Jahrgang 
1889
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11 IV. Chronik der Anſtalt.

Aus der Geſchichte des vorletzten Schuljahres haben wir noch nachzutragen, daß am 16. März unter Wegfall der angeſetzten öffentlichen Prüfungen eine Trauerfeier für den hoch⸗ ſeligen Kaiſer Wilhelm I. im Stadthausſaale ſtattfand. Vor einer mit Blumen, ſchwarzem Flor und brennenden Kerzen umgebenen Büſte des in Gott ruhenden Heldenkaiſers ſchilderte Referent des großen, frommen Fürſten langes Hoffen und Harren in Geduld und Vertrauen, ſein Wirken und Dulden unter Verkennung und Anfechtung und ſein endliches Durchdringen durch Nacht und Kampf zum ſtrahlenden Sieg der Anerkennung und unvergleichlichen Erfolgs. In allen Lagen des Lebens bewährt gefunden als treuer Diener ſeines Heilands, demütig und beſcheiden, neidlos und dankbar, getragen von der Liebe und Verehrung ſeines Volkes, möge auch der tote Kaiſer Muſter und Vorbild jedes deutſchen Mannes bleiben.

Anknüpfend an die ideale Greiſengeſtalt der entſchlafenen Majeſtät, wünſchte Referent auch den am 17. März aus der Anſtalt ſcheidenden Abiturienten geſund zu bleiben leiblich und geiſtig, denn nur unter einem wolkenloſen Jugendhimmel reift ein heiterer, lachender Lebensabend.

Am 18. Juni vereinte uns von neuem die Trauerfeier um den ritterlichen, nach langem entſetzlichen Leiden endlich erlöſten Kaiſer Friedrich zu ernſten Betrachtungen. Referent verſuchte den Schülern zu ſchildern, was das deutſche Volk durch den frühen Tod ſeines erklärten hoch⸗ ſinnigen, ideal angelegten Lieblings verlor, zu welchen einſtigen Hoffnungen das thatenreiche LebenUnſeres Kronprinzen die Herzen ſo vieler erfüllt hatte.

Eine angenehme Unterbrechung fand der durch zahlreiche Vertretungen vielfach gehemmte und erſchwerte Unterricht durch unſere letztjährige Turnfahrt. Schon am Abend des 21. Juni führte uns die Bahn nach dem freundlich gelegenen, gewerbreichen Weinheim a. d. B., das man mit einem Frühzug kaum vor Mittag erreichen kann. Unter Führung des Referenten und der Kollegen Obenauer und Minnich wurde noch in vorgerückter Tagesſtunde und zur Probe auf die Leiſtungsfähigkeit der Jugend ein beſchleunigter Gang durch das liebliche Birkenauer Thal und rückwärts über den herrlich bewaldeten Hirſchkopf unternommen. Volles Entzücken bereitete der Marſch durch den engen, faſt verwachſenen Waldweg, wo zahlreiche Exemplare in üppiger Blüte ſtehender Spiraea Aruncus und Castanea vesca der Jugend freudige Überraſchung gewährten. Nach dem Genuß eines vorzüglichen Quartiers traten wir in der Frühe des anderen Tages unſere Wanderung durch das anmutige, abwechſelungsvolle Gorxheimer Thal an. Schon in den langgezogenen Ortſchaften Unterflockenbach und Tröſel verriet die Sonne, was ſie nach den vorhergehenden kühlen Tagen heute nachholen wollte. Mitten in dem letzten Dorfe bogen wir rechts ab, um über Wünſchmichelbach ſtets dem engen Bachthale zu folgen. Der Aufſtieg über den Galgenbuſch nach Bärsbach war infolge tropiſcher Hitze faſt unerträglich und nur dank häufiger Ruhepauſen an halbſchattigen Plätzen ohne Nachteile für die Jugend zu er⸗ möglichen. Mit Jubel wurde der endlich erreichte Abſtieg nach Heiligen⸗Kreuzſteinach begrüßt. Eine längere Raſt erquickte uns zwar dort, brachte uns aber dafür immer mehr in die heiße Tageszeit hinein. Fröhlich und wohlgemut ging es trotzdem auf der im Steinachthal dahin⸗ führenden, immer fallenden Staatsſtraße bis Schönau weiter. Die am Ausgange desſelben liegende Lederfabrik hatte aber das Flüßchen ſo mit ekelerregenden fauligen Stoffen geſättigt, daß der Reſt des Weges infolge der verpeſteten Luft des Thales und der drückenden Temperatur jeder Windeshauch war durch den hohen Darsberg abgehalten nur mit äußerſter Zuſammen⸗ haltung der Energie zurückzulegen war. Jede Waldesecke wurde zu einer kurzen Raſt benutzt.

Kaum hatten wir uns aber nach fünfſtündigem Marſche notdürftig in dem endlich er⸗ reichten Neckarſteinach und in dem ſchattigen Garten der Harfe erholt, ſo waren auch alle aus⸗ geſtandenen Strapazen vergeſſen und unſere Zöglinge faſt ausnahmslos zum Nachenfahren und Rudern auf dem hochgehenden Neckar verſchwunden. Noch vor dem Abendeſſen wurde der maleriſch gelegene Burgberg mit ſeinen vier Burgen erſtiegen. Wenige unſerer Schüler mögen trotz der guten Unterkunft feſte Nachtruhe genoſſen haben, denn gegen 4 Uhr des anderen Tages fing der Waſſerſport von neuem an. Um dieſem noch ferner zu huldigen, ließen wir