D. Reifeprüfung.
Im Herbste 1912 meldeten sich drei Oberprimaner zur Prüfung, welche die schrift- liche Prüfung vom 10. bis 14. September erledigten. Die müůndliche Prüfung fand am 3. Oktober statt. Zwei Prüflingen wurde das Zeugnis der Reife zuerkannt.— Zum Oster— termin wurden 15 Oberprimaner zur Prüfung zugelassen. Die schriftlichen Prüfungsarbeiten wurden am 6., 7., 8., 10. und I1. Februar angefertigt. 14 Prüflinge traten am 27. Februar in die mündliche Prüfung ein, welche sämtlich das Zeugnis der Reife erlangten.
Die schriftlichen Prüfungsaufgaben im Herbste waren folgende: Ein deutscher Aufsatz:„Ver- gleich zwischen Lessings„Emilia Galotti“ und Schillers„Kabale und Liebe“; ein französischer Aufsatz: „Charactère de Rodrigue“; eine Übersetzung ins Englische; folgende mathematischen Aufgaben: 1. Wie heißt die geometrische Reihe, deren Quotient um 2 kleiner ist als das erste Glied, und bei der die Summe der 4 ersten Glieder das 15 fache des ersten Gliedes beträgt? 2. Ein rechtwinkliges Dreieck mit der Hypotenuse a rotiert um eine Kathete. Unter welchem Winkel muß die Hypotenuse gegen diese Kathete geneigt sein, damit der entstehende Rotationskegel einen möglichst großen Inhalt hat? 3. Welches ist die Gleichung der Tangente an die Parabel„= 4, deren Normale durch den Punkt F(6,0) geht, und wie groß ist der Inhalt, der von der Normalen, der r-Achse und dem Parabelbogen begrenzten Fläche? 4. Um wieviel Uhr Sternzeit kulminiert die Sonne am 10. Februar, wenn ihre Deklination an diesem Tage 13 30 43 südlich und e= 23⁰ 27 ist?; eine chemische Aufgabe:„Das Vorkommen und die Eigenschaften des Kupfers“.
Zum Ostertermin wurden folgende schriftlichen Arbeiten angefertigt: Ein deutscher Aufsatz: „Das Leben ist der Güter höchstes nicht“: ein französischer Aufsatz:„Conquéte de l'Angleterre par Guillaume, duc de Normandie“; eine Ubersetzung ins Englische; folgende mathematischen Aufgaben:
1. Der Inhalt eines Kugelsegments ist 4„ cbm und seine Kalotte 4 ⁄ ⸗mt. Wie groß sind seine Höhe und
der Kugelradius? 2. Ein Stern der nördlichen Himmelskugel hat 3 h 6m 48s nach seiner oberen Kul- mination eine Höhe 4= 38° und ein Azimut= 62⁰ 2/3. Wie groß ist die Breite des Beobachtungs- ortes und die Deklination des Sternes? 3. Durch den Brennpunkt der Parabel e= 6 ist die Sehne 4+— 3„= 6 und durch ihre Endpunkte die Tangenten an die Parabel gezogen. Wie groß ist der Winkel der Tangenten? 4. 100 g Silber(= 10,4) sollen in ein zylindrisches Gewichtsstück umgegossen werden. Welche Dimensionen muß es haben, damit es sich möglichst wenig abnutzt?; folgende chemische Auf. gaben: 1. Der Gips. 2. Berechnung: 200 g Gips werden mit Kohlenpulver zu Calciumsulfid reduziert; wieviel Gramm Chlorcalcium können aus dem erhaltenen Calciumsulfid dargestellt werden?
Am 6. und 7. Marz fand auch die erste Reifeprüfung am Realgymnasium unter dem Vorsitz des Herrn Provinzial-Schulrats Kanzow statt, der sich 9 Oberprimaner unter- zogen. Ober das Ergebnis kann noch nicht berichtet werden, da über die Anerkennung des Realgymnasiums der Herr Minister befinden wird.
Die schriftlichen Arbeiten waren: Ein deutscher Aufsatz:„Herrschsucht als Ursache des tragischen Sturzes in Shakespeares Julius Caesar und in Schillers Wallenstein“; eine Ubersetzung aus dem Lateinischen: Livius XXVIII cap. 16, 1 bis 8; ein französischer Aufsatz:„Faire voir qu'on peut écrire une tragédie sur Louis XVI“; folgende mathematische Aufgaben: 1. Von welchen Punkten lassen sich an die Kurve„=T e- 2*—r. 10 Tangenten unter einem Winkel von 45 gegen die x.-Achse ziehen? 2. Unter welchem Winkel schneiden sich die gleichseitige Hyperbel und der Kreis, der ihre Brennweite als Durchmesser hat? 3. Vor Gericht sollte ein Zeuge eine Aussage über den genauen Zeitpunkt eines Preignisses machen, das sich am Nachmittag des 21. März in Marburg zutrug. Er konnte sich aber nur erinnern, daß zu der Zeit die Straße, in der er sich befand, gerade schattenlos war. Wie kann man aus diesen Angaben die Zeit feststellen? 4. Welche Gestalt muf eine rechteckige Fläche von gegebenem Inhalt haben, damit sich ihre Umzäunung möglichst billig stellt?; die physi- kalische Aufgabe: Beweise für die Wellennatur des Lichts.


