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4. Chronik der Anſtalt.
Im Herbſt 1875 wurde der israelitiſche Religionslehrer Baruch Plaut als Lehrer an die jü⸗ diſche Schule zu Menden in Preußen verſetzt. Er hatte ſeit Februar 1866 bis Herbſt 1875 den Unterricht in der israelitiſchen Religion und hebräiſchen Sprache, ſeit Frühjahr 1874 auch denjenigen im kaufmänniſchen Rechnen mit vorzüglichem Erfolge geleitet. Seine Stelle wurde durch Verfügung Großh. Miniſteriums d. J. vom 12. Juni 1876 dem Religionslehrer der israelitiſchen Gemeinde zu Michelſtadt, Heinemann Neumark aus Vollmerz im Kreiſe Schlüchtern, übertragen. Derſelbe wurde am 23. Mai d. J. in ſeinen Dienſt eingewieſen und übernahm vorerſt den israelitiſchen Religionsunterricht an der Realſchule. Leider hat derſelbe bereits wieder ſeine Stelle an der jüdiſchen Gemeinde niedergelegt und wurde hierauf durch Gr. M. d. J. ſeiner Functionen an der Realſchule am 7. September enthoben.
Hinſichtlich der Lokalfrage iſt zu den in dem früheren Programm enthaltenen Angaben noch Fol⸗ gendes nachzutragen. Am 6. Jan. d. J. nahm eine Commiſſion, beſtehend aus den Herren Miniſterial⸗ rath Knorr, Oberſchulrath Greim, Oberbaurath Müller und Medicinalrath Hallwachs, Einſicht von den verſchiedenen Plätzen, welche zur Erbauung des Realſchulgebäudes von Seiten des Gemeinderalhes vorgeſchlagen worden waren. Die Majorität des Gemeinderathes hatte nämlich, mit Rückſicht auf die geſunde Lage, ſowie auf die von Erbach und den umliegenden Orten zu Fuße kommenden Schüler beſchloſſen, daß der Bau an das Südende der Stadt geſtellt würde, während eine ſehr anſehnliche Minorität wegen der mit der Bahn täglich kommenden Schüler, deren Anzahl ſchon jetzt durchſchnittlich 30— 40 beträgt und nach dem Weiterbau der Bahn noch zunehmen wird, denſelben an das Nordende unweit des Bahnhofes ausgeführt haben wollte. Nur Ein Mitglied des Gemeinderathes war für die Erbauung des Realſchulgebändes im Garten des alten Badehauſes. Der Unterzeichnete hat in Uebereinſtimmung mit ſeinen darauf bezüglichen amtlichen Ausführungen bei dieſer Gelegenheit wiederholt erklärt, daß er von vornherein, mit Rückſicht auf die mit der Bahn täglich kommenden Schüler, die Erbauung des Realſchulgebäudes in die Nähe des Bahn⸗ hofes an das Nordende der Stadt für ſehr wünſchenswerth erachtet habe. Er hielt dieſe Lage auch durch die Rückſicht auf die Zukunft Michelſtadts, das nach dem Vorgang anderer kleinen Städte nach der Bahn hin ſich dereinſt erweitern wird, geboten. Dieſe Erweiterung der Stadt würde in der Folge die Schule in dieſelbe verlegen und den Nachkommen, welche an den für die hieſige Gemeinde höchſt bedeutenden Aus⸗ gaben mit tragen ſollen, dadurch gerecht werden. Da aber in der Nähe der Bahn kein geſunder, trockner Bauplatz zu finden iſt, ſo hat er vorgeſchlagen, das alte Badhaus nebſt dem dazu gehörigen Gebäude zur Erbauung des Realſchulgebändes zu benutzen. Dieſer Platz würde nach ſeiner Anſicht alle gewünſchten Vortheile vereinigt haben. Er liegt nicht allzufern der Bahn, iſt von dem Staub und Geräuſch verkehrs⸗ reicher Straßen nicht behelligt, umgeben von Gärten und dem erfriſchenden Grün der Bäume und zugleich von den zu Fuße von Erbach und Umgebung kommenden Schülern leicht zu erreichen. Der Unterzeichnete hat es ſich indeſſen angelegen ſein laſſen, den von der Majorität vorgeſchlagenen Bauplatz gewiſſenhaft zu prüfen und vom pädagogiſchen Standpunkte aus diejenigen Maßnahmen zu bezeichnen, unter welchen dieſer Platz ſo zweckmäßig als möglich hergerichtet werden kann. Dieſe Maßnahmen ſind im vorjährigen Pro⸗ gramm in ſechs Punkten zuſammen geſtellt. Großh. Regierung hat nach der Einſichtsnahme der verſchie⸗ denen Bauplätze verfügt, daß das neue Realſchulgebäude an das Südende der Stadt, beim Ausgang rechts von der Staatsſtraße, zu errichten ſei. Inzwiſchen hat die Großh. Regierung den Ständen wegen Ge⸗ währuug von ½ der Baukoſten aus Staatsmitteln Vorlage gemacht, und dieſe haben mit Berückſichtigung der ungünſtigen finanziellen Lage Michelſtadts dieſe Vorlage einſtimmig genehmigt. Die Generalver⸗ ſammlung der Sparkaſſe zu Erbach hat ferner beſchloſſen, dem Geſuche des Gemeinderathes um Gewäh⸗ rung eines Darlehens zu 3% zu willfahren. Somit ſteht nunmehr der Ausführung des Baues Nichts weiter entgegen.
Im Laufe des Monats Mai mußte die ſeither im Hauſe des Schreinermeiſter Wiener befindliche IV. Klaſſe ein anderes Lokal beziehen. Der Hauseigenthümer hatte nämlich unter dem Schullokale zur Herrichtung einer Sägemühle verſchiedene Pfeiler und Durchzüge wegnehmen laſſen. Hierdurch hatte ſich der Boden des Schulzimmers bedeutend geſenkt, und die geringſte Bewegung der Schüler erzeugte große Schwankungen. Der zu Rathe gezogene Techniker erklärte ein längeres Verbleiben der Schule in dieſem Lokale für gefährlich. Wir waren daher genöthigt, ein anderes Lokal aufzuſuchen und fanden ein ſolches in dem Saale des Gaſthauſes zur Amſel, der ſofort zu einem Schulſaale hergerichtet wurde. Da dieſer


