Jahrgang 
1869
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AᷓARE

Donnerſtag, den 18., und Freitag, den 19. Juni, machten wir unſern diesjährigen Sommerausflug. An dem erſtgenannten Tage rückte die ganze Schule, von ſechs Lehrern geführt, Morgens um 5 Uhr aus. Unſer Weg führte über Steinbach, die Kohlgrube und das Reichelsheimer Forſthaus. Jenſeits deſſelben hielten wir an einer ſchattigen Waldſtelle, die uns einen Blick auf einen Theil des Moſſauer Thales verſtattete, unſere erſte Raſt und trennten uns alsdann von den kleineren Schülern, die von Herrn Kromm geführt, einen Spaziergang durch das Moſſauer Thal machten und ſchon am Mittag desſelben Tages zu Hauſe wieder ein⸗ trafen. Wir ſetzten hierauf unſere Reiſe weiter fort, und gelangten über die Geiswieſe, die eine unvergleich⸗ lich ſchöne Ausſicht auf das herrliche Gerſprenzthal gewährt, und über Bockenroth nach Reichelsheim. Vor den glühenden Strahlen der Sommerſonne flüchteten wir in eine kühle Halle und brachten unter heiteren Geſängen und kurzweiligen Fragen und Erzählungen, womit Herr Candidat Langrock die Jugend unterhielt, einige Stun⸗ den hin. Ueber Laudenau gelangten wir hierauf auf die Neunkircher Höhe, von der aus ſich jedoch nur geringe Ausſicht bot, da die Luft nicht ganz rein war. Durch herrliche Buchenwaldungen führte unſer Weg zu dem auf einem Baſaltkegel gelegenen Schloſſe Lichtenberg und von da nach Groß⸗Bieberau, wo wir im Hauſe des Herrn Ruths gar freundlich empfangen wurden, und nach einem ermüdenden Marſche Ruhe und Erquickung fanden. Dort fanden wir einen Brief von Herrn Abgeordneten Breidert vor, der uns die freudige Nachricht brachte, daß des Tages zuvor der Antrag des Finanzausſchuſſes der 2. Kammer der Stände, wonach unſerer Realſchule weitere 900 fl. aus Staatsmitteln verwilligt werden ſollten, genehmigt worden war. Dieſe freudige Nachricht, an die ſich die Hoffnung auf die zeitgemäße Erweiterung unſerer Schule knüpfte, verfehlte nicht, die freudigſte Aufregung bei Lehrern und Schülern hervorzubringen. Während unſer ſchön decorierter Speiſeſaal unter den Händen un⸗ ſers geſchäftigen Wirthes in ein bequemes Strohlager umgewandelt wurde, führte unſere Schule unter dem Zuſammenſtrömen eines hörluſtigen Publikums einige heitere und ernſte Geſänge aus. Am nächſten Morgen ſetzten wir ſodann unſern Marſch fort über das lieblich gelegene Schloß Otzberg, von dem man eine umfaſſende Ausſicht über die Rhein⸗ und Mainebene genießt und auch deutlich Rhön und Taunus, die hervorragendſten Puncte von der Bergſtraße, Melibokus und Felsberg, ja ſogar den fernen Katzenbuckel erkennen kann. Von hier gelangten wir auf den Zipfen, wo eine ſehr ſchöne Gartenwirthſchaft angelegt iſt. Auf dem Höhenweg, der durch herrliche Waldungen führt und der an freien Stellen Blicke in das Gerſprenz⸗ und nach der andern Seite in das Mümlingthal gewährt, von dem aus man endlich den Breuberg in verſchiedener Anſicht hat, gelangten wir über Kirch⸗Brombach nach Michelſtadt, wo wir erſt Abends um 10 Uhr einrückten!

Am 29. Auguſt wurde die Feier der 25jährigen definitiven Wirkſamkeit des Herrn Reallehrers Litt von Seiten der Schule durch einen entſprechenden Geſang der Schüler und eine feierliche Anrede des Directors be⸗ gangen. Sichtlich gerührt, dankte Herr Litt für den mitten aus dem Kreis ſeiner langjährigen, geſegneten Wirkſamkeit hervorgegangenen Beweis der Anerkennung. Am Nachmittage machte das geſammte Lehrerperſonal mit allen Schülern einen Ausflug nach einem benachbarten, ſchön gelegenen Punkt im Wald

Am 18. September wurde die Turnprüfung bei günſtiger Witterung und unter zahlreicher Betheiligung des hieſigen Publikums, ſowie der Eltern und Angehörigen der auswärtigen Schüler abgehalten. Die mit großem Fleiße ausgeführten Ordnungs⸗ und Freiübungen, ſowie die mit pädagogiſchem Tacte ausgewählten Ge⸗ rätheübungen wechſelten mit dem Vortrag ſicher eingeübter Geſänge.

Unſere nicht öffentliche Prüfung fand den 24. und 25. September mit allen Klaſſen ſtatt.

Nachdem der hieſige Stadtvorſtand einen dem Staatsbeitrag gleichen Zuſchuß unter entſprechender Er⸗ höhung des Schulgeldes genehmigt hatte, konnte die Erweiterung der Schule vorgenommen werden.

An die durch die Erweiterung der Schule neugeſchaffene Stelle wurde der Reallehrer Dr. Burger durch Allerhöchſtes Decret vom 23. Sept. 1868 ernannt. Derſelbe wurde am 19. October in ſeinen Dienſt an der hieſigen Realſchule eingewieſen.

In Folge der Erweiterung der Anſtalt fanden die Beſoldungsverhältniſſe der Lehrer eine neue Regelung, indem durch Allerhöchſte Decrete vom 7. Nov. 1868 ſowohl dem Direktor, als auch den Reallehrern Litt und Kromm Gehaltszulagen ertheilt wurden. Durch Verfügung Großh. Oberſtudiendirection vom 3. Dec. wurden die Remunerationen der Hilfslehrer Roth und Hilß, ſowie des Pedellen entſprechend erhöht.

Durch Verfügung Großh. Oberſtudiendirection vom 25. Oct. wurden wir beauftragt, nach der erfolgten Ernennung des für die Erweiterung der Realſchule erforderlichen neuen Lehrers, die Oberklaſſe zu eröffnen und zu der öffentlichen Erklärung ermächtigt, daß die nunmehr vollſtändig organiſierte Realſchule alle einer ſolchen zukommenden Berechtigungen, insbeſondere auch das Recht zur Ausſtellung gültiger Zeugniſſe für die wiſſen⸗ ſchaftliche Qualification zum einjährigen Militärdienſte erhalten werde.

Am 16. November fand hierauf die feierliche Eröffnung der nunmehr vollſtändig organiſierten Realſchule