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nach Egin und befuhr dann bei Hochwaſſer den Suphrat zum zweiten Male auf einem Hammelfloß.
Das Heer der Gegner unter Ibrahim Paſcha ſtand im Frühjahr 1859 in Nordſyrien bei Aleppo. Das Amt eines Generalſtabschefs verſah ein Franzoſe, Hauptmann de Beaufort d' Hautpoul— Moltke hat ihm 32 Jahre ſpäter, im Januar 1871, bei den Vorverhandlungen über die Kapitulation von Paris nochmals gegenübergeſtanden. Um die Grenze gegen Syrien zu decken, ſetzte ſich Mitte April Hafiß Paſcha mit ſeinem Heere, etwa 40000 Mann ſtark, nach Biradſchik am Euphrat in Bewegung. Im Mai wurde Hafiß zum Seraskier des Orients, d. i. Befehlshaber über alle Truppen in Aleinaſien er⸗ nannt. Moltke riet ihm, zunächſt die beiden andern Uorps unter Hadji Ali, Izzet Mehmet und Osman Paſcha heranzuziehen, um ſo mehr, als Hafiß Heer zum guten Teil aus widerſpenſtigen Kurden be⸗ ſtand; Hafiß aber glaubte ſtark genug zu ſein, und das ward ſein Verhängnis. Anfang Juni bezog er ein feſtes Lager weſtlich von Biradſchik, unweit Niſib. Am 20. desſelben Monats ſetzte ſich Ibrahim mit 50000 Mann in Bewegung. Durch einen geſchickten Flankenmarſch, dem Hafiß unthätig zuſah, zwang er das Türkenheer zur Frontveränderung. Noch war Rettung möglich, Rückzug nämlich nach Biradſchik. Doch davon wollte der koranfromme Haſiß nichts wiſſen. Seine Mollahs, das ſind Prieſter, hatten ja die Stunde der glücklichen Entſcheidung vorausberechnet. Im Vertrauen auf ihre Kunſt, ließ der türkiſche Befehlshaber koſtbare Stunden ungenützt ver⸗ ſtreichen, ſo daß ihm Moltke ſagen konnte:„Morgen, wenn die Sonne wieder hinter jenen Bergen untergeht, wirſt Du wahrſcheinlich ohne Heer ſein.“ Um nicht ſelbſt für das kommende Unheil verantwortlich gemacht zu werden, erbat Moltke, zudem durch Mrankheit erſchöpft, um Enthebung von ſeinem Poſten.„Ss verſtehe ſich von ſelbſt— ließ er dem Paſcha ſagen—, daß er das Gefecht, wie jeder andere Soldat, mitmachen werde, daß aber ſeine Stellung als Müſteſchar oder Rat⸗ geber von Stund an aufgehört habe.“ Nur die dringendſten Bitten des Paſchas konnten ihn bewegen zu bleiben, um zu retten, was zu retten war. Als der Morgen des 24. Juni graute, hatte Ibrahim den Umgehungsmarſch vollendet und die Türken von der Rückzugs⸗ linie abgeſchnitten. Nach wenig Stunden war Hafiß geſchlagen, ſein Heer verſprengt. Hu den Füßen Ibrahims, des Siegers, lag Alein⸗ aſien; der Weg nach Stambul ſtand ihm offen. Ein Brief von Vinckes an Hauptmann Fiſcher ſtellt Moltke ein glänzendes Zeugnis aus: „Moltke hat ſich in allen Verhältniſſen wie ein chevalier sans peur


