Jahrgang 
1870
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22 der Schule durchdringe endlich der Geiſt einer wahrhaft chriſtlichen Erziehung, welche von dem zarteſten Alter die Kinder zu deſſen Füßen hinführt, der mit den liebreichen Worten ſie felbſt zu ſich einladet, wenn er in erbarmender Liebe in das Herz jedes treuen Lehrers hineinruft:Laſſet die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn ſolchen iſt das Reich Gottes.

Dieſes hohe, erhabene Ziel im Auge, hat unſere Schule nun, wie ich auf der Actusrede 1868 auszu⸗ führen die Ehre hatte, von ihrer Gründung bis dahin in ſtets fortſchreitender Weiſe gewirkt. Von kleinen Anfängen ausgehend, iſt ſie den Bedürfniſſen unſerer Stadt und der ausgedehnten Gebirgsgegend zwiſchen Main, Neckar und Bergſtraße mit großem Fleiße nachgegangen und hat durch ihre ſtetig fortſchreitende Entwicklung ſowohl, als auch durch eine Reihe an ſie gelehnter gemeinnütziger Anſtalten zum Aufblühen des Handels, der Indu⸗ ſtrie, des Ackerbaues und der Gewerbe ſowohl, als auch zur Ausbildung für die gelehrten Berufsarten ge⸗ arbeitet. Im Hinblick auf dieſe ſtetig fortſchreitende Ausbildung unſerer Schule durften wir daher die zuver⸗ ſichtliche Erwartung auf dem vorigen Actus ausſprechen, daß auch unſere Schule die dem Realſchulweſen durch die erhöhten Anforderungen bevorſtehende Entwicklungsphaſe ſiegreich beſtehen und mit ihren Schweſteranſtalten, mit welchen ſie ſeit ihrer Gründung auf gleicher Stufe ſtand, zum Heil und Segen der Stadt und des Oden⸗ waldes im Weſentlichen dieſelbe Organiſation, Zielpunkte und Berechtigungen erhalten werde. Dieſe erhöhten Anforderungen konnten aber nur durch die Erweiterung unſerer Schule um eine Oberklaſſe und die entſprechende Vermehrung der Lehrkräfte befriedigt werden, weil ein ſicherer Abſchluß der allgemeinen Bildung eine gewiſſe Altersreife des Schülers vorausſetzt, weil die Grundlagen einer harmoniſchen, geiſtigen und ſittlichen Ausbil⸗ dung, die von jeher in dieſer Schule gelegt wurden, nur bei einer größeren Reife des Körpers und des Geiſtes ſo weit ausgebeutet werden können, daß die ganze Bildung denjenigen Abſchluß gewinnt, den heutzutage das Leben fordert und den der Staat zur Ertheilung wichtiger Berechtigungen nothwendig verlangen muß. In dieſer Oberklaſſe iſt der Unterricht in einzelnen wichtigen Disciplinen, in den Sprachen, in der Mathematik und Naturkunde, in der Geſchichte und Geographie auf diejenigen Gebiete auszudehnen, welche für das jugend⸗ liche Alter der Schüler unſerer früheren erſten Klaſſe noch zu ſchwierig ſind; wichtiger noch aber iſt die Auf⸗ gabe dieſer Klaſſe, durch fortgeſetzte Wiederholungen der in den verſchiedenen Klaſſen erreichten Klaſſenziele die Schüler in ihren Kenntuiſſen mehr und mehr zu befeſtigen und hierdurch zugleich den geiſtigen und ſittlichen Anlagen diejenige Ausbildung zu geben, welche einen ſicheren und dauernden Einfluß auf die Richtung des Charakters hat. Durch die Erweiterung unſerer Schule ſollte alſo keineswegs eine einſeitige Weiterführung in einzelnen Unterrichtsgegenſtänden zum Zweck der Vorbereitung für ein ſpecielles Fach erzielt werden. Die er⸗ weiterte Realſchule ſoll auch keine Fachſchule ſein, weder für den Kaufmann, Fabrikanten, Techniker oder Chemiker, noch für die ſpecielle Vorbereitung für den gelehrten Beruf, nein, ſie ſoll eine allgemein bildende Anſtalt bleiben; jedoch ſollen ihre Zielpunkte ſo vorgerückt werden, daß den erhöhten Anforderungen des Lebens und des Staates Genüge geſchehe und der Eintritt in die dem Alter entſprechenden Klaſſen des Gymnaſiums oder der polytechniſchen Schule den Schülern ermöglicht werde. Im Hinblick auf dieſes Ziel werden wir da⸗ her bei den künftig auzuordnenden Prüfungen unſere Aufmerkſamkeit dahin richten, daß der Abiturient der Realſchule ein beſtimmtes Maß poſitiven Wiſſens ſicher beherrſcht und ſeine Charakterentwicklung ſoweit fort⸗ geſchritten iſt, daß das Bedürfniß nach höherer geiſtiger und namentlich ſittlicher Entwicklung unverlierbares Eigenthum geworden iſt. Im Hinblick auf dieſes Ziel unſerer Schule hat daher dieſes Jahr das Lehrer⸗ perſonal bei der Ertheilung von Prämien eine beſondere Aufmerkſamkeit auf die Sicherheit der Keuntniſſe innerhalb der Klaſſenziele und auf ein geſetztes, gutes Betragen in⸗ und außerhalb der Schule gelegt und nach ſorgfältiger Erwägung folgende Schüler eines Lobes würdig befunden:(Namenverleſung).

Dieſe ehrenvolle Auszeichnung, welche euch vor euren Mitſchülern, vor euren Eltern und Lehrern, vor dieſer großen Verſammlung zu Theil wurde, kann euch und euren Mitſchülern zum bleibenden Segen ge⸗ reichen, wenn ſie euch veranlaßt, auf dem betretenen Wege weiter fortzuſchreiten und unabläſſig das Ziel im Auge zu behalten, das euch die erweiterte Realſchule vorhält. Der Abiturient der Realſchule ſoll ein be⸗ ſtimmtes Maß des Wiſſens ſicher beherrſchen, vor Allem aber ſoll ſein Charakter ſo befeſtigt ſein, daß der Drang nach höherer geiſtigen und ſittlichen Vervollkommnung ihm unverlierbares Eigenthum geworden iſt. Dieſes Ziel müßt ihr unabläſſig im Auge behalten und in dem Ringen nach demſelben werdet ihr durch euren Fleiß und durch euer gutes Betragen die Muſter und Vorbilder für eure Mitſchüler ſein können, ja es wird dann dieſes Lob nicht für eure Schulzeit allein, ſondern für euer ganzes Leben euch ein Antrieb werden, nach immer höherer geiſtiger und ſittlicher Vervollkommnung zu ringen.

Hohe und hochgeehrte Anweſende! Das unter ſorgfältiger Beachtung des realiſtiſchen Bildungszieles und des ſeitherigen Entwickelungsganges unſerer Schule vorhin angegebene Endziel der erweiterten Realſchule