Jahrgang 
1929
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IV. Zur Geſchichte der Schule.

Das Schuljahr 1928/29 wurde am 23. April mit einer Sitzung des Geſamtlehrerrates eröffnet, an welche ſich die Aufnahmeprüfungen für die einzelnen Klaſſen ſchloſſen. Leider mußte die für V2 als Klaſſenführerin vorgeſehene Lehrerin Margarete Hoffmann wegen Erkrankung vertreten werden. Ihren Unterricht übernahmen einzelne Mitglieder des Kollegiums, in erſter Linie die uns zur Ableiſtung ihres 2. Vorbereikungsjahres überwieſene Referendarin Dr. Anni Pfeifer. Auch konnte Herr Studienrat überle wegen Scharlacherkrankung in der Familie mehrere Wochen lang ſeinen Dienſt nicht verſehen.

Infolge der 1925 getroffenen Neuordnung des Unterrichtsweſens an den ehemaligen höheren Mädchenſchulen konnten mit Beginn des Schuljahres die erſten Untertertien der Studienanſtalt ge⸗ bildet werden.

Zur Erteilung des an unſerer Anſtalt eingerichteten wahlfreien Unterrichts in der Stenographie fand ſich auch diesmal wieder Herr Lehrer i. R. Georg Schöpp in dankenswerter Weiſe bereit. Wir nehmen dieſe Gelegenheit wahr, die Eltern in Beachtung der Verfügung des Kultusminiſteriums vom 1. Februar 1929, die Einheitskurzſchrift betreffend, auf die Wichtigkeit der Teilnahme an dem fakulkativen Kurzſchriftunterricht hinzuweiſen. Die Beherrſchung der Stenographie wird immer mehr als Vorausſetzung für jede Art der Beamtenlaufbahn gefordert werden.

Der im Vorjahre in den 2. Klaſſen aufgenommene kaufmänniſche Unterricht wurde in dieſem Jahre in den 1. Klaſſen fortgeſetzt; desgleichen wurde für die 2. Klaſſen ein neuer Kurſus eingeführt. Der genannte Unterricht war wahlfrei und erfolgte in wöchentlich 6 Stunden unter Preisgabe einiger techniſcher Stunden ſowie je einer Stunde des franzöſiſchen und des engliſchen Klaſſenunkerrichts. Es wurden gelehrt: Kaufmänniſches Rechnen, Buchführung, Handelslehre, deutſche, engliſche und franzö⸗ ſiſche Handelskorreſpondenz, ſowie Stenographie.

Am 28. April beſuchten wir im Rheingoldſaal der Stadthalle den Film derHamburg-Süd⸗

Amerika-Linie über dieJungfernreiſe derCap Arcona. Die Darbietungen dürfen als wertvolle Er⸗ gänzung des Geographieunterrichts gelten.

Der Vorkämpferin des modernen weiblichen Bildungsſtrebens, Helene Lange, die am 9. April in geiſtiger und körperlicher Friſche ihren 80. Geburktstag erleben durfte, wurde auch in unſrer Frauen⸗- ſchule ehrend gedacht.

Am 2. Mai nahm der Direktor der Anſtalt an einer Konferenz der Direktoren der heſſiſchen Lyzeen und Studienanſtalten nebſt Frauenſchulen keil, die in dem ſchönen Landheim der Darmſtädter Eleonorenſchule in Niederhauſen bei Lichten berg im Odenwald ſtattfand. Dieſer Zuſammenkunft wohnte auch der Referent der Anſtalt, Herr Staaksrat Block, bei. Gegenſtand der Beratung waren vichkige Fragen des Mädchenſchulweſens.

Am 6. Mai wurde uns die Anwärterin für Zeichen unterricht, Frl. Margarete Schenkelberg, als Hoſpitantin zugewieſen; ſie übernahm in 10 Stunden der Unter- und Mittelklaſſen, z. T. ſelbſtändig, den Unterricht. Auch vertrat ſie vom 24. Mai bis 7. Juli die zu Vorkragszwecken nach Finnland beur⸗ laubte Zeichenlehrerin, Frl. Hedwig Klein. Dieſe hat alsdann im Winterhalbjahr unſren Schüle⸗ rinnen in mehreren Lichtbildervorträgen die Eindrücke und Erlebniſſe ihrer intereſſanten Reiſe ge⸗ ſchildert. Ebenſo wurde uns als Volontärin die Studienaſſeſſorin Dr. Henny Kreß am 7. MaR zugekeilt, die indes alsbald nach Hamburg an eine Mädchenſchule berufen wurde.

Im Auftrage des Miniſteriums für Kultus und Bildungsweſen bekeiligke ſich die Handarbeits⸗ und Turnlehrerin Gertrud Seitz während der Pfingſtferien an einem Sonderkurs der Blensdorfſchule für rhythmiſche Gymnaſtik in Godesberg(Dalcrozeſeminar).

Zum erſten Male nahm im Jahre 1928 unſre Jugendgruppe des Vereins für das Deutſchtum im Ausland, die kurz vorher gegründek worden war, an der Pfingſttagung des Vereins in Gmunden am Traunſee, dem lacus felix der Römer, teil. 43 Schülerinnen fuhren unter Leitung der Herren Kiß⸗ ler, Michel, Hagen und der Damen Wilhelmine und Margrek Fleck am Freitag vor Pfingſten über Nürnberg und Paſſau nach öſterreich, deſſen Bewohner die 20 000 Teilnehmer mit brüderlicher Herzlich⸗ keit empfingen. Die Feſttage in Gmunden gipfelten in der Morgenfeier des 2. Pfingſttags auf der Sakoriwieſe, die hoch über der Stadt, von dunklen Tannen umrahmt, weiter zurück von leuchtenden Schneefirnen gekrönt, ein Bild von unerhörter Pracht darbok. In vollendetſter Ordnung, im feier⸗ lichen Schweigen erſchütternden Erlebens lauſchten die ſtrahlenden jungen Menſchen, um die zahlloſen Wimpel geſchart, den Worten des katholiſchen Priors von Innsbruck und des evangeliſchen Biſchofs von Siebenbürgen, die gemeinſam auf der am höchſten Punkte des Feſtplatzes errichteten, in den deut⸗ ſchen Reichsfarben geſchmückten Kanzel ſtanden, von den gleichen Ideen, der gleichen Liebe beſeelk: der Liebe zu Deutſchland. Donnernd hallte der vielkauſendſtimmige Geſang von den Bergen wider, klangen die von zahlreichen Muſikkapellen geſpielten Stücke durch den weiten Raum bis über den blau⸗ grün ſchillernden See. Die Feier war ein ergreifender Ausdruck tiefinneren, durch keine Parteirich⸗ tung oder Weltanſchauung gekrennten Verbundenſeins in dem Bekenntnis: O, du mein Deutſchland. Es würde zu weit führen, die Fülle der Unterhaltungen und Genüſſe zu ſchildern, mit denen Gmundens