— 9— IV. Chronik der Anſtalt.
Am 20. März 1886 wurde der Geburtstag Seiner Majeſtät des Kaiſers durch ein Schulfeſt gefeiert. Der Direktor hielt eine Anſprache an die Schüler, worin er, anknüpfend an eine Schilderung der Zuſtände Deutſchlands im Geburtsjahre des Kaiſers, die freudige Dankbarkeit für das nunmehr Errungene zu wecken und zu befeſtigen ſuchte. Am 10. April wurde mit Geſang der Schüler und einer Rede des Direktors der Schulſchluß und die Ent⸗ laſſung der Abiturienten begangen. Referent ermahnte im Anſchluß an Ode I, 3 des Horaz dieſe vor allem zum richtigen Gebrauch der nun erworbenen Freiheit.
Vom 31. März bis 28. Mai war der proviſoriſche Reallehrer Heil zu militäriſchen Übungen eingezogen. Derſelbe wurde durch Allerhöchſtes Dekret vom 26. Mai zum definitiven Lehrer an der Anſtalt ernannt.
Am 2. und 3. Juli machten die fünf oberen Klaſſen unter Begleitung ihrer Lehrer, der Herren Pfarrer Diehl, Dr. Bremme, Minnich, Knöpfel, Obenauer und Heil(der Direktor war leider durch einen vertretenen Fuß an der Teilnahme verhindert) einen zweitägigen Ausflug in den Odenwald. Morgens fuhr man mit der Bahn nach Worms und ſah ſich daſelbſt das Lutherdenkmal und den Dom an. Von Worms führte die Bahn ſchnell nach dem freundlich ge⸗ legenen Bensheim. Ohne Verzug trat die muntere Schar den Fußmarſch durch das reizende Schön⸗ berger Thal nach der Knodener Höhe an. Obwohl der Weg nicht immer durch ſchattigen Wald führte, obwohl die Sonne mit ungewöhnlicher Stärke ihre Strahlen niederſandte, zeigten Geſang und ſchallende Echos, daß die deutſche Jugend mit Vergnügen Anſtrengungen trotzt, daß unter unſern Jungen ein echt jugendlicher Geiſt herrſcht. Nach kurzem Aufenthalt und Frühſtück in Seidenbuch, bezw. in dem idyllliſchen Schlierbach, wurde mit lobenswerter Ausdauer in der größten Mittagshitze die Höhe von Lindenfels erſtiegen; die Überreſte des Schloſſes wurden beſichtigt, die herrlichen Fernſichten gekoſtet, um dann nach kurzer Erfriſchung den Weitermarſch bis Fürth anzutreten, dem Endziel für den erſten Tag. Gegen ſechs ÜUhr langte man dort an. Es hielt etwas ſchwer, eine paſſende Unterkunft für die Nacht zu bekommen, doch fand ſich zu⸗ letzt eine ſolche am Oſtausgang des Städtchens in einer Wirtſchaft, wo man ſich mit einem Strohlager in einem geräumigen Saal für die Nacht begnügen mußte. Die Zeit bis zum er⸗ ſehnten Hauptmahle des Tages wurde ausgefüllt, indem Herr Minnich zum nicht geringen Er⸗ götzen der Landleute und Schuljugend verſchiedene Reigen ausführen ließ und die Jungen im Ringen mit einander ihre Widerſtandsfähigkeit gegen körperliche Anſtrengungen zeigten. Nach eingenommener Mahlzeit begaben ſich die Schüler alsbald zur Ruhe. Am nächſten Morgen wurde um ſechs Uhr aufgebrochen; das liebliche Weſchnitzthal wurde durchzogen; durch das Erbacher Thal gelangte man um 10 Uhr nach Heppenheim, um nach kurzer Raſt nach Bensheim zurückzugehen. Dort wurde im Gaſthauſe zur Traube zu Mittag gegeſſen, und dann fuhr man, wohlgemut und durch viele Eindrücke bereichert, nach Oppenheim zurück.
Am 21. Juli beehrte uns Herr Geheimer Oberſchulrat Becker mit einem Beſuch. Vom 7. bis 19. Februar 1887 wurde Reallehrer Weyell zu einer militäriſchen Übung einberufen. Leider mußte auch in derſelben Zeit Reallehrer Knöpfel krankheitshalber vertreten werden.
3 der Geſundheitszuſtand von Lehrern und Schülern war im verfloſſenen Schuljahre ein recht günſtiger.
Für die der Schule von Behörden, Privaten und verſchiedenen Verlagsbuchhandlungen übermachten Geſchenke und Verlagswerke ſagen wir hiermit pflichtſchuldigen und gebührenden Dank.


