, am 17. Auguſt Profeſſor Spiegel zur Fahne ein; am 27. Auguſt konnte Reallehrer Minnich ſeinen Dienſt wieder aufnehmen, und da uns vom Großh. Miniſterium zur Vertretung Lehramtsaſſeſſor Friedrich Diemer von Oppenheim zu⸗ gewieſen wurde, konnten wir den Unterricht im großen und ganzen lehrplanmäßig durchführen. Der wahlfreie Unterricht in Stenographie und kaufmänniſchem Rechnen, ebenſo der Unterricht im geometriſchen Zeichnen fielen weg, andere Unterrichtszweige wurden in der Stundenzahl beſchränkt, und ſo konnten die Stunden, für die uns keine Lehrkräfte mehr zur Verfügung ſtanden, unter die Amtsgenoſſen verteilt, und der Unterricht ohne allzu große Störung ge⸗ halten werden.
Die edle Begeiſterung, die die deutſche Jugend bei Kriegsausbruch beſeelte und ſie zu Hunderten und aber Hunderten von der Schulbank weg dem Heere als Kriegsfreiwillige zu⸗ führte, konnte natürlich bei dem Alter der Schüler, die eine Realſchule beſuchen, bei uns nicht dieſe Wirkung haben. Jedoch die Begeiſterung war da und drängte nach Betätigung, und ſo entſtand eine zwar ſtillere, aber in ihrer Art nicht minder erfreuliche Teilnahme an


