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Museum zu Berlin hat ein Gemälde der westphälischen Schule ungefähr aus dem Jahre 1400. In der Mitte sind Maria und das göttliche Kind auf dem Monde, daneben auf Stufen zwölf Löwen mit dem apostolischen Glaubensbekenntnisse. Zu beiden Seiten stehen ausserchristliche Propheten, jeder mit einem Spruche: zur linken Mariens steht Albumasar, zur Rechten Virgil, auf dessen Spruchband zu lesen ist:
Ultima Cumaei jam venit carminis aetas,
Magnus ab aeterno saeclorum nascitur ordo.
Weiter unten ist zu beiden Seiten je eine Sibylle dargestellt, auf dem Spruchbande der einen liest man die beiden folgenden Verse der vierten Ecloge.
Die Zahl der christlichen Kunstwerke, sowie der christlichen Dichtungen und der Aussprüche der Männer der Wissenschaft, in denen allen Virgil's vierte Ecloge als Weis- sagung des Welterlösers gedeutet ist, hätte noch vermehrt werden können. Doch haben wir geglaubt, im Hinblick auf den Umfang unsrer Abhandlung es unterlassen zu müssen, zumal als Thatsache obnedies feststeht, dass diese Ansicht bis in's siebenzehnte Jahrhundert allgemein war. Erst da erhob sich Casaubonus, David Blondel, Galläus, Joh. Reiske mit anderer Meinung und im achtzehnten Jahrhundert Heumann; aus neuerer und neuester Zeit nennt Piper als Gegner der christlichen Deutung Heyne, Voss und Genthe. Heyne ¹) declamirt pathetisch: dici vix potest, quam inanem operam et olim grammatici et hine viri docti vana religione capti navaverint, um in der vierten Ecloge ein Vaticinium der Sibylle auf Christus zu finden. Sein Hauptbeweis ist darauf gegründet: die Juden seien nie von den Römern soviel beachtet worden, dass diese ihre religiösen Ansichten ange- nommen und in Liedern verherrlicht hätten. Heyne hatte bei sciner Gelehrsamkeit über- sehen oder nicht gewusst, dass die Messiasidee im Bewusstsein auch der Heiden lag und in zauberhaft schöner Form in den griechischen Sibyllenbüchern namentlich den Gebildeten der Heidenwelt zugäünglich war und dass Virgil griechische Vorbilder studiert hatte. Johann Heinrich Voss tritt mit grosser Leidenschaftlichkeit auf. Nachdem er die Frage gestellt, wer dieser Knabe(den Virgil besingt) sei, schreibt er höhnend:„Der Heiland! antworten die Andächtigen, deren mystische Erbauung wir nicht beunruhigen wollen..... Jene Vernunftzweifel werden der heiligen Hermeneutik nicht schwer zu beantworten sein.“ Be- treffs der Schlange, die sterben soll, versteigt er sich sogar zu der ganz unbegreiflichen Aeusserung: den Andächtigen scheine die höllische Schlange bedroht zu sein. Genthe ²) bemerkt ähnlich bitter: Das Gedicht sei von Andächtigen und christlich Gesinnten sogar auf Christus gedeutet. Den genannten Gegnern schliesst sich(auch im wegwerfenden Tone) Comparetti an³), der meint:„Noch heute fehlt es nicht an solchen, welche die alte Fabelei für ernst nehmen ¹).“ Ob diese Männer wohl glaubten, dass solch lästerlicher Hohn die von ihnen behauptete Sache empfehlen werde? Eine Wissenschaft, die die Leidenschaft zu Hilfe ruft, stellt sich selbst und schon von vornherein ein böses Zeugniss
1) Argumentum zur vierten Eecloge.
2) Virgil's Eclogen S. 13.
3) a. a. O. S. 97.
4) Als Curiosum sei auch eine Nebelei aus Renan angeführt, der in seinem Leben Jesu S. 59 schreibt: „Der zarte und hellsehende Virgil scheint wie ein geheimes Echo dem zweiten Isaias zu antworten; die Geburt des Kindes erweckt in ihm Träume einer allgemeinen Wiedergeburt. Diese Träume waren häufig und bildeten eine Art Litteratur, welche man mit dem Namen Sibyllen bezeichnete.“
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