Jahrgang 
1892
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5) Chronik.

Im Laufe des Sommersemesters erfuhr der Unterricht eine Störung dadurch, dass Herr Altendorf an einer längeren militärischen Dienstleistung teilnehmen musste. Die Kollegen waren so freundlich, seinen Dienst zu versehen.

Durch Allerhöchstes Dekret vom 9. Juni wurde Herr Altendorf zum Grossherzoglichen Gymnasiallehrer ernannt.

Mit Schluss des Sommerhalbjahres wurde der provisorische Lehrer Herr Collin auf ein halbes Jahr beurlaubt, um sich germanistischen Studien an der Hochschule zu Giessen widmen zu können. An seine Stelle trat der Gymnasiallehramtsaccessist Herr Dr. Lorenz Schneider.*) Zu gleicher Zeit legte, durch Gesundheitsverhältnisse und sonstige amtliche Geschäfte genötigt, der Religionslehrer der Anstalt, der zugleich das Hebräische unterrichtete, Herr Pfarrer Draudt sein Amt nieder. Mit Genehmigung Grossherzoglichen Ministeriums des Innern, Abteilung für Schul- angelegenheiten, wurde der Unterricht in der Religion dem Herrn Pfarrer Wagner zu Wetterfeld, derjenige im Hebräischen dem Herrn Pfarrassistenten Koller dahier übertragen.

Am 24. Juni, bew. am 8. August unterzogen sich die Ober-Primaner Eugen Haas aus Offenbach und Karl Wendel aus Lauterbach mit Erfolg der Reifeprüfung. Der erstere wird Militär, der andere will Jura studieren.

Der Tagesausflug aller Klassen wurde am 17. Juli gemacht. Die Prima erstreckte ihren Marsch bis zur Amöneburg, die Sekunda hatte sich als Ziel den Oberwald gewählt; die übrigen Klassen hielten sich mehr in der Nähe. Das eigentliche Eisfest konnte dieses Jahr zuerst im März und zwar am 7. dieses Monats stattfinden. Der Tiergärtner Teich bot trotz des herein- brechenden Frühjahrs eine ausgezeichnete Eisfläche dar, auf der die Jungen bis zur völligen Ermüdung sich tummelten. Im übrigen machten die Klassen, soweit das Wetter es erlaubte, ihre regelmässigen Spaziergänge.

Den Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers feierte die Schule durch einen öffentlichen Redeakt. Herr Altendorf hielt die Festrede.

Am Tage der Beisetzung unseres so jäh vom Tode dahin gerafften Landesherrn, des Gross- herzogs Ludwig IV. Kgl. Hoheit fand eine Gedächtnisfeier statt, wobei der Direktor dem Schmerze über den Verlust des so vortrefflichen Fürsten Ausdruck gab.

*) Derselbe berichtet über seinen Lebenslauf Folgendes: Ich, Lorenz Schneider, geboren zu Bretzenheim (Kreis Mainz), besuchte die Volksschule meines Geburtsortes, sodann das Gymnasium zu Mainz, auf dem ich Herbst 1885 das Reifezeugnis erhielt. Darauf studierte ich in Giessen klassische Philologie, Geschichte und Deutsch und bestand die Staatsprüfung am 15. Januar 1890. Am 1. Juli 1889 wurde mir von der philosophischen Fakultät der Landesuniversität für eine eingereichte philologische Facharbeit der akademische Preis zuerkannt, und am 19. Juli 1891 wurde ich zum Dr. phil. von derselben Fakultät befördert. Vom 1. April 1890 bis 1. April 1891 diente ich als Einjährig-Feiwilliger beim Infanterie-Regiment 116(Giessen). Vom 1. April vorigen Jahres ab war ich Accessist und Mitglied des pädagogischen Seminars in Darmstadt, wobei mir in den Monaten August und September eine Reihe von Unterrichtsstunden am Ludwig-Georgs-Gymnasium ebendaselbst übertragen wurde; am 21. September 1891 wurde ich zur provisorischen Verwaltung einer Lehrerstelle an das Gymnasium Fridericianum berufen.