— 10—
Gesundheit des Kaisers lange Wochen auf den Gemütern aller Vaterlandsfreunde gelastet und ihnen so recht zum Bewusstsein gebracht, was dieser Mann für Deutschland bedeute, wie unentbehrlich seine entschlossene Tatkraft und opterwillige Arbeitsfreudigkeit dem Vaterlande sei. Diese Arbeitsfreudigkeit, die ihn befähige, den so ungemein vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden, kennzeichnen den Kaiser als echten Hohenzollern; er wolle der erste Diener des Staates sein, der erste Arbeiter an den Aufgaben unserer Zeit, ein leuchtendes Vorbild für jeden Bürger. Der Redner schloss seine eindrucksvolle Ansprache mit einem Hoch auf den Kaiser, woran sich der Gesang des„Heil dir im Siegerkranz“ schloss. Dann betrat der Primaner K. Selzer den Rednerpult, um einen orientierenden Vortrag über die„Antigone“ zu halten. Ausgehend von der Bedeutung der griechischen Kunst und Literatur, schilderte er in gut disponiertem Vortrag und in allgemein verständlicher Weise zunächst Sophokles Leben, um dann dessen Hauptwerk, die„Antigone“, eingehender zu erläutern. Er erzählte in bündigen Worten den Hergang des Dramas, wie Antigone, diefstarkherzige Tochter des Oedipus, ihren Bruder Polyneikes, der im Kampfe mit seinem Bruder Eteokles um den Besitz von Theben gefallen war, gegen das Verbot des Königs Kreon heimlich bestattet, wie sie deshalb zu unterirdischer Haft verurteilt wird, wo ihr Bräutigam Hämon, der Sohn des Kreon, welcher ihr dorthin gefolgt ist, sich selbst neben ihr tötet. Im weiteren setzte der Vortragende auseinander, wie das Drama auf dem Kontrast zwischen göttlichem und menschlichem Recht beruht, und erläuterte in grossen Zügen die Charaktere der Hauptpersonen. Dann folgte die Aufführung selbst, der die Zuhörer trotz ihrer Länge mit Interesse folgten. Die Dekla- mation der einzelnen Rollen, die durch Herrn Professor Altendorf einstudiert worden war, war aber auch durchweg ganz vorzüglich. In erster Linie ist der Darsteller des Kreon zu nennen, der im Verständnis dieses Charakters, wie im Ausdruck und in der Stimmengebung ein bemerkenswertes Talent verriet. Vortrefflich waren aber auch die Vertreter der Antigone(zumal in den melodramatischen Szenen des zweiten Teils), der Ismene, des Hämon, des Chorführers und des Teiresias, wie auch die mehr episodischen Rollen der Eurydike, des Wächters und des Boten frisch und sicher gesprochen wurden. Die prächtigen Mendelssohnschen Chöre hatte Herr Akzessist Becker eingeübt; die Klavierbegleitung führte der Oberprimaner G. Hahn aus. Gegen ½l 8 Uhr war die Auf- führung zu Ende. Die Zuhörer aber, denen eines der herrlichsten Werke der antiken Literatur in so anschaulicher Weise vermittelt wurde, sind den Veranstaltern wie den Mitwirkenden zu Dank verpflichtet.“
Bei der Feier des fünfzigjährigen Bestehens der hiesigen Höheren Mädchenschule überbrachte der Unterzeichnete der Schwesteranstalt die Glückwünsche des Gymnasiums.
5. Gesundheitliches. Der Gesundheitszustand von Lehrern und Schülern war nicht ungünstig.
Die Ausflüge der einzelnen Klassen, darunter ein Tagesausflug am 23. Mai, wurden, soweit das möglich war, jeden Monat ausgeführt. Zum Eislauf wurden ausser den Turnstunden 2 Nachmittage frei gegeben. Wegen allzugrosser Hitze musste der Unterricht am 29. u. 30. Juni, am 2. u. 3. Juli, sowie am 3. u. 5. September ausgesetzt werden.
Die Spielstunden erfreuten sich, namentlich in der ersten Zeit, eines stärkeren Besuches als in den früheren Jahren und zwar hauptsächlich wohl deswegen, weil uns der äusserst günstig und schön gelegene Platz des Schlittschuhklubs von Herrn Karl André auf unsere Bitte zur Verfügung gestellt wurde. Wir danken ihm von Herzen und hoffen auch im nächsten Schuljahre bei ihm das gleiche Entgegenkommen zu finden.


